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Depressionen sorgen für „erbärmlichen Zustand“

„Keiner soll einsam sein“ Depressionen sorgen für „erbärmlichen Zustand“

Als gelernte Hauswirtschafterin kann Maria P. (Name geändert) normalerweise locker ein Essen für 100 Leute auf den Tisch bringen. Dann aber gibt es Phasen, in denen ihr Herz anfängt zu rasen, und in denen sie nicht weiß, wie sie den Tag überstehen soll. „Dann kann ich nicht einmal mehr für eine kleine Familie kochen“, sagt die Mittfünfzigerin.

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Symbolisch: Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, werden wie eine Rose im Winter am Blühen gehindert.

Quelle: Blank

Immer wiederkehrende Depression lautet die Diagnose, die Ärzte der Göttingerin gestellt haben. Es sind Schübe, die sie schon mehrfach in ihrem Leben gehabt hat, die bis zu zwei Jahre andauern und die die ansonsten so lebensfroh wirkende Frau in einen „erbärmlichen Zustand“,  versetzen.

P. erinnert sich an Essstörungen, unter denen sie in der Pubertät litt. Im Alter von zwölf Jahren sei sie nicht unbedingt dick gewesen, aber die Kräftigste in ihrer Klasse. Als sie 17 Jahre alt war, die Abschlussklasse der Realschule besuchte und ihren ersten Freund kennenlernte, hatte sie einen völligen Absturz. „Mein Vater hat gedroht, meinen Freund umzubringen, wenn ich mich nicht von ihm fernhalte“, erzählt P.. Ihrem aggressiven Vater, der auch sie schlug, habe sie das geglaubt. Mehrere Monate habe sie zu diesem Zeitpunkt auch unter Schlafstörungen gelitten. Mit ihrer Mutter ging sie zu Frauen- und Fachärzten, doch Hilfe bekam sie keine. Es sei einfach alles zusammengekommen.

Bei einer Klassenfahrt wachte sie morgens in einer Nervenklinik auf. „Ich kann mich nicht an alles erinnern“, sagt sie. Sie habe sich nur gewundert, warum alle in ihrem Zimmer so friedlich schliefen, und dass sie erst einmal eine Zigarette rauchen wollte. Drei Wochen war sie in der geschlossenen Station ans Bett festgeschnallt, einmal wäre sie fast erstickt. „In den 70er Jahren war das alles noch anders. Ich habe auch keine Diagnose bekommen.“ Rückblickend spricht sie von einer Psychose. „Jeder kann so etwas in bestimmten schwierigen Lebenssituationen bekommen“, sagt P.

Als sie aus der Klinik kam, konnte sie nicht mehr lachen und musste auch das Sprechen wieder neu lernen. Freiwillig sei sie zu Nervenärzten gegangen. „Ich wollte selbst Hilfe für mich.“ Schon immer sei sie sehr stark gewesen. Woher das kommt? „Ich weiß es nicht, es ist einfach in mir.“
Als sie in die Heimat zurückkehrte, hatte sie keine Freunde mehr. „Ich war abgestempelt als Verrückte und habe mich natürlich auch geschämt. Es war der Horror.“ Kurze Zeit später fand sie durch die Kirche Beschäftigung in der Küche eines Kindergartens. Mit der Zeit wurde sie gesünder und konnte die Tabletten reduzieren. Sie bekam auch Geld für ihre Arbeit. Was sie erst später erfuhr: Nicht die Kirche bezahlte sie, sondern ihre Eltern überwiesen heimlich das Geld.

Danach war sie Haushaltshilfe auf einer Nordseeinsel. Es sollte die schönste und verrückteste Zeit in ihrem Leben werden. Sie war 22, ging jeden Abend tanzen und lernte lebensfrohe Saisonarbeiter aus dem Rheinland und ihre erste große Liebe kennen. „Von meinem Temperament her gehöre ich eigentlich auch ins Rheinland“, sagt Maria P.
Nach ihrer Zeit auf der Insel erlernte sie den Beruf der Hauswirtschafterin. „Ich konnte schon mit acht Jahren kochen und auch gut nähen. Die Ausbildung war einfach für mich“, erzählt P., die mit ihrem verdienten Geld die Freiheit genoss, sich aber auch etwas sparte. Das Ersparte konnte sie gut gebrauchen, als sie nach Göttingen kam, um dort eine Fachschule zu besuchen.

