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Ein Jahr nach dem Organskandal - Was hat sich geändert?

Interview mit UMG-Vorstand Martin Siess Ein Jahr nach dem Organskandal - Was hat sich geändert?

Ein Jahr ist es her, da musste die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ihre Lebertransplantationschirurgie neu strukturieren. Der ehemals leitende Oberarzt war in den Verdacht geraten, eine Leber gegen Geld an einen russischen Patienten gegeben und durch Manipulationen an der Warteliste andere Patienten bevorzugt zu haben.Was hat sich seitdem geändert?

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Martin Siess im Interview: Wie der Transplantations-Skandal die Universitätsmedizin verändert hat.

Quelle: CH

Göttingen. Noch laufen die strafrechtlichen Ermittlungen. Was die Aufdeckung des Transplantationsskandals an der UMG verändert hat, erklärt Dr. Martin Siess, Vorstand Krankenversorgung der UMG.

Tageblatt: Es hat viele Verdächtigungen und Befragungen der Mitarbeiter gegeben. Hat sich das Klima in den chirurgischen Abteilungen dadurch verändert?

Die Vorgänge um die Transplantationschirurgie haben natürlich die Stimmung beeinflusst. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren betroffen und erschrocken, als sie von den Vorgängen in der Lebertransplantationschirurgie erfahren haben. Der Schock darüber war massiv. Wir haben als Vorstand der UMG nach Kenntnisnahme der Vorwürfe sofort reagiert, den damaligen Leiter abgelöst und einen neuen Leiter für die Transplantationschirurgie eingesetzt, der von außen gekommen ist. Er hat sich nach und nach ein neues Team aufgebaut.

Unser Eindruck ist: Jeder und jede in der Abteilung ist seitdem im höchsten Maße engagiert, die Standards und Regeln bei der Lebertransplantation genauestens einzuhalten. Die Transplantationschirurgie ist mit dem Wechsel des leitenden Chirurgen fest in die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie integriert worden und damit in transparente Strukturen und Abläufe eingebunden. Als Vorstand fördern wir diese Transparenz und Offenheit. Wir finden dabei auch die Unterstützung des neuen Teams, das sich genauestens an den festgelegten Abläufen orientiert.

Haben Sie durch neue Regeln auf mehr Offenheit oder mehr Courage der Mitarbeiter bei unterschiedlicher medizinischer Bewertung hinwirken können?

Der neue Leiter der Transplantationschirurgie hat bei seinem Dienstantritt alle bis dahin bereits veränderten Abläufe nochmals auf die notwendige Transparenz hin geprüft. So wurden die Schulungen und Fortbildungen zur Transplantationsmedizin allgemein in die chirurgische Klinik hinein geöffnet und für ärztliches und pflegerisches Personal gleichermaßen umgesetzt. Wir merken schon, dass das entschlossene Vorgehen des Vorstands, rasch die verantwortlichen und leitenden Ärzte von ihren Aufgaben zu entbinden, ein positives Signal ins Haus war. Die Mitarbeiter haben gespürt, dass auch vor den Chefs nicht Halt gemacht wird.

Gibt es denn für Mitarbeiter, die etwa das Handeln eines Chefarztes fragwürdig finden, die Möglichkeit, sich anonym an eine Art Vertrauensmann zu wenden?

Wir haben bei Mitarbeiterversammlungen die Beschäftigten ausdrücklich dazu ermutigt, sich gegebenenfalls auch anonym an den Vorstand zu wenden, wenn sie auf Vorfälle in der Vergangenheit aufmerksam machen wollen. Wir haben die Beschäftigten zudem darauf hingewiesen, dass es an der UMG bereits seit April 2006 das sogenannte Critical Incident Reporting System MOPAS (More Patient Safety - „Für mehr Patientensicherheit“) gibt. Hier können Ereignisse, die als eine Ursache für mögliche Fehler eingeschätzt werden, von jedem Computer aus anonym berichtet werden. Dieser Zugang steht für Hinweise rund um die Uhr bereit. Den Angaben dort gehen wir nach.

Wird davon Gebrauch gemacht?

Ja, das System wird im Alltag gelebt. Es hat sich als Instrument für das Erkennen möglicher Fehlerquellen bewährt. Für anonyme Hinweise auf bewusstes ärztliches oder pflegerisches Fehlverhalten oder gar Täuschungen wurde es bislang noch nicht genutzt.

Wie hat sich nach dem Skandal die Transplantationschirurgie an der Göttinger Klinik entwickelt?

Mit dem Neuaufbau des Teams in der Lebertransplantation konnten wir die Situation stabilisieren. Im Jahr 2012 hat es nach dem 1. April 15 Lebertransplantationen gegeben. Im Vergleich dazu: Im Jahr 2011 waren es 33. Die Warteliste auf eine Lebertransplantation wurde durch den neuen Leiter nach den Richtlinien der Bundesärztekammer einer strengen Indikationsstellung unterworfen. Zurzeit befinden sich 42 Patienten auf der Warteliste.

Und wie ist, wenn man das lokal beurteilen kann, die Bereitschaft zur Organspende?

Das kann man lokal nicht in Zahlen messen. In der Universitätsmedizin engagiert sich unser Transplantationskoordinator noch stärker in der Werbung für die Bereitschaft zur Organspende. So hatten wir bei der Nacht des Wissens im November eine rege Nachfrage nach Organspendeausweisen. Bei den Besuchern herrschte der Tenor vor: „Jetzt erst Recht.“ Aktuell berichten Medien von einer Zunahme des Bekenntnisses zur Organspende durch das neue Vorgehen, bei dem Versicherte von ihren Krankenkassen persönlich und individuell angeschrieben werden, um sie zum Ausfüllen eines Organspendeausweises zu ermutigen. Diese Erfahrungen, so wie sie die Techniker Krankenkasse berichtet hat, finden wir ermutigend.

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