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"Entweder du willst leben oder sterben"

Schicksal "Entweder du willst leben oder sterben"

Immer wieder geraten Menschen in Not, werden niedergedrückt von persönlichen Katastrophen. Diesen Menschen bieten soziale Einrichtungen wichtige Hilfe. Zugunsten dieser Anlaufstellen in Krisenzeiten sammelt „Keiner soll einsam sein“, die Tageblatt-Benefizaktion. In loser Folge stellen wir Schicksale vor. Heute berichtet Katharina (Name geändert).

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Quelle: CR

Etwas in Katharinas Leben zerbrach, als sie noch ein Kind war. Es zerbarst nicht allein wegen des cholerischen Vaters, der sie und ihre Schwester mit Schlägen malträtierte, auf sie herabschaute, sie demütigte und einzig dem Sohn seine Zuneigung schenkte. Der Katharina bis heute ihr Leben vorwirft, an dessen Tiefpunkten und Schickssalschlägen er Anteil hat, aber bis heute keinen nimmt. Der sich auf der Arbeit ducken musste und das an seinen beiden Töchtern ausließ. Schuld allein war die fehlende Zuneigung und Unterstützung nicht. Doch sie trug ihren Teil bei. Spätestens seit dem einen Tag.

Dem Tag, als der Mann aus der forensischen Klinik entkam, in der es fast keine Sicherheitsvorkehrungen gab. Der Mann kam über die kleine Brücke, die nahe an ihrem Zuhause liegt. Er drückte ihr ein Messer an den Hals und vergewaltigte sie. Da war Katharina zwölf Jahre alt. Ein junges Mädchen, dessen Zukunft anders hätte verlaufen können. Und es noch kann.


Heute ist Katharina Mitte 40, und es fällt ihr schwer, von all den Schiffbrüchen zu berichten, die sie in ihrem Leben erlitten hat. Denn die Vergangenheit beherrscht die Gegenwart. Ihren Eltern kann sie nicht berichten von dem Vorfall, sie hat es verschwiegen. Bis zum heutigen Tag. „Mein Vater hätte mir die Schuld gegeben“, wie an allem, was ihr bis heute widerfährt.

Niemandem hat sie sich anvertraut. Eine Last, die sie irgendwie von ihren jungen Schultern wälzen muss. Sie stößt auf Diazepam, ein Medikament, das damals „viele alte Leute nahmen“. So auch ihre Eltern. Diazepam ist angstlösend, muskelentspannend und, seine wichtigste Eigenschaft, es ist sedierend. Katharinas Einstieg in die Welt der Betäubung, in der ein Teil von ihr noch heute lebt. So versucht sie, die eiternde seelische Wunde in sich einzudämmen, der manchmal übermächtigen Depression Herr zu werden.
Trotzdem absolviert sie eine Lehre, arbeitet in dem Beruf, will studieren. Doch der Druck von zuhause ist zu groß, die Unterstützung zu gering. Dazu kommen die falschen Männer. „Männer wie mein Vater.“ Die sie schlagen und demütigen und sie für sechs Jahre auf den Strich schicken. Immer wieder rappelt sie sich auf, arbeitet in ihrem Beruf, schließlich sogar vier Jahre lang. Dann lernt sie einen „guten Mann“ kennen, wie sie sagt. Keine Drogen und ein wenig Glück. Hier könnte sich die Geschichte zum Besseren wenden. Doch er, Mitglied eines Sonderkommandos, wählt den Freitod. Weil er „niemandem mehr die Gurgel durchschneiden wollte“.

Da bricht für Katharina das letzte bisschen Leben zusammen. Sie nimmt ein, was sie kriegen kann. 12 Milligramm Methadon, Alkohol, 30, 40 Tabletten am Tag. Polytoxikoman ist der Fachbegriff. Ihr Vater weigert sich, sie aufzunehmen. Katharina lebt auf der Straße, für eineinhalb Jahre. Am Leben nimmt sie nicht mehr teil. Irgendwann sagt eine Sozialarbeiterin: „Entweder du willst leben oder sterben.“

Sie entscheidet sich für das Leben. Macht eine Therapie, kann eineinhalb Jahre nicht sprechen, weiß vier Monate lang nicht, was überhaupt vor sich geht um sie herum. Eine Weile geht das gut, doch die Rückfälle kommen und gehen. Schließlich eine Entgiftung. Katharina ist schwanger. Und etwas ändert sich. Das Kind ist ihr einziger Lebensinhalt. Sie opfert sich auf, zieht es alleine groß, fast ohne Geld. Und ohne Unterstützung der Eltern, die sie in all den Jahren, die sie in der Region wohnt, nicht einmal besucht haben.

„Alles schwarz, nur schwarz“

Doch will sie hinaus aus ihrer Sackgasse. Zurück in ein Leben. Mit Beruf, mit Freude, mit Kind, von dem alle sagen, es sei so aufgeschlossen und wohlgeraten. Das ist ihr Traum. Dafür nimmt sie an einem Methadonprogramm teil und jetzt die Familienhilfe des Landkreises in Anspruch. „Es ist sehr schwer für mich, Hilfe anzunehmen“, meint sie. Dabei ist es nicht einfacher geworden. Jede Kleinigkeit wirft sie aus der Bahn, die Depressionen lasten wie ein Berg auf ihr, an manchen Tagen. Dann ist „alles schwarz, nur schwarz“.
Es ist ein kalter, scharfer Wind, der durch die Straßen des Ortes pfeift. Die abendliche Dunkelheit sinkt schwer auf die Häuser herab. In manchen von ihnen geht ein Licht an.

Von Erik Westermann

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