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Ein Göttinger Filou im 18. Jahrhundert

Medizinstudent mit fünf unehelichen Kinder Ein Göttinger Filou im 18. Jahrhundert

Fünf uneheliche Kinder, Vaterschaftsklagen mit pikanten Details, Flucht aus der Universitätsstadt und eine gepfändete Promotionsurkunde – was sich anhört wie ein wildes modernes Leben, hat sich am Ende des 18. Jahrhunderts in Göttingen zugetragen. Details dieses Falls schildert der Historiker Jürgen Schlumbohm in einem Beitrag im Göttinger Jahrbuch 2013.

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Präsentiert sich auf diesem farbigen Porträt selbstbewusst: der Medizinstudent Georg Gatterer.

Göttingen. Unter dem Titel „Nichteheliche Patchworkfamilien am Ende des 18. Jahrhunderts“ nimmt Schlumbohm den Medizinstudenten Georg Gatterer und die Mütter seiner Kinder in den Blick. Gatterer war ein Sohn des bedeutenden Göttinger Geschichtsprofessors Johann Christoph Gatterer (1727-99).

Georg Gatterer ließ sich mit seinem Medizinstudium viel Zeit. Er musste als Professorensohn keine Hörergelder entrichten und war nicht ausschließlich mit dem Studium beschäftigt: „Georg hatte vielfältige Interessen, war studentischer Geselligkeit nicht abgeneigt – auch wenn sie gelegentlich in handfeste Auseinandersetzungen überging – und fand als Darsteller im Liebhaber-Theater den Applaus der Professorentöchter.“

Streit um 500 Taler Deflorationsgeld

Woanders fand Gatterer mehr als nur Applaus. 1791 zeugte er im Alter von 22 Jahren eine uneheliche Tochter mit einer unbekannten Mutter, 1795 folgte ein unehelicher Sohn mit der zehn Jahre älteren Maria Dorothea Gebecken, die bereits 13 Jahre zuvor einen weiteren Sohn von einem Bremer Studenten bekommen hatte.

Während Gatterers Tochter schon im Alter von sechs Monaten starb, arbeitete der Sohn später als Schuhmachermeister in Göttingen. In beiden Fällen konnte Gatterer die Vaterschaft nur kurzfristig verschleiern.

Deshalb investierte er 1797 mehr Geld, um einer von ihm schwangeren Dienstmagd eine anonyme Geburt zu ermöglichen. Mit 28 Jahren war Gatterer immer noch Medizinstudent – im Durchschnitt promovierten Mediziner damals in Göttingen mit 23 Jahren. Dorothea Thies, die Mutter von Gatterers dritten unehelichem Kind, bekam einen Knaben.

Zuvor hatte sie schon 1793 einen Sohn von dem Studenten Friedrich Parlemann bekommen. Dieser habe, so der Anwalt von Thies im Prozess um Alimente, der Frau lange nachgestellt, bis es ihm nach vielerlei Versprechen und Überredungskünsten gelungen sei, „sie zum Beischlaf zu reizen“.

Parlemann habe 500 Taler „Deflorationsgelder“ zugesagt – die noch ausstehenden 400 Taler klagte Thies nun ein – in einem Vergleich wurde ihr die Hälfte davon zugesprochen. Parlemann verstand es jedoch die Zahlungen hinauszuzögern, später mit Verweis darauf, er sei nun verheiratet, so dass Thies wohl nichts von dem Geld erhielt.

Concubitus-Details vor Gericht

Als Thies das Kind von Gatterer zur Welt brachte, hatte dieser bereits eine weitere Frau geschwängert. Mit Rosine Hoffmann wollte sich Gatterer jedoch nicht gütlich einigen – vermutlich reichten seine Finanzen dafür nicht. Also traf man sich vor Gericht wieder. Gatterer verteidigte sich deftig: „Er habe zwar mit der Klägerin den Concubitum angefangen, aber nicht vollführen können, weil ihn dieselbe geekelt habe.“ Außerdem habe die Klägerin „mit mehreren concubiert“.

Die Richter allerdings schenkten Gatterers Ausführungen wenig Glauben und legten ihm Ende 1798 einen Vergleich nahe, der mit einem Pauschalbetrag in Höhe von etwa 58 Talern allerdings nicht gerade üppig ausfiel. Das Geld sollte in Monatsraten von fünf Talern gezahlt werden. Nach nur drei Monatsraten setzte sich Gatterer, mittlerweile im Promotionsverfahren, allerdings aus Göttingen ab und beantragte eine Promotion in Abwesenheit.

Der Dekan hatte die feierliche Promotionsurkunde am 7. Mai bereits unterschrieben, doch Hoffmanns Anwalt beantragte, die Urkunde nicht herauszugeben, bis Gatterer die Schuld getilgt habe. Dagegen wandte sich Gatterers älterer Bruder Christoph in einer Stellungnahme. Das Kind sei längst gestorben. Außerdem habe Hoffmann schon zuvor drei uneheliche Kinder gehabt.

Gatterers Verschwinden

Diese Angabe war freilich falsch – Hoffmann hatte zuvor nur ein weiteres Kind bekommen. Es machte zudem keinen guten Eindruck, dass sich mit Marie Christine Finger aus Hann. Münden eine weitere Frau gemeldet hatte, die ebenfalls ein Kind von Gatterer erwartete und ebenfalls forderte, die Promotionsurkunde nicht auszuliefern.

Die Folge laut Schlumbohm: „Die prächtige Promotionsurkunde für den Dr. med. Johann Georg Wilhelm Gatterer liegt bis heute bei den Akten seines Vaterschaftsprozesses.“

Finger erhielt wohl keinen Taler Alimente. Ihr Kind starb als Säugling, sie selbst 1805 mit knapp 32 Jahren und unverheiratet. Gatterer verschwand nach Amerika, wo er 1803 als unverheirateter Arzt im Alter von 34 Jahren in Savannah in Georgia gestorben sein soll. Nach Gatterers Verschwinden lagen nicht nur Forderungen nach Zahlung von Alimente gegen ihn vor. Auch Kaufleute und ein Gastwirt warteten auf ihr Geld.

Uneheliches Kind wird Goldschmied

Schlumbohms Fazit: „Georg Gatterer führte gewiss ein in mancher Hinsicht ungewöhnliches Studentenleben. Dass viele junge Männer während ihrer Universitätsjahre erste sexuelle Erfahrungen sammelten und dabei Frauen schwängerten, die als Dienstmädchen oder Aufwärterinnen für eine Ehe nicht in Betracht kamen, ist jedoch aus Kirchenbüchern und Akten des Universitätsgerichts bekannt.“

Dorothea Thies, die Mutter von Gatterers drittem unehelichem Kind, lebte nach dessen Geburt mit dem Goldschmied Georg Mühlenpfordt zusammen. Eine uneheliches Kind der beiden starb 1799. Da hatte Thies den Gatterer-Sohn schon in den gemeinsamen Haushalt geholt. Thies und Mühlenpfordt heirateten erst im Februar 1800 – und hatten dann noch acht eheliche Kinder.

Der Gatterer-Sohn Georg lernte bei seinem Vater das Handwerk, ging dann auf Wanderschaft, wurde zurück in Göttingen 1822 Meister und wanderte 1832 nach Amerika aus.

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