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Eduard Lohse feiert in Göttingen seinen 90. Geburtstag

Landesbischof, EKD-Ratsvorsitzender und Vertrauter von Helmut Schmidt Eduard Lohse feiert in Göttingen seinen 90. Geburtstag

Der ehemalige Landesbischof, Theologie-Professor und EKD-Ratsvorsitzende Eduard Lohse feiert in Göttingen seinen 90. Geburtstag. Jörn Barke hat mit Lohse über sein Verhältnis zu Helmut Schmidt, über die Bibel in gerechter Sprache und Spiritualität im Alltag gesprochen.

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Revision der Lutherbibel und Nachrüstungs-Debatte: Eduard Lohse führte die evangelische Kirche in friedenspolitisch schwierigen Zeiten.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Sie waren Anfang der 80er-Jahre Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, als viele kirchlich geprägte Menschen gegen die Nachrüstung in der Bundesrepublik protestierten. Sie blieben jedoch Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) verbunden, der für die Nachrüstung war. Vor vier Jahren haben Sie die Trauerrede für Schmidts Frau Loki gehalten.

Ich habe Helmut Schmidt als Politiker und Mensch außerordentlich geschätzt und hatte Vertrauen zu seiner Politik. Am Ende hat sie ein gutes Ende genommen. Dass heute in Europa Ost und West zusammenwachsen können, ist eine Frucht seiner Politik und Standfestigkeit.

Das Thema Krieg und Frieden hat die evangelische Kirche seitdem immer wieder beschäftigt, sei es in kritischen Anmerkungen zum Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan oder in einer Denkschrift zum gerechten Frieden.

Seit den schwierigen 80er-Jahren haben kompetente Fachleute der Kirche durch Veröffentlichungen versucht, Wege der Verständigung in der Friedenspolitik zu suchen. Das ist der richtige Weg. So ist ein Diskussionsbeitrag entstanden, der in den politischen Raum wirkt, aber kein abschließendes politisches Wort darstellt.

Eine politische Theologie à la Dorothee Sölle ging Ihnen ohnehin zu weit?

Ja. Es ist nicht Aufgabe der Kirche, so direkt mit meist sehr scharfer Polemik ins politische Geschehen hineinzureden. Es ist Aufgabe der Kirche, Wege der Verständigung zu suchen.

In Ihre Zeit als leitender Protestant fiel die Revision des Textes der Lutherbibel 1984. Wie beurteilen Sie den späteren Versuch, eine „Bibel in gerechter Sprache“ zu schaffen?

Diese Bibel in sogenannter gerechter Sprache nimmt sich zu viele Freiheiten gegenüber dem Urtext und versucht die Bibel so hinzuschreiben, wie die Autoren es gerne möchten. Wir müssen aber sehr genau auf den Urtext achten. Das ist auch der Beitrag, den ich in meiner wissenschaftlichen Betätigung zu leisten versucht habe.

Im Übrigen bin ich froh, dass es Anfang der 80er-Jahre gelungen ist, einen gemeinsamen evangelischen Bibeltext zu schaffen – auch in Übereinstimmung mit den Christen in der DDR. Das war quasi ein Vorbote der Wiedervereinigung.

Die Orientierungshilfe der EKD zur Familie aus dem vergangenen Jahr ist kontrovers diskutiert worden.

Die Schrift nimmt aktuelle Probleme auf, die einer sorgfältigen Diskussion bedürfen. Die biblischen Bezüge sind in der Veröffentlichung zu kurz gekommen. Ich begrüße, dass das jetzt nachgeholt werden soll.

Es muss deutlich werden, was die Kirche  als ein spezifisch christliches Wort zu sagen hat, das sich auf die Bibel gründet. Das meint aber nicht am Wortlaut einzelner Bibelstellen zu kleben, sondern danach zu fragen, was die Grundgedanken sind, was die Mitte der Schrift ist.

Sie haben auch in den vergangenen Jahren noch mehrere Bücher veröffentlicht, darunter eins mit dem Titel „Freude des Glaubens“. Kann sich diese Freude bei einer Kirche im Rückbau überhaupt noch einstellen?

Diese kleine Schrift habe ich auch als Aufforderung verfasst, dass wir Christen nicht so griesgrämig erscheinen mögen, wie es oft den Anschein hat. Wenn wir auf den biblischen Text des Neuen Testaments hören, kann uns auch etwas von dieser Freude, die die ersten Christen gehabt und ausgesprochen haben, erfüllen.

