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Ein wenig Kunst aus der eigenen Hosentasche

Eichsfelder Grenzspuren, Teil 1 Ein wenig Kunst aus der eigenen Hosentasche

Dort, wo einst die Grenze BRD und DDR teilte, verläuft heute das rund 1400 Kilometer lange „Grüne Band“. Der Wanderweg „Eichsfelder Grenzspuren“ berührt einen Teil dieses Naturschutzgebietes. Auf 21 Kilometern laden Wildkatzenpfötchen zu einer Spurensuche auf den „Eichsfelder Grenzspuren“ ein.

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Warum heißt der Pferdeberg Pferdeberg? Dieses wohlfrisierte Exemplar der Gattung wohnt jedenfalls dort. Im Hintergrund ist Gerblingerode zu sehen.

Quelle: Eckermann

In drei Teilen stellt das Tageblatt die Ergebnisse einer solchen Spurensuche dar. Heute sucht Nadine Eckermann gemeinsam mit Christian Zöpfgen, Fachdienstleiter Tourismus, nach Überraschungen in vermeintlich bekannter Umgebung.

Im eigenen Wohnort wandern gehen ist ein wenig wie die Schatzsuche in der eigenen Hosentasche, oder? Wäre da noch Kleingeld, wüsste man das, denkt sich der abgeklärte Erwachsene. Nachsehen? Lohnt nicht. Kinder sind da anders: Stehen sie vor einer Eisdiele, fangen sie unter Garantie an, sämtliche Hosen- und Jackentaschen abzuklopfen, auf links zu drehen und dann auch noch zu schütteln. Manchmal haben sie Glück und finden doch noch einen kleinen Schatz. So wie wir bei der ersten Recherche auf den „Eichsfelder Grenzspuren“.

Start zu unserer ersten von drei Wanderungen – der gesamte Rundkurs verläuft von Duderstadt über den Pferdeberg, Ecklingerode und Herbigshagen zurück – soll am Duderstädter Rathaus sein. Entfernung von meinem Wohnhaus: 500 Meter. Aufgerundet. Sie verstehen meine Skepsis?
Setzt man aber die Brille eines Touristen auf, sehen viele Dinge ganz anders aus. Das Fachwerk des Rathauses strahlt in Feuerrot, die Kirchen stehen wie die Säulen der Stadt an den Enden der Marktstraße, schützen die in ihren Schatten winzig wirkenden Menschen. Vor den Cafés lassen sich die letzten das Frühstück schmecken, die ersten sind schon beim Mittagessen. Das bringt uns auf die Idee: Eigentlich müsste man noch Wegzehrung organisieren, schließlich dürften die Kirchtürme während der Wanderung außer Sichtweite sein – der Startschuss für den Mettwurstanschnitt bei jedem Ausflug eines Eichsfelders, sagt das Klischee.

Bis auf den Magen soll sich die touristische Brille dann doch nicht auswirken. Stattdessen wird gestartet. Grenzlandmuseum links, Gut Herbigshagen rechts, sagt das Hinweisschild mit den grünen Tapsen. Wildkatzenpfötchen, wie wir dunkel in Erinnerung haben. Wir wählen links und sind dankbar, dass wir uns jegliche Karte sparen können. Die „Eichsfelder Grenzspuren“, die, wie Christian Zöpfgen erläutert, auf die Idee von Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU) aus dem Jahr 1998 zurückgehen, sind nämlich trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens bestens mit Hinweisschildern versehen.

Und die führen uns an der St.-Cyriakus-Kirche vorbei in das Gelände der Landesausstellung Natur im Städtebau (LNS). Rechts ein Spielplatz, auf dem Klettergerüst kraxeln lachende Kinder herum. Links die Bühne, die unter anderem im Kultursommer genutzt wird. Eigentlich ganz schön hier, schade, dass wir weder Shantys noch Volksmusik mögen und auch selten an Bastelnachmittagen teilnehmen. Sonst wären wir sicher öfter hier.

