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Ein Abenteuer auf Zeit

Wilbert Olinde Ein Abenteuer auf Zeit

Die erfolgreiche ASC-Basketballmanschaft aus den 80er-Jahren feiert am 20. Oktober „Reunion“ mit Trainer, Spielern und Fans. Vorab hat der damalige Kapitän Wilbert Olinde dem Tageblatt von seinen Erinnerungen erzählt.

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Wilbert Olinde

Quelle: r

Göttingen. Die erfolgreiche ASC-Basketballmanschaft aus den 80er-Jahren feiert am 20. Oktober „Reunion“ mit Trainer, Spielern und Fans. Vorab hat der damalige Kapitän Wilbert Olinde dem Tageblatt von seinen Erinnerungen erzählt.

Schon wenige Sekunden, nachdem am anderen Ende das Telefon abgenommen wird, ist klar: Wilbert Olinde ist ein ziemlich fröhlicher Mensch. Olinde war Kapitän des legendären Basketball-Teams des SSC Göttingen (später ASC 46), das zwischen 1980 und ’85 fünf Titel holte.

Mit 21 Jahren kam der gebürtige Amerikaner aus Los Angeles nach Göttingen. Am 10. August 1977 sei das gewesen. Aber warum gerade in das noch geteilte Deutschland? „Ich wollte gern nach Europa, das war ein Wunsch von mir und ich konnte der Leidenschaft weiter nachgehen.“ Mit der Leidenschaft war der Basketball gemeint - in den USA spielte Olinde für seine Universität in Los Angeles.

Ursprünglich sei der Aufenthalt in Deutschland nur für ein Jahr geplant gewesen. „Dieses Jahr im August waren es 40 Jahre“, stellt er lachend fest. So viel also zum Kurztrip nach Europa. Auch aus dem eigentlich geplanten Jura-Studium in den USA wurde nichts, aber dazu später mehr. Zunächst kam der 21-jährige Olinde in Frankfurt an und verstand erst einmal nichts. „Alle um mich herum sprachen und ich wusste überhaupt nicht, was los ist“, erinnert sich der heute 62-Jährige. „Das war schon ein Gefühl von allein sein.“ Dieses Gefühl sollte aber nicht von Dauer sein, auch weil er alles daran setzte, die Sprache schnell zu lernen. Schon bei der Wohnsituation war für Gemeinschaft gesorgt, denn Olinde und Manschaftskollege Radovan Dimitrijevic lebten im gleichen Haus in Göttingen. Posthof 10 war die Adresse. „Gegenüber dem jüdischen Friedhof“, erklärt Olinde, der heute in Hamburg lebt. Als die beiden einzogen, sagte man ihnen, das Haus werde in zwei Jahren abgerissen. Das fand er schon ein bisschen komisch, erinnert sich Olinde. Es steht immer noch, wie er kürzlich bei einem Besuch in Göttingen feststellte.

Das Leben in Göttingen indes gefiel Olinde. „Es ist wenig Hektik in einer kleinen Stadt wie Göttingen. Ich hatte das Gefühl, die Leute haben mehr Zeit füreinander“, sagt der in San Diego aufgewachsene Sportler. Anders war auch der Sport: „Das Basketballspiel war ganz anders als in den USA.“ Weniger Fans und weniger Medieninteresse als in den USA, und auch an das Training in der Turnhalle einer Schule musste sich der Sportler erst gewöhnen. „In den USA sind wir erster Klasse zu den Spielen geflogen, aber in Deutschland waren es dann lange Busfahrten „, sagt Olinde lachend. Ausgemacht habe ihm das alles aber nichts. „Es war nicht schlecht, es war anders, eine Erfahrung. Ich habe die Zeit als Abenteuer gesehen.“ Es sei eine langsame Anpassung an das Neue gewesen, und zunächst habe er noch gedacht, im Sommer gehe es wieder zurück in die USA. Nachdem das erste Jahr vorüber war, wollte er aber doch noch bleiben und spielte weiter für den ASC, der fast abgestiegen war. Stück für Stück ging es dann auch für die Mannschaft bergauf. Über das Pokalfinale arbeitete sie sich bis zur Deutschen Meisterschaft hoch. In seiner zweiten Saison 1980 gewannen sie die Deutsche Meisterschaft gegen Leverkusen, einen der härtesten Gegner, wie Olinde sagt. Das erste Spiel gegen die Mannschaft hatten sie noch mit 47 Punkten Unterschied verloren.

Viele Erinnerungen sind von der Zeit in Göttingen geblieben: Oft hätte man sich auch privat nach dem Training getroffen oder Siege in der Kneipe gefeiert. So habe er die Mitspieler ganz anders kennengelernt. Trainingsfahrten nach Holland und Frankreich waren außerdem eine solche Gelegenheit. „Das war eine ganz tolle Sache und hat uns weiter zusammengeschweißt“, erzählt Olinde.

Besonders eine Auswärtsfahrt sei ihm im Gedächtnis geblieben: Die erste nach Berlin. Es ging über die Grenze der DDR. „Die anderen erklärten, dass man ruhig sein muss“, erinnert sich der 62-Jährige an die strengen und für ihn ungewohnten Grenzkontrollen. Nachdem sie ihre Pässe abgegeben hatten, kam ein Grenzbeamter zurück und fragte mit Olindes Pass in der Hand: „Wer ist Herr Olinde?“. „Ich war der einzige Schwarze im Bus und habe fast laut losgelacht“, beschreibt Olinde seine Erfahrung. Er habe sich dann aber zusammengerissen und ganz ruhig die Hand gehoben, der Rest der Grenzkontrolle sei dann ohne Zwischenfall verlaufen. Beim Gedanken an die Situation kann er auch heute noch das Lachen nicht zurückhalten.

Trotz deutlich geringerer Zuschauerzahlen als in den USA habe ihn die Atmosphäre bei den Spielen in Göttingen beeindruckt. „Es war eine sehr faire Atmosphäre“, erinnert sich Olinde. Im zweiten Jahr seien die Spiele dann sogar ausverkauft gewesen.

Auch heute erinnern sich die Basketball-Fans offenbar noch an ihn: „Nach einem Spiel der BG Göttingen bin ich durch das Foyer gegangen und da haben die Leute geklatscht und ich dachte nur: Wow! Es ist schön, immer noch diese Wertschätzung zu erfahren.“

Sein Weg führte ihn nach einigen Jahren weg aus Göttingen . Vorher studierte er aber VWL. „Ich wollte nicht nur sagen, ich habe Basketball gespielt, wenn ich in die USA zurückkehre“, sagt Olinde zu seinen Plänen. Schließlich arbeitete er aber doch in Deutschland. Zuerst bei einer Versicherung, dann bei einer großen Bank, heute ist er selbstständig. Er freue sich jedenfalls schon sehr auf das Treffen am Freitag, 20. Oktober, und die Geschichten der ehemaligen Teamkollegen.

Am Freitag, 20. Oktober, soll um 19 Uhr die „ASC-Reunion“ im Altdeutschen an der Prinzenstraße 16 gefeiert werden. Auch ein „Meet & Greet“ mit Fans, Freunden und alten Weggefährten ist geplant.

Mehr über Wilbert Olinde und seine Zeit in Göttingen gibt es in seiner Autobiografie: Deutschland für eine Saison - Die wahre Geschichte des Wilbert Olinde jr.; Surhkamp; 24 Euro; ISBN: 978-3-518-42772-9 .

Von Finn Lieske

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