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Flurbereinigung in Holzerode: Landbesitzer verliert sein Land

„Irgendwie eine kalte Enteignung“ Flurbereinigung in Holzerode: Landbesitzer verliert sein Land

Als Wolfgang Hartmann vor zwei Wochen auf sein Feld kommt, traut er seinen Augen kaum: Sämtliche Sträucher auf dem vorderen Grundstücksteil sind verschwunden – abgeholzt und abgeräumt. Und dann kommt es „noch dicker“.

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Irritiert und auch verärgert: Wolfgang Hartmann vor seiner Wiese, deren Büsche für eine neue Straße gerodet wurden.

Quelle: Hinzmann

Holzerode. Bei seinen Nachforschungen erfährt der 60-Jährige fast beiläufig, dass in wenigen Tagen eine Straße über seine schmale und 200 Meter lange Wiese gebaut wird. Das nur 30 Meter breite Grundstück wird damit nutzlos.

Der Feldweg ist Teil einer sogenannten Flurbereinigung rund um Holzerode. Schriftlich oder persönlich informiert wurde Familie Hartmann allerdings nicht. Und das hat nach Tageblatt-Recherchen sogar seine rechtliche Ordnung.

Hartmann ist trotzdem sauer: „Für mich ist das irgendwie eine kalte Enteignung.“

Seit Generationen besitzt Familie Hartmann in der Feldmark ein paar Morgen Land. Ein Streifen, auf dem die Familie heute „ein paar schöne alte Apfelbäume“ hegt und pflegt. Vor dem Grundstück macht der Feldweg einen scharfen Knick.

Genau dieser soll verschwinden und der Weg künftig geradeaus bis zum nächsten Weg über Hartmanns Feld geführt werden. Das haben andere Grundbesitzer und Landwirte im Rahmen der Flurbereinigung so geplant.

Alle Termine und Informationen bekannt gemacht

Hartmann hat davon nach eigenen Angaben aber nichts mitbekommen: „Das lief still und heimlich, wir haben nie einen Brief oder ähnliches bekommen.“

Diesen Vorwurf weist Joachim Herms zurück. Er ist als Projektleiter beim niedersächsischen Amt für Landentwicklung in Göttingen zuständig für das Flurbereinigungsverfahren Holzerode.

Alle Termine und Informationen zu dem Projekt seien bekannt gemacht worden – an Aushangtafeln der Gemeinde, im Gemeindeheft und im Internet.

Auch auf Versammlungen der Feldmarkinteressenten, die alle Landbesitzer um Holzerode vereint, habe er informiert.

Das Verfahren sei im Flurbereinigungsgesetz so vorgeschrieben, und jeder Grundeigentümer habe die Möglichkeit und auch die Pflicht, sich über diese Wege zu informieren, so Herms.

Unglücklich gelaufen

Es sei kaum möglich, alle betroffenen Grundeigentümer schriftlich und direkt zu informieren. An der Flurbereinigung Holzerode seien 249 Eigentümer beteiligt. Wem die Flächen aktuell gehören, „wissen wir aber nicht“.

In Grundbüchern würden oft uralte Einträge stehen, obwohl die Fläche längst jemand anderem gehört. Die aktuellen Besitzer würden erst dann ermittelt, wenn in etwa zwei Jahren tatsächlich Flächen getauscht und anders eingeteilt werden.

In der jetzigen Phase würden zunächst nur Gewässer und Wege neu strukturiert. Und genau das treffe Familie Hartmann. Mit dem neuen Weg werde die kurvige Straße für große Landmaschinen grade gezogen, zugleich werde ein sinnvoller Rundweg durch die Feldmark geschaffen.

Nur an dieser Stelle räumt Herms einen Fehler ein, für den er sich bei Familie Hartmann entschuldigt habe. Im Vorfeld des Wegebaus sollten vor der Brutzeit an der bestehenden Straße noch eilig ein paar Büsche gerodet werden.

Ihm sei nicht klar gewesen, dass diese überwiegend auf Hartmanns Feld stehen, so Herms: „Das ist unglücklich gelaufen“.

„Irgendwie ungerecht“

Im Übrigen aber werde Hartmann für den Landverlust und andere Schäden „selbstverständlich“ einen Wertausgleich bekommen. Niemand dürfe am Schluss schlechter dastehen. Auch das sei gesetzlich geregelt.

Ob und wo er ein neues Landstück bekommt und mit welcher Summe eine vielleicht entgangene Pacht entschädigt wird, entscheide sich aber erst in zwei Jahren, wenn es an die eigentliche Flurbereinigung gehe.

Auch wenn es rechtens ist, findet Hartmann das Verfahren „irgendwie ungerecht“. Er hat inzwischen „um des lieben Friedens willen“ klein beigegeben und den Straßenbau „bewilligt“. Andernfalls hätte Herms den Bau „wahrscheinlich formal angewiesen“.

Aber das sei keine Enteignung, sondern nur eine „vorübergehende Inanspruchnahme“. Schließlich bekomme die Familie ja einen Ersatz.

Mit einer Flurbereinigung sollen zergliederte Ackerflächen durch Tausch oder finanziellen Ausgleich so zusammengeführt werden, dass ihre Bearbeitung wirtschaftlich tragbar ist und landwirtschaftlichen Betrieben ihr Überleben gesichert wird.
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