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Ärger um Altkleidersammlung bei H&M in Göttingen

Illegale Aktion? Ärger um Altkleidersammlung bei H&M in Göttingen

Die Altkleidersammlung des Modeunternehmens H&M ist möglicherweise illegal – zumindest in Göttingen. Die Firma hat ihre Aktivitäten bisher nicht bei der Unteren Abfallbehörde angemeldet, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Zudem erklärt die Stadt auf Nachfrage, dass sie diese und andere gewerbliche Altkleidersammlungen nicht genehmigen werde.

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Nach Angaben der Stadt nicht angemeldet: Altkleidersammlung in der Göttinger H&M-Filiale in der Weender Straße 72/74.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Sie stützt damit die Göttinger Entsorgungsbetriebe, die selbst ein Sammelsystem vorhalten. Zudem klagen Göttinger Wohlfahrtseinrichtungen über die H&M-Aktion. Sie fürchten Einbußen bei ihren Sammlungen.

Unter großem Mediengetöse hat das Modeunternehmen H&M eine Altkleider-Aktion gestartet: Wer in den teilnehmenden Filialen eine Tüte mit gebrauchten Kleidungsstücken abgibt, erhält einen Gutschein für 15 Prozent Rabatt auf einen H&M-Artikel seiner Wahl. Pro Tag dürfen Kunden maximal zwei Tüten in die H&M-Sammeltonne werfen. Bei lokalen Organisationen, die Altkleider für soziale Zwecke sammeln, aber auch bei der Stadt Göttingen und ihren Entsorgungsbetrieben stößt die Aktion auf wenig Gegenliebe. Auch formalrechtlich genehmigt ist die H&M-Sammlung nach Angaben der Stadt bisher nicht. 

Der Textilgigant erklärt, mit seiner weltweit angelegten Aktion den nachhaltigen Umgang mit Kleidungsstücken „in unserer Verantwortung für die Gesellschaft und die Umwelt“ fördern zu wollen. „Es werden alle Kleidungsstücke von allen Marken und auch in jedem Zustand akzeptiert“, versichert H&M-Sprecherin Anna-Kathrin Bünger. H&M verkauft die eingesammelten Altkleider wiederum an ein Schweizer Recycling-Unternehmen. In der Region nimmt zurzeit nur die Filiale in der Weender Straße 72/74 an der Aktion teil, nicht aber die H&M-Geschäfte in der Weender Straße 18 und im Northeimer Grafenhof-Einkaufscenter – sie sollen im April nach Ende einer Testphase folgen.

„Das könnte bedeuten, dass wir einen erheblichen Rückgang bei unseren Kleiderspenden erleiden“ , fürchtet jetzt Ernst Simme, Betriebsleiter bei der neuen Arbeit Brockensammlung, eine Sozialeinrichtung der Diakonie.Simme will in den kommenden Wochen genau beobachten, wie sich das H&M-Projekt entwickelt. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sieht die H&M-Idee kritisch: Der Hilfsorganisation fehlten dadurch Kleiderspenden, und sie nehme daher weniger Geld für soziale Projekte ein, sagt DRK-Sprecher Dieter Schütz.

Überdies ist die Aktion des schwedischen Bekleidungsunternehmens möglicherweise illegal, zumindest in Göttingen. Denn im gerade einmal  sieben Monate alten Kreislaufwirtschaftsgesetz zur Abfallvermeidung und -verwertung ist klar geregelt, wer unter welchen Bedingungen Altkleider gewerblich sammeln darf. Zunächst muss das Unternehmen oder die Initiative die Pläne bei der Unteren Abfallbehörde „anzeigen“ – also dort vorab melden. Das ist in Göttingen die Stadt selbst. Die fragt andere Behörden, Anbieter und sonstige Beteiligte, ob es Einwände gibt. Dann entscheidet sie, ob sie die Sammlung genehmigt. Für gemeinnützige Sammlungen – zum Beispiel von Kinderfeuerwehren – gelten andere Vorgaben.

Nach Angaben der Stadt Göttingen haben bisher neun Firmen gewerbliche Altkleidersammlungen angezeigt – H&M sei nicht darunter. Abgesehen von einem dreijährigen Bestandsschutz für wenige schon länger aktive Sammler werde die Stadt aber alle weiteren Aktivitäten untersagen, ergänzt Stadtsprecher Hartmut Kaiser auf Anfrage.

Der entscheidende Grund dafür: Auch die Göttinger Entsorgungsbetriebe sammeln Altkleider und wollen ihr Erfassungssystem dafür ausbauen. Als öffentlich rechtlicher Entsorgungsträger habe der städtische Betrieb Vorrang, ergänzt Franz Rottkord, Leiter der GEB-Abteilung Abfallwirtschaft. Schon jetzt hielten die GEB an 70 Standorten Altkleidercontainer vor. Die Erlöse aus dem Verkauf der Schuhe und Textilien fließe in den Gebührenhaushalt der Müllabfuhr. „Dadurch sind die Abfallgebühren niedriger. Wir sammeln also zugunsten der Bürger“, sagt Rottkord.

Zurzeit liege der Erlös für eine Tonne Altkleider bei mehr als 400 Euro. Leider sinke die Altkleidermenge in den städtischen Containern seit ein paar Jahren. Im Jahr 2008 habe die damalige Stadtreinigung noch 532 Tonnen gesammelt. Im vergangenen Jahr seien es nur noch 420 Tonnen gewesen, so Rottkord.

Kommentar: Auf die Finger sehen

Natürlich ist es total vorhersehbar, gegen wen sich die Kritik an der H&M-Altkleideraktion jetzt richtet: Der böse Klamotten-Gigant aus Schweden klaut den armen Kleininitiativen vor Ort ihre Grundlage, um Gutes zu tun. So weit, so politisch korrekt. Andererseits: Auch bei den traditionellen gemeinnützigen Organisationen landet viel Brauchbares im Reißwolf und endet als Putzwolle oder Füllmaterial.

Hier könnte die H&M-Aktion Fortschritte bringen. Dann nämlich, wenn das Projekt tatsächlich, wie H&M erklärt, zu einem geschlossenen Textilien-Wirtschaftskreislauf führen soll.

Die Erfahrung zeigt jedoch: Gerade bei solchen Aktionen, die angeblich dem Wohl der Allgemeinheit dienen, muss man Großkonzernen ganz genau auf die Finger sehen. Nicht selten sind die Väter solcher Projekte eher die Marketing-Fachleute der betreffenden Unternehmen als deren Umweltexperten. hein

Von Matthias Heinzel und Ulrich Schubert

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