In den vergangenen Jahren ist Spiritualität im Alltag eine Art Modethema geworden. Wie gestalten Sie geistliche Elemente in ihrem Alltag?

Seit meiner Konfirmation habe ich an jedem Tag einen Bibelabschnitt gelesen, meist im Urtext, also in Griechisch oder Hebräisch. Dazu kommt jeden Tag ein Lied im Gesangbuch, das ich zu festigen versuche. Das habe ich bis heute durchgehalten – auch als ich von 1942 bis 1945 während des Zweiten Weltkriegs Kommandant eines Schnellboots der Marine war.

Bärbel Wartenberg-Potter, eine Weggefährtin Sölles, hat kürzlich ihre Autobiografie veröffentlicht. Sie haben noch keine vorgelegt und gehen mit autobiografischen Bezügen auch eher sparsam um. 

Ich komme aus einer Generation, die an der dialektischen Theologie von Karl Barth, Rudolf Bultmann und Friedrich Gogarten geschult war. Wir haben als Aufgabe gesehen, das Evangelium zu sagen und die Person des Predigers nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Heutzutage wird das persönliche Wort stärker ausgesprochen als zu meiner Zeit.

Zu Ihrer Zeit in der Kirchenleitung wurden verstärkt Frauen als Pastorinnen eingestellt.

Die Grundentscheidungen waren schon getroffen, bevor ich meine Ämter antrat, aber die Zahl der Frauen im Theologiestudium nahm dann erst deutlich zu. Ich habe die Entscheidung für Frauen als Pastorinnen als große Hilfe und Bereicherung verstanden. Das sehe ich auch heute noch so. Es gibt viele tüchtige Frauen in dem Beruf.

Sie haben gemeinsam mit dem katholischen Kardinal Karl Lehmann mehrere ökumenische Texte veröffentlicht. Wie geht es weiter mit der Ökumene?

Mit Kardinal Lehmann bin ich persönlich eng verbunden. Ich hatte auch das Glück, vor 20 Jahren als einer der ersten evangelischen Gastprofessoren an der päpstlichen Universität in Rom lehren zu können. Die Ökumene braucht mehr Geduld, als wir anfänglich gedacht haben.

Es steht außer Zweifel, dass wir am Ziel der Gemeinsamkeit aller Christen festhalten müssen, aber das braucht Zeit, Geduld und Fairness.

 
Helmut Schmidt gratuliert

Göttingen/Hamburg. Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hat dem früheren hannoverschen Landesbischof Eduard Lohse zu seinem 90. Geburtstag  gratuliert. Lohse sei ihm in schwierigen Situationen ein wichtiger seelsorgerlicher Ratgeber gewesen, schreibt Schmidt laut Landeskirche: „Urteilskraft und moralische Integrität zeichnen ihn auf besondere Weise aus.“

H. Schmidt

H. Schmidt

Quelle:

Der 1924 in Hamburg geborene Lohse war von 1956 bis 1971 Professor für Neues Testament in Kiel und Göttingen. Der international renommierte Theologieprofessor führte von 1979 bis 1985 den Vorsitz im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). In seine Amtsperiode fielen die friedenspolitischen Debatten um den Nato-Nachrüstungsbeschluss.

Von 1971 bis 1988 leitete Lohse als Bischof die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers. Drei Jahre lang stand er auch an der Spitze der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Von 1977 bis 2000 leitete er zudem als Abt das Kloster Loccum am Steinhuder Meer.

Hochrangige Kirchenvertreter haben aus Anlass des Geburtstages Lohses Wirken gewürdigt, darunter der heutige EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider, der leitende VELKD-Bischof Gerhard Ulrich und der hannoversche Landesbischof Ralf Meister.

Zu Ehren von Lohse veranstalten die Theologische Fakultät der Universität Göttingen und die hannoversche Landeskirche am Donnerstag, 20. Februar ein wissenschaftliches Symposium in der Paulinerkirche. Den heutigen Geburtstag begeht Lohse mit einem privaten Festakt.

bar/epd

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Wissenschaftler würdigen ehemaligen Landesbischof
Beim Symposium: Wilk, Grünschloß, Lohse und Meister (v. l.).

Mit einem Symposium in Göttingen haben die Theologische Fakultät der Universität und die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers gestern den früheren Landesbischof und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Eduard Lohse, geehrt, der auch als Theologie-Professor hohes Ansehen genießt.

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