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Analphabetismus: Ein Betroffener aus der Region erzählt

Ausstellung in Göttingen Analphabetismus: Ein Betroffener aus der Region erzählt

Rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben – darunter etwa 15 000 allein in Göttingen. Dennoch redet kaum jemand über das Thema Analphabetismus. Daran wollen das Bundesministerium für Bildung und Forschung und weitere Partner etwas ändern: mit der bundesweiten Kampagne „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“.

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„Der Kurs hat sehr viel gebracht“: Früher konnte Fritz R. noch nicht einmal die Entschuldigung für seinen Sohn verfassen. Heute fällt ihm das Schreiben wieder leichter.

Quelle: Hinzmann

Die gleichnamige multimediale Ausstellung macht vom 7. bis 13. Februar in Göttingen Station. Begleitet wird sie von einem Aktionstag am 7. Februar im Neuen Rathaus, bei dem gezeigt wird, was in Göttingen für die Alphabetisierung Erwachsener getan wird – und was noch getan werden muss. Doch welche Probleme haben Analphabeten? Ein Betroffener berichtet:

Lesen und schreiben kann doch jedes Kind. Über so einen Satz kann Fritz R. (Name von der Redaktion geändert) nur lachen. Es ist ein bitteres Lachen. Fritz R. ist 54 Jahre alt, doch lesen und schreiben kann er nicht richtig. Es gab Zeiten, da konnte er noch nicht einmal die Entschuldigung für seinen Sohn verfassen.

„Ich war am Boden, wusste nicht mehr weiter“, sagt Fritz R. „Wenn die Kinder nicht gewesen wären, hätte ich mich aufgehängt.“ 

Fritz R. wuchs mit fünf Geschwistern im Eichsfeld auf, besuchte die Mittelschule. Ein guter Schüler war er nicht. „Ich habe viele Fünfen und Sechsen geschrieben“, erzählt er. Probleme mit der Rechtschreibung hatte er schon damals, nur interessierte es kaum jemanden. Mit 15 Jahren machte er seine Lehre zum Kfz-Mechaniker.

„Für die Berufsschule hat es gereicht“, erinnert er sich. Für seinen Chef auch. Der verlangte jede Woche einen Bericht. Klar machte der Jugendliche auch mal einen Fehler. Aber er konnte beschreiben, wie ein Getriebe funktioniert. Der Chef war zufrieden. Fritz R. auch.

„Da begann mein Abstieg mit der Rechtschreibung“

Er arbeitete viel, in der Landwirtschaft, auf dem Bau. „Doch das waren alles Firmen, wo ich kaum was schreiben musste“, erinnert er sich. „Nur Kleinigkeiten, wie die Tacho-Scheibe ausfüllen oder ‚drei Säcke fehlen‘ unter einen Auftrag schreiben.“ Privat lief es zudem nicht rund. Scheidung, Hochzeit, dann wieder Scheidung.

„Der übliche Rosenkrieg“, sagt Fritz R. Seine zweite Frau habe ihn mit den zwei Kindern im Stich gelassen. „Da begann mein Abstieg mit der Rechtschreibung.“

Er wurde arbeitslos, konnte die Hypothek fürs Haus nicht mehr bezahlen. „Der Druck war riesig. Seelisch, nervlich, psychisch ging es den Bach runter. Ich war völlig fertig“, erinnert er sich. Immer öfter landeten Formulare von Behörden in seinem Briefkasten. „Das Ausfüllen der ganzen Anträge fiel mir immer schwerer, irgendwann konnte ich nicht mehr.“

Fritz R. wurde immer unsicherer: „Wenn mir einer über die Schulter geguckt hat, habe ich kein Wort mehr schreiben können“. Das hatte auch Auswirkungen auf seinen neuen Job. Er ließ Kollegen seine Aufträge ausfüllen, schickte Kunden zum Mitarbeiter. „Man wird erfinderisch und versucht das zu kaschieren“, sagt er. „Man schämt sich einfach, wenn man nicht schreiben kann.“