Und hätten schon einmal den schwarzen Stein bemerkt, der rechter Hand im Gras steht, folgt man dem Spazierweg links herum. Ist das ein erster symbolischer Grenzpfahl? Eine Stimme dafür, eine dagegen. Wofür sollte die ausgehöhlte Rundung am oberen Ende stehen? Eine Klanginstallation? Mal reinrufen … Christian Zöpfgen bestätigt den Verdacht: „Während der Landesausstellung Natur im Städtebau ist hier ein Parcours der Sinne eingerichtet worden, dazu gehörte auch ein Klangarten.“ Allerdings ist der schwarze Stein eigentlich dazu gedacht, ein Ohr in die Mulde zu halten und den „Muscheleffekt“ zu erleben. Nun gut …

Zum Musikmachen ist der Holzpfahl wenige Meter weiter sicher nicht gedacht, obwohl es während der LNS-Zeit auch Klanginstallationen gab, die mit Holz betrieben wurden, wie Zöpfgen erläutert. Dieser schnurgerade in die Luft zeigende Pfahl gehört nicht dazu. „Eichsfeldzeichen“ steht in metallenen Lettern daran. Und gab es nicht ein weiteres Exemplar inmitten einer Baumgruppe ein paar Meter zuvor? Eine römische Drei auf diesem Exemplar lässt vermuten, dass es noch mindestens eine dieser Installationen geben muss. Aber wozu? Auch hier sei ein Stück LNS sichtbar, erklärt Zöpfgen. Es handele sich um Kunstwerke von Professor Alexander Boeminghaus, die symbolisieren wollen: „Alles von Menschenhand Geschaffene ist vergänglich, aber die Natur bleibt bestehen.“ So werde das Kunstwerk, der Pfahl in der Mitte einer Baumgruppe, eines Tages verrottet sein, während die Bäume wachsen und gedeihen. Insgesamt sieben dieser Eichsfeldzeichen seien im Stadtpark installiert worden, klärt Zöpfgen auf.

Da lebt man jahrelang in dieser Stadt, läuft ständig an Kunstwerken vorbei und hat sie noch nie bewusst wahrgenommen. Immerhin können wir beim Weitergehen mit fundiertem Wissen über unsere Heimatstadt punkten: Am Stadtwall entlang geht es zum Steintor, dem südlichen Stadttor, wie der Anfangsbuchstabe „S“ verrät, und dann durch die August-Werner-Allee.

Was ist eigentlich mit dem Schützenhaus, stellt sich dort angekommen die nächste Frage. Die bleibt allerdings an diesem Tag unbeantwortet. Stattdessen wandern wir am letzten Haus in der Straße, hinter dem Schützenplatz, nach rechts auf den Wander- und Radweg an der Hahle. Ganz sachte steigt die Strecke an, von rechts steht ein freundlicher Esel. Nach einem kurzen Abschnitt entlang der Straße, die Gerblingerode und Tiftlingerode verbindet, geht es nach links zum Kolpingferienparadies hinauf. Ziemlich steil hinauf. Richtig steil am Ende. Oben angekommen, trifft es sich gut, dass zwei Pferde auf einer Weide stehen. Eine gute Gelegenheit zum Verschnaufen. Und zu fragen: Warum heißt der Pferdeberg eigentlich Pferdeberg? Schweigen im Walde. Oder besser: vor dem Walde, denn den betreten wir – weiterhin ratlos – erst danach.

Durch das Waldstück hindurch, vorbei an viel Holunder und anderen Beeren, führt der Weg zur „Schönen Aussicht“, der Gaststätte mit einem der schönsten Fernblicke im Eichsfeld. Und grandiosen Torten. Ein guter Schlusspunkt für eine Wanderung.

Zuerst führt es uns erst einmal wieder bergab, um die Stationen des Kreuzweges am Pferdeberg zu betrachten. In einer Reihe führen die Bilder nach Immingerode hinab. „Sie sind das Zeichen der Dankbarkeit einer Eichsfelderin“, erzählt Zöpfgen. Sie habe eigentlich durch den Bau einer Kirche Gott dafür danken wollen, dass er ihre Gebete erhört habe. Dafür reichten seine finanziellen Mittel nicht, also habe er den Kreuzweg errichten lassen.
Wieder was gelernt. Zurück auf dem Hauptweg zum Parkplatz auf dem Pferdeberg finden wir Hinweise, die einem Naturkundelexikon wohl Konkurrenz machen könnte. Nur wenige Meter trennen die an hölzernen Pfählen angebrachten Schilder, die auf die im Wald beherbergten Tiere und Pflanzen aufmerksam machen. Hübsch angeordnet sind sie und schon von weitem sichtbar. Aus der Ferne beschleicht uns der Verdacht: Ist es wieder Kunst? Diesmal nicht. Trotzdem sind die Infotafeln einmal mehr kleine Schätze am Wegesrand. Vielleicht sollte man öfter in der eigenen Hosentasche wühlen. Denn die birgt sicher noch viel, viel Kleingeld.

In der nächsten Folge: Auf Grenzspurensuche mit Ben Thustek, Pädagogischer Leiter des Grenzlandmuseums, vom Pferdeberg über die ehemaligen Grenzanlagen zur Sielmannstiftung.

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