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Ehrenamtliche Sternfahrer verteilen 400 Weihnachtspäckchen an Bedürftige

„Keiner soll einsam sein“ Ehrenamtliche Sternfahrer verteilen 400 Weihnachtspäckchen an Bedürftige

Der kalte Zigarettenrauch hängt in der Luft, im Wohn- und Schlafzimmer nebenan läuft der Fernseher. Verstaubte Porzellantierchen und Puppen auf den Küchenschränken lassen erahnen, dass es der Frau mit den langen grauen Haaren und ausgemergelten Gliedern finanziell vielleicht einmal etwas besser gegangen ist. „Ich bin ja nicht einsam“, sagt sie eine Spur zu stark betont, schiebt ihren Rollstuhl vor und streichelt sanft ihre Katze. Nach ein paar gedankenverlorenen Sekunden fügt sie an: „Julchen spürt sofort, wenn mit mir was ist, dann weicht sie nicht von meiner Seite.“ Reinhard Schier sagt wenig, hört einfach zu. Er spürt, wann die Menschen nur reden möchten oder ein paar aufmunternde Worte brauchen.

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Mit zusätzlich gebastelten Geschenken: die Sternfahrerinnen Margrit Rohrbach, Rowena Papke und Barbara Hanpf (v.l.) .

Quelle: Heller

Etwa 100 ehrenamtliche Sternfahrer wie Schier haben am Wochenende für die Tageblatt-Aktion „Keiner soll einsam sein“ 400 Weihnachtspäckchen verteilt. Ein paar weihnachtliche Leckereien für Bedürftige und manchmal sehr einsame Menschen mitten unter uns.
Es sind immer bewegende Momente. Mal ein kurzer Augenblick an der Wohnungstür, oft ein längeres Gespräch am Küchentisch. Begegnungen, die auf beiden Seiten Spuren hinterlassen. Spuren der Freude und Dankbarkeit, aber auch Traurigkeit und Nachdenklichkeit. Nicht nur bei Schier und seinen Besuchen. Der Groner verteilt seit zehn Jahren Päckchen – an alte Frauen und Männer ohne Familie, an große Familien in viel zu kleinen Wohnungen und immer mehr auch an sehr junge Menschen. Oft sind es allein erziehende Mütter. Und wenn kleine Kinder in Göttingen spürbar arm aufwachsen, ist der 56-jährige Versicherungsvertreter „besonders erschüttert“. Den dann seien auch ihre Bildungs- und Berufschancen gering „und sie kommen aus ihrem Milieu nicht raus“.
Fast wie bestellt zeigt der nächste Besuch auf Schiers Runde, dass diese bittere Einschätzung stimmen muss: „Ach da sind Sie ja“, ruft ihm die resolute Frau schon durchs Treppenhaus zu. Sie wirkt gepflegt und hat eine fröhlich-offene Ausstrahlung. „Das ist immer so schön“, sagt sie, und nimmt das rote Päckchen mit Goldsternen gleich an der Tür entgegen. Sie weiß längst, dass die Sternfahrer unterwegs sind – per Telefon von ihren Kindern. Die sind längst erwachsenen, leben in eigene Wohnungen und bekommen schon eigene Pakete von den Sternfahrern.
Es sind nur Kleinigkeiten in den Paketen. „Dinge, die man sich sonst nicht leisten würde“, erklärt Wolfgang Stoffel, seit über 30 Jahren Initiator und Hauptorganisator der Tageblatt-Aktion „Keiner soll einsam sein“. Da gibt es einen edlen Stollen, eine besondere Marmelade, Marzipan, eine gute Mettwurst – und eine Einladung zum offenen Heiligabend in der Stadthalle. „Das ist schon was, genau das Richtige“, bewertet Barbara Hanpf den Paketinhalt. Gemeinsam mit Margrit Rohrbach und Rowena Papke ist sie seit vielen Jahren bei den Sternfahrten dabei. Um ihre Besuche noch weihnachtlicher und persönlicher zu gestalten, haben sie für ihre Bedürftigen kleine Tannenbäume und Engel gebastelt. Wenn Mütter mit ihren Kindern schon vor dem Haus auf uns warten, „das bewegt einen sehr“, sagt Rohrbach. Solche Gefühle verarbeitet das Trio später gemeinsam am kleinen Frühstücksbuffet im Auto.
Viele Sternfahrer sind bedrückt nach der Runde. „Man glaubt es kaum, aber es gibt echte Armut in unserer Stadt“, sagt Hans-Peter Brill. Aber fast alle nehmen auch etwas fröhliches mit, das Glücksgefühl der Helfenden. „Die leuchtenden Augen der Freude und Dankbarkeit“ von zwei Jugendlichen im achten Stock eines Hochhauses wirken bei Klaus Bornemann noch lange nach. Und wie viele Sternfahrer motiviert auch Schier ein „ganz wichtiger Punkt“, die Aktion zu unterstützen: „Man wird aus seiner heilen Welt mal in die harte Wirklichkeit zurückgeholt.“
Eine Wirklichkeit, die auch den Alltag der grauhaarigen Frau im Rollstuhl bestimmt. Sie schaut Schier direkt an und sagt dann fast trotzig: „Ich muss doch noch lange leben, damit sich jemand um Julchen kümmert.“

Von Ulrich Schubert

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