„Hier bist du richtig“

Eines Tages fiel Fritz R. das Programm der VHS Göttingen in die Hände. Zwei Jahre rang er mit sich, einen Alphabetisierungskurs zu belegen: „Ich hatte Angst, dass ich ausgelacht werde, wusste nicht, ob es der richtige Weg ist.“ Dann ging er hin. Schon nach dem Beratungsgespräch fühlte er sich besser. Im Kurs wurde er freundlich aufgenommen. „Hier bist du richtig“, dachte er. Und noch etwas fiel ihm auf: „Auch andere haben Probleme“.

Derzeit absolviert Fritz R. seinen zweiten Kurs. Das Schreiben fällt ihm leichter. Das Lesen auch. „Ich habe eine ganze Seite darüber geschrieben, was mir der Kurs bedeutet. Das hat die Lehrerin der Klasse vorgelesen. Alle waren begeistert“, erzählt er. Er nimmt sich jetzt Zeit, verspürt keinen Druck mehr, selbst Formulare füllt er wieder aus. „Der Kurs hat mir sehr viel gebracht“, betont der 54-Jährige. Aber er weiß auch, dass er am Ball bleiben muss.

Fritz R. hat sich daher einen Duden gekauft – und ein Witzebuch. „Die meisten Witze sind zwar nicht der Brüller“, sagt er. Aber das ist egal. Es macht ihm einfach Freude, sie zu lesen.

Die Ausstellung „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ ist vom 7. bis 13. Februar im Foyer des Neuen Rathauses zu sehen. Weitere Infos und Anmeldung von Schulklassen bei Gundula Laudin (VHS Göttingen), Telefon 05 51 / 49 52 13. Internet: mein-schlüssel-zur-welt.de.
 
Lernen in kleinen Gruppen

Die Volkshochschule Göttingen (VHS) ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter für die Alphabetisierung Erwachsener in der Region. Sie bietet sieben Alphabetisierungskurse (Lesen und Schreiben) an – vier in Kooperation mit den Göttinger Werkstätten und drei offene Kurse für Göttinger Bürger.

Die Kurse, die derzeit von 66 Personen besucht werden, umfassen vier Unterrichtsstunden pro Woche.

Angesichts der hohen Zahl an Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, reiche die Zahl der Kurse nicht aus, sagt Gundula Laudin von der VHS. Die Hauptschwierigkeit bestehe allerdings darin, Betroffene zum Lernen zu motivieren. Der Bereich sei mit vielen Tabus belegt und die Betroffenen zudem schwer zu erreichen.

„Aufgrund der häufig sehr negativen Lernerfahrungen ist es zudem ein großer Schritt für Betroffene, sich für einen Kurs anzumelden, denn sie fürchten natürlich, erneut zu scheitern“, sagt Laudin.

Das Lernen in den Kursen unterscheide sich deutlich von dem in der Schule, so Laudin. Die Gruppen seien sehr klein, es gebe keine Noten und keinen Druck. Den Teilnehmern werde Anonymität zugesichert. „Denn“, so Laudin, „das Vorurteil sitzt tief: Wer nicht lesen und schreiben kann, ist dumm“. Besonders dieses Tabu gelte es zu brechen.

Weitere Anbieter von Alphabetisierung sind unter anderem: Stadtbibliothek Göttingen, Evangelische Erwachsenenbildung Südniedersachsen, Migrationszentrum Göttingen, Kreisvolkshochschule Göttingen, Institut für angewandte Kulturforschung, Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen.

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Ein Team: Mannschaft der Göttinger Werkstätten.

Die Göttinger Werkstätten veranstalten von Freitag, 26., bis Sonntag, 28. Juli, ein inklusives Fußballcamp für Menschen mit und ohne Behinderung. Nach Angaben der Werkstätten ist es das erste inklusive Fußballcamp für Göttingen.

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