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Am Schwersten wiegt die eigene Schuld

„Keiner soll einsam sein“ Am Schwersten wiegt die eigene Schuld

Immer wieder geraten Menschen in Not, werden niedergedrückt von persönlichen Katastrophen. Diesen Menschen bieten soziale Einrichtungen wichtige Hilfe. Zugunsten der regionalen Anlaufstellen in Krisenzeiten sammelt „Keiner soll einsam sein“, die Tageblatt-Benefizaktion, Spenden. In loser Folge stellen wir Schicksale vor. Heute berichtet Ursula Lembowski (Name geändert).

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Ursula: eine Frau, die ein anderes Leben versucht.

Quelle: Hinzmann

Ursulas Leben hat früh einen Sprung bekommen, einen Riss, durch den das Unglück in ihr Leben drang. Langsam, stetig. Die Drogen, die Prostitution, die Beschaffungskriminalität, die Haft. Die Probleme, die ihr das Leben schwer gemacht haben und die der 46-Jährigen jetzt die Tränen in die Augen schießen lassen.

Denn eigentlich, sagt sie, hatte sie ein gutes Elternhaus. Bis ihr Vater ums Leben kam, für sie die wichtigste Bezugsperson. Da war sie zwölf Jahre alt. Die Mutter zeichnete sich vor allem durch eines aus: Herzenskälte. Das Mädchen kam in ein Heim, betrieben vom Orden der Vinzentinerinnen. Ein Heim, das früher einen Ruf hatte – keinen guten. „Es war eine sehr strenge Erziehung“, meint Ursula. Dass diese Einschätzung die Zeit beschönigt, kann man anhand ihrer niedergeschlagenen Augen, den hilflos hochgezogenen Schultern nur vermuten. „Da war keine Liebe“, versucht sie sich an einer Erklärung ihres weiteren Lebensweges. Schuldig fühlt sie sich trotzdem.
Mit 16 Jahren wird sie in eine Jugendwohngruppe weitergereicht. Dort trifft die labile junge Frau auf die falschen Leute und macht ihre ersten Erfahrungen mit Drogen. Ein Muster, das sich fortsetzt. Ein Kreis, aus dem sie immer wieder versucht, auszubrechen. Es folgen der falsche Mann, der Abrutsch in die Kokainszene, später Heroin, die erzwungene Prostitution, der Tod des Ehemannes, der Schuldenberg, den er ihr hinterlässt. Mühsam gibt Ursula die Erinnerungen frei, deren Schatten auf ihr liegen. Die Schatten der Vergangenheit und die Folgen der Drogen, die sie wirken lassen wie einen Vogel, der immer schneller mit den Flügeln schlägt, mit pumpendem Herz.

Am Schwersten wiegt das Gefühl der Schuld. Gegenüber der eigenen Tochter, die so selbstbewusst und stark sei und sie immer unterstützt habe. „Ich weiß nicht, wie ich ihr danken soll. Ich bin so froh, dass es sie gibt.“ Doch Geschichte wiederholt sich, auch im kleinen. Die Tochter sei aus der Stadt geflohen – auch hier der „falsche Mann“. Sie sehe sie fast nie. Selbst die geringen Fahrtkosten sind zu hoch für die Tochter und die Frau, die verzweifelt versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Ein Anker für Menschen

Dabei bekommt sie Hilfe. Nüchtern gesehen bietet der Göttinger Verein „Kontakt in Krisen“ praktische Unterstützung: Arbeitssuche, Beratung, Wohnprojekte. In der Realität ist es mehr, wie Ursula schildert. Es ist ein Anker für Menschen auf stürmischer See.

Die 46-Jährige hat einen Job gefunden, ist in einer Selbsthilfegruppe, will jungen Menschen von ihren Erfahrungen berichten, um sie vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. „Es geht bergauf.“ Sie strahlt zum zweiten Mal im Gespräch. Beim ersten Mal berichtete sie von ihrer Tochter. Sie hofft, sie einmal wieder besuchen zu können. „Keiner soll einsam sein“ könnte ihr dabei helfen.

Von Erik Westermann

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