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Eine Adresse für die, die keine haben

Göttinger Straßensozialarbeit Eine Adresse für die, die keine haben

Neben einem Spiegel an der Wand hängt eine Preisliste. Ein T-Shirt kann man ab 60 Cent kaufen, eine Jeans ab 1,10 Euro und Jacken gibt es schon ab 3,50 Euro. Andreas E. steht vor dem Tresen der Kleiderkammer und hält eine Jeans in seinen Händen.

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Kleidung zum Minimal-Tarif: Die Straßensozialarbeit ist für die Menschen da, die nur wenig Geld zur Verfügung haben.

Quelle: Vetter

Er legt einige Münzen auf den weißen Tresen. „Das Geld ist rar, die könnte ich mir im Laden gar nicht leisten“, erzählt E.. Seinen vollständigen Namen möchte er nicht nennen. Der 39-Jährige kommt öfters in die Räume der Straßensozialarbeit (Straso) Göttingen. Heute kauft er hier nur günstig Kleidung. Bis vor einiger Zeit sah das noch anders aus: „Es gab eine Zeit, da war ich täglich hier.“ Er kam zum Mittagessen, ließ sein Geld verwalten oder holte sich Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche.

Es ist knapp sechs Jahre her, dass E. das erste Mal zur Straso kam. „Bis zum Jahr 2005 hatte ich keine großen Probleme“, erinnert er sich. Er sitzt jetzt auf einem Stuhl in einem Nebenraum, die Hände locker auf die Beine gestemmt. Ein Kopfhörer hängt aus dem Ausschnitt seiner Lederjacke und baumelt vor seiner Brust hin und her. In ruhigem Tonfall erzählt E. weiter: „Meine Frau war an Krebs erkrankt, wollte dazu noch die Scheidung.“ E. musste damals seine Wohnung verlassen, stand auf einmal alleine da. „Ich war tief getroffen.“ Schon vor diesem Zwischenfall hatte er ein schweres Drogenproblem, dass jetzt wieder ausbrach. „Wäre die Straso nicht da gewesen, hätte ich es die letzten fünf Jahre noch schwerer gehabt“, sagt E. Er kam nach seinem Auszug in dem Wohnblock Groner Landstraße 9a unter – eine Zeit, die er nie vergessen wird. „Es war die furchtbarste Zeit meines Lebens“, sagt er. „Du wirst nie in Ruhe gelassen, es ist stückweise ein rechtsfreier Raum, da kannst du nichts machen.“

Ulrich Schwarzer ist einer derjenigen, die sich um die Probleme und Sorgen der vielen Klienten der Straso kümmern. Schwarzer ist Streetworker – auch wenn sich seine Arbeit immer mehr von der Straße in die Räume der Straso im Rosdorfer Weg verlagert hat.

„Offiziell bin ich Streetworker, aber in Wirklichkeit mache ich alles, was anfällt“, sagt er. Er führt Gespräche mit alten Leuten, klärt Konflikte mit aggressiven Jugendlichen, kümmert sich in der Poststelle oder der Teestube der Straso um die Leute. „Überall, wo es brennt“, sagt Schwarzer und schmunzelt. „Das ist das Gute an meinem Job: Es wird nie zur Routine.“

Schwarzer sitzt auf einem Schreibtischstuhl mit dem Rücken zum Fenster. Auf der Scheibe kleben Windowcolorbilder. Ob der Raum ein Büro oder eine Abstellkammer sein soll, ist nicht auszumachen. Er ist vollgestellt mit Kisten und Kartons; nur zu den Türen, dem Schreibtisch und dem Sofa führen kleine Schneisen. In den Regalen stapeln sich Kuscheltiere, Teller und Werkzeug. Die Arbeitsfläche des Schreibtisches ist unter den Bergen von Zetteln, Akten und Krimskrams nur noch zu erahnen. Schwarzer hat ein Bein locker über das andere geschlagen. Er sitzt leicht vorbeugt auf dem Stuhl, in den Händen dreht er ein Brillenetui.

