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Aufsuchende Sozialarbeit im Göttinger Iduna Zentrum

Angebote für mehr als 90 Kinder Aufsuchende Sozialarbeit im Göttinger Iduna Zentrum

„Soll ich mal rückwärts?“ Nein, auf eine Antwort wartet Amondo natürlich nicht. Bevor er die Frage zu Ende gestellt hat, drück er auf den roten Knopf der Fernbedienung und seine leuchtenden Augen lassen ahnen, wie erstaunt und zugleich begeistert der Sechsjährige von dem Mini-ICE auf dem kleinen Eisenbahnrondell ist, das er mitten im Raum aufgebaut hat.

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Göttingen. Es ist viel Raum für Amondo im Vergleich zur kleinen Wohnung seiner Familie einige Stockwerke höher im Iduna Zentrum. Und er genießt es, in der noch jungen Einrichtung der Jugendhilfe Göttingen und ihrer Projektpartner spielen zu können.

Es ist eine erfolgreiche Einrichtung, die es in dieser Form in Südniedersachsen noch nicht gab. Und die auch für ähnlich problematische Wohneinheiten denkbar ist – zum Beispiel in der Groner Landstraße.

Amondo ist schüchtern und es dauert ein wenig, bis er mit dem Fremden über die Eisenbahn spricht. Die meisten anderen Kinder malen, toben und tanzen ausgelassen, zeigen stolz ihre Bilder und führen ihre Tänze auch dem Fremden vor. Neugierig wollen sie wissen, wer der Mann von der Zeitung ist. Denn es ist ihr Raum, auch wenn sie selbst Gäste sind.

Projekt ohne Namen

„Wir sind nicht als Amt und kontrollierende Instanz gekommen“, sagt Christian Hölscher, Geschäftsführer der Jugendhilfe, und fügt an: „Wir sind eigentlich Mitbewohner und laden ein – jeden Tag aufs neue. Hier sind sie willkommen – erst recht, wenn sie Hilfe brauchen.“

„Sie“, das sind vor allem  die mehr als 90 Kinder und ihre Eltern, die in dem Komplex leben – darunter sehr viele Roma. Eine homogene Gruppe, die unter sich bleibt. Und genau das sei auch im Schulalltag immer wieder ein großes Problem, sagt Corinna Scheer, neben Yasin Yilmaz hauptamtliche Betreuerin der Einrichtung.

Die Brüder-Grimm-Schule habe Alarm geschlagen, weil es häufig Schwierigkeiten mit den Roma-Kindern aus dem Iduna Zentrum gebe – auch weil die Eltern nicht in die Schule kämen. Hinzu komme das schwierige Umfeld: ein großer Wohnblock zwischen vielen Autos, aber kein Spielplatz, kein Bolzplatz oder anderes Freizeitangebot.

Spielspaß im „eigenen Haus“: Kneten und Tanz im neuen Treffpunkt der Jugendhilfe Göttingen im Iduna-Zentrum. © Hinzmann

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Aus dieser Erkenntnis heraus sei auf Anregung von Göttingens Jugenddezernent Siegfried Lieske die Idee entstanden, mit Angeboten in das Zentrum und zu den Familien zu gehen. Seit vergangenem Herbst bietet das Projekt, für das es noch keinen Namen gibt, auf etwa 120 Quadratmeter offene Spielmöglichkeiten für Kinder, die auch die Kreativität fördern.

Bis zu 40 Kinder tummeln sich an manchen Tagen in der Einrichtung. Für Jugendliche gibt es zudem Sportangebote – unter anderem Boxen. Außerdem eine Mädchengruppe. Und in der Sozialberatung an einem Vormittag, können Eltern Probleme mit Ämtern und unverständlichen Formularen klären.

Gemeinschaftsprojekt

Der vielleicht ungewöhnlichste Ansatz: ein Sprachkurs für die Mütter, die oft kein Deutsch können und schon deshalb kaum Kontakt zu den Schulen haben. Und die auch aus ihrer Kultur heraus das Haus kaum verlassen. Es ist ein Kurs, der als Gemeinschaftsprojekt wahrgenommen werde, weil er im Haus stattfindet: „Fehlt eine Mutter, läuft jemand hoch und schaut nach, was los ist“, so Scheer.

Und das Konzept gehe auf. Das Projekt scheine eine Verbindung zwischen dem familiären Lebensraum und der Gesellschaft zu schaffen. Schon jetzt würden die Kinder in der Schule eher über ihr Zuhause reden.

Und schon jetzt gebe es mehr Elternkontakte, in denen zum Beispiel geklärt werden könne, warum ein Kind oft fehlt. Ob es sich auch auf den Wohnbunker in der Groner Landstraße übertragen lässt, werde zurzeit geprüft, sagt Lieske: „Eins zu eins geht das sicher nicht, die Lage ist etwas anders – aber vielleicht variiert.“

17 Etagen, 600 Bewohner

Der Hochhauskomplex Iduna-Zentrum am Weender Tor wurde 1970 gebaut und besteht aus zwei Wohnblöcken mit jeweils 17 Etagen.

In 407 Wohnungen leben mehr als 500 Personen – Insider vermuten mehr als 600.

Zu ihnen gehören etwa 90 junge Familien und Alleinerziehende mit 80 Kindern im Alter bis zu zwölf Jahren.

Roma-Familien bilden mit weit über 200 Personen die größte und homogenste Bewohnergruppe.

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