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Aufwärmen in der Göttinger Bahnhofsmission

Außen unscheinbar, innen warm Aufwärmen in der Göttinger Bahnhofsmission

Nur ein kleines Schild mit einem roten Kreuz weist im kalten Göttinger Bahnhof auf den warmen Ort hin, der sich oben auf dem zugigen Bahnsteig befindet. Hier, zwischen Gleis vier und fünf, steht er, der graue, unauffällige Container der Göttinger Bahnhofsmission.

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Außen unscheinbar, innen warm: Der Container der Göttinger Bahnhofsmission ist Anlaufstelle für jedermann.

Quelle: Pförtner

Diese Unscheinbarkeit ist sicherlich ein Grund, warum sich viele Bahnreisende nur wenige Meter entfernt von der Eingangstür lieber mit hoch geklapptem Kragen gegen den eisigen Wind stemmen als gratis eine Tasse heißen Kaffee im Warmen zu schlürfen. Hinzu kommen Vorbehalte, Vorurteile, Ängste.

Ingeborg Piper und Sabine Schweer, zwei von derzeit 20 ehrenamtlichen Mitarbeitern, nehmen derartige Reaktionen sportlich. „Immer wenn ich Leute auf dem Bahnsteig stehen sehe, spreche ich sie an und nehme sie mit rein“, erzählt Schweer. „Die freuen sich dann und sind sehr dankbar.“

Auf diesem Weg ist auch Dieter Pirone in die Bahnhofsmission gekommen – eine Premiere, wie der sehbehinderte 54-Jährige erzählt. „Ein Mitarbeiter der Mission hat mich nach dem Aussteigen aus dem Zug angesprochen, ob er mir helfen könne. Da ich eine Stunde Aufenthalt habe, habe ich das Angebot dankend angenommen.“ Erst recht bei der klirrenden Kälte.

Hauptproblem Einsamkeit

Bis zu zehn Bahnreisende am Tag würden das Angebot der Bahnhofsmission nutzen, sagt Leiter Wolfgang Eggerichs. Hinzu kämen weitere 20 bis 30 Personen, die allein seien oder etwas essen wollten. „Das Hauptproblem ist aber nicht der Hunger, sondern die Einsamkeit.“ Das mache sich besonders während der Weihnachtszeit bemerkbar. „Heiligabend waren hier 20 Leute“, erinnert sich Eggerichs. „Wir haben für jeden ein offenes Ohr.“

Darüber freut sich auch der 54-jährige Pirone, der nur in Begleitung seines Hundes Flocke ist. „Ich freue mich, dass hier auch jemand zum Unterhalten ist“, sagt er und nippt an seinem Kaffee. Eine willkommene Pause sei das auf seinem Weg nach Lauenförde – vor allem, weil er schon mehr als vier Stunden unterwegs sei.

Jeden Tag im Jahr ist die Bahnhofsmission geöffnet. Wochentags von 7 bis 19 Uhr, am Wochenende von 8 bis 18 Uhr. „Wir machen hier Bereitschaftsdienst“, erklärt Eggerichs. „Wir wissen nie, was passiert.“ Eine spannende, erfüllende, oftmals aber auch eine nervenaufreibende Arbeit.

„Oh nein“, ruft Schweer plötzlich, und alle in der Bahnhofsmission schauen kurz erschrocken auf. „Eine alte Dame ist wohl nicht dort, wo sie sollte, aus dem Zug ausgestiegen“, flüstert Piper. Sofort greift Kollegin Schweer zum Telefonhörer. Auch das gehört zu ihrem Job: gestrandeten Reisenden den richtigen Weg weisen. Wie sich schnell herausstellt, ist die Frau nicht wie geplant bei der Bahnhofsmission in Kreiensen eingetroffen. „Sie hat wohl verpasst, dort auszusteigen“, vermutet Schweer. Das passiere häufiger.

Bei Familie Zobel hingegen hat alles geklappt. Mutter Antje und ihre drei Kinder reisen in den Harz und müssen in Göttingen umsteigen. Ihren halbstündigen Aufenthalt wollen sie aber nicht im kalten Bahnhof verbringen. „Mit drei Kindern ist das Zug fahren schon etwas anstrengender. Da freue ich mich, dass wir uns hier im Warmen aufhalten können und keiner am Bahnsteig herumturnt“, erklärt Antje Zobel, während sie – Töchterchen Anni auf dem Arm – ihren Söhnen Michel und Kai aufträgt, die Jacken auszuziehen. „Ihr glüht ja schon.“

Michel aber erzählt lieber vom Urlaub im Harz und wie sehr er sich auf den vielen Schnee freue. Schweer und Piper stellen derweil ein Tablett mit Croissants und Brötchen auf den Tisch. Familie Zobel nimmt das Angebot dankend an – und Michel steckt etwas Kleingeld in die Spendendose.

Während die Kinder begierig ihren Kakao schlürfen, sitzt Schweer schon wieder am Telefon. Nach einigen kurzen Sätzen legt sie auf und lehnt sich erleichtert zurück. „Die alte Dame ist in Kreiensen angekommen. Alles wird gut.“
Ein Video sehen Sie unter www.goettinger-tageblatt.de.

Die Göttinger Bahnhofsmission gibt es seit rund 50 Jahren. Träger ist der Diakonieverband Göttingen des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises. Partner sind die katholische Kirche, Stadt und diverse Spender. In der Bahnhofsmission kann sich jeder, vom Reisenden bis zum Obdachlosen, aufwärmen und kostenlos etwas essen oder trinken. Derzeit helfen rund 20 Ehrenamtliche mit, es werden aber weitere Freiwillige gesucht. Kontakt unter Telefon 05 51 / 5 61 90.

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Von Andreas Fuhrmann und Constanze Wüstefeld

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