„Die Probleme sind in letzter Zeit größer geworden“, berichte Schwarzer. Vor allem Hartz IV sei einer der Gründe dafür: „Ganz viele Leute hätten nie damit gerechnet, in Sozialhilfe zu rutschen. Die kommen psychisch damit nicht klar.“ Dadurch, dass nun mehr Klienten zur Straso kommen würden, müsse man sich auf die Grundversorgung konzentrieren: Es gibt die Möglichkeit, sich zu duschen, Wäsche zu waschen. Kleidung, Mittagessen und Möbel können günstig gekauft werden. Und zweimal in der Woche kommt ein Arzt. „Seit der Praxisgebühr geht keiner mehr zum Arzt“, sagt Schwarzer.
Der Sozialarbeiter hat tiefe Falten auf der Stirn. Die großen, aufmerksamen Augen ruhen trotz des Gewusels im Haus ruhig auf dem Gesprächspartner. Schwarzer erwähnt noch einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit, der ihn am meisten störe: Die Arbeit „gegen die Behörden“, wie Schwarzer es nennt. „Ich weiß echt nicht, was mehr Zeit beansprucht: Sozialbetreuung oder der Ärger mit den Ämtern, da sie Streichungen ohne Grund vornehmen.“ Ganz wichtig sei die Straso dazu noch als Meldeadresse. „Denn ohne Meldeadresse existiert man nicht. Dann ist man raus aus Hartz IV und aus der Versicherung.“

Als Schwarzer auf das System, dass durch Hartz IV in den letzten Jahren entstanden ist, zu sprechen kommt, redet er sich schnell in Rage. „Ein System, das so aufgebaut ist wie unseres...“ Er stockt und redet nicht weiter. Kurz sammelt er sich, dann fährt er fort: „Wer nur spart, zahlt den Preis dafür. Ein funktionierendes Land wird zerstört.“ Er sieht die Lösung in einer guten Bildungspolitik. Aber: „Wenn wir einen Großteil der Leute von der Bildung abkapseln, verschwenden wir Potenzial.“ Dann steht Schwarzer auf und bahnt sich seinen Weg durch die Kisten zur Tür. Er schaut kurz in die Teestube hinein und grüßt. Einige Personen sitzen hier, trinken Kaffee, lesen Zeitung. Die meisten rauchen. Nicht nur hier, im ganzen Haus liegt kalter Zigarettengeruch in der Luft. Kurz blickt der Streetworker in die Küche, dann dreht er sich um und geht schnell die Treppe hoch. Seine Bewegungen sind hektisch. Hastig nimmt er zwei Stufen auf einmal. Kurz wirft er einen Blick in die Kleiderkammer, dann geht er in das Büro zurück.

Den Vormittag über wird Schwarzer noch im Haus am Rosdorfer Weg bleiben, „da kommen immer viele Leute, die persönliche Gespräche brauchen.“ Nachmittags fährt er dann raus zu den Klienten, die in ihren Wohnungen sitzen, mit Alkoholproblemen zu kämpfen haben und nicht raus wollen. „In die Stadt gehe ich nur noch, wenn ich gezielt Personen suche. Sonst ist in der Regel keine Zeit dafür da, es sind so viele Termine jeden Tag.“

Andreas E. war in der Zwischenzeit noch bei einem weiteren Mitarbeiter der Straso und hat seine letzten Schulden beglichen. Er hat die harte Zeit in den letzten Jahren erst einmal überstanden und hofft, so schnell nicht mehr auf die Straso angewiesen zu sein. Von seinen alten Bekannten hat er sich distanziert, um sein Drogenproblem unter Kontrolle zu bekommen. Die Wohnung in der Groner Landstraße hat er auch nicht mehr, er wohnt jetzt am Stadtrand. Nun hofft er, bald einen Job zu bekommen, am liebsten im Baugewerbe.

  Straßensozialarbeit
  Seit 1983 hilft die Straßensozialarbeit von Wohnungslosigkeit betroffenen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen, sich wieder sozial und beruflich in die Gesellschaft zu integrieren. Getragen wird die Straso vom Diakonieverband Göttingen. Im Jahr 2011 sind vier Mitarbeiter fest bei der Straso angestellt. Die Zahl der Klienten nahm in den letzten Jahren immer weiter zu: Verzeichnete die Straso 2000 153 Erstkontakte, waren es 2009 mehr als dreimal so viele, nämlich 565.

Von Christopher Piltz

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