Und wenig später „ging das Dilemma wieder los.“ P. lernte ihren jetzigen Ex-Mann kennen. „Wir konnten nicht mit und nicht ohne einander“, erzählt P. Ihr Ex hatte Schulden, hing ständig bei ihr in der Wohnung herum. „Kamen die Gerichtsvollzieher, war er komischerweise nie da.“ Er sei heute noch der einzige Mensch, der sie in kürzester Zeit hochgehen lassen könne wie ein HB-Männchen. Was sie bis dahin noch nicht wusste: Auch er war krank. Während er Kinder wollte, spielte sie mit dem Gedanken, sich zu trennen. „Ich wollte kein Kind von einem Mann, der nichts gebacken kriegt“, sagt P., die dann aber doch schwanger und in den ersten drei Jahren eine glückliche, zufriedene Mutter wurde. Mit einem Mann, der sich als Familienvater engagiert habe.

Dann versuchte sich ihr jüngerer Bruder mit Tabletten umzubringen. „Er hat es nicht geschafft. Dafür aber mein Vater, der sich ein halbes Jahr später erhängt hat.“ Kurze Zeit danach brach auch ihr Ex zusammen und für P. die ganze Welt. „Wir haben erfahren, dass er manisch-depressiv ist und auch seine Mutter diese Krankheit hatte. Vorher wurde das immer totgeschwiegen.“
Der Arzt diagnostizierte bei P. zu diesem Zeitpunkt eine Überfunktion der Schilddrüse und eine immer wiederkehrende Depression. Trotz ihrer Erkrankung arbeitete die Göttingerin weiter im hauswirtschaftlichen Bereich. „Ich habe mich herumgequält. Manchmal war die Grenze zum Selbstmord ziemlich niedrig.“

Die Göttingerin spricht von drei Männern in einer Person. „Ich hatte einen depressiven, einen normalen und einen manischen Mann zu Hause sitzen.“ Auch zurzeit sei ihr Ex-Mann wieder manisch. „Er redet dann einen Schwachsinn. Das kann ich mir gar nicht anhören.“ Hinzu kam, dass er außer der Miete und einem kleinen Haushaltsgeld alles in der Kneipe vertrank oder an den Spielautomaten verlor. „Diese Jahre waren die Hölle.“ Da er sich keine Hilfe suchen wollte, trennte sie sich von ihm. 

Nach 16 Jahren fing P. wieder an, zu tanzen. „Manchmal kam mein Sohn erst früh morgens nach Hause, manchmal ich und manchmal haben wir uns morgens getroffen“, erzählt P.. Begleitet wurde sie stets von der Angst, dass ihr Sohn die Krankheiten seiner Eltern geerbt haben könnte. Dieser schlimme Verdacht bestätigte sich noch im Teenager-Alter. Offen hat er seitdem mit ihr über seine Selbstmordgedanken gesprochen. Eines Tages konfrontierte er seine Mutter damit, dass er sich dazu entschlossen habe, in einer anderen Stadt zu studieren. Weit weg von ihrem Kind, entwickelte sich bei P. eine Panik, und sie musste fünf Monate in die Psychiatrie und Tagesklinik.

Etwas mehr als ein Jahr ist das jetzt her. Mittlerweile hat sie ein Medikament gefunden, das ihre Ängste löst. Sie fühlt sich gesund, und sie hat ihre Kreativität wiederentdeckt. Sie lacht viel und hat Aussicht auf Arbeit. Was nicht verschwunden ist: die Angst, dass sich ihr Sohn etwas antun könnte. Im Hinterkopf hat sie dabei immer auch den Selbstmord ihres Vaters: „Wenn meinem Sohn etwas passiert, weiß ich nicht, was ich tue.“

Warum P. so offen über ihr Leben und ihre Erkrankung spricht? „Ich will zum Nachdenken anregen.“ Zu leichtfertig werde oft daher gesagt: „Menschen mit Depressionen müssen sich doch nur einen Ruck geben, dann geht das schon. Man wird einfach abgestempelt von der Gesellschaft.“ Besonderes erschreckend sei es, wenn sie in Tageskliniken und der Psychiatrie die vielen kranken jungen Menschen sehe.

Von Kristin Kunze

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