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"Egal, ob homo- oder heterosexuell"

Abgeordnete und Kirchenvertreter zur "Ehe für alle" "Egal, ob homo- oder heterosexuell"

Südniedersachsens Bundestagsabgeordnete wollen am Freitag für die „Ehe für alle“ stimmen. Superintendent Friedrich Selter hält die Gleichstellung homosexueller Paare für den richtigen Schritt, und Jesuitenpfarrer Manfred Hösl folgt der Devise von Past Franziskus: „Ein Mensch ist ein Mensch – egal, ob homo- oder heterosexuell.“

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Quelle: dpa

Göttingen. So einhellig die Zustimmung für die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare bei Südniedersachsens Bundestagsabgeordneten ist, so unterschiedlich fällt deren Bewertung der bevorstehenden Abstimmung aus.

„Aus Koalitionstaktik verzockt“

Der Göttinger Grünen-Abgeordnete  Jürgen Trittin kündigte am Donnerstag an, „natürlich für die volle rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare“ zu stimmen. „Seit 27 Jahren kämpfen wir Grüne gegen diese Diskriminierung – auch wenn CDU und SPD unsere Anträge 30mal allein in dieser Legislatur vertagt haben. Weil Merkel sich jetzt aus Koalitionstaktik verzockt hat, können wir jetzt endlich Recht zu Recht verhelfen. Liebe ist keine Frage sexueller Orientierung und es ist nun einmal genug Ehe für alle da.“

Die Sozialdemokraten hätten sich schon in den Koalitionsvereinbarungen 2013 für die Öffnung der Ehe stark gemacht, erklärte der Northeimer SPD-Abgeordnete Wilhelm Priesmeier , doch das sei „mit der ideologisch festgelegten Union nicht zu machen“ gewesen. Er persönlich sei immer der Meinung gewesen, „dass es an der Zeit ist, die Gesetze an die Lebenswirklichkeit der Familien anzupassen“. Deshalb werde er am Freitag „ohne Einschränkungen zustimmen“.

Sein Göttinger Fraktionskollege Thomas Oppermann meinte: „Nach jahrelangen Diskussionen ist die Union jetzt davon überzeugt, dass die Frage nach der Ehe für alle eine Gewissensentscheidung ist.“ Er werde dem Gesetzentwurf zustimmen, denn: „Bei der Ehe kommt es nicht auf das Geschlecht der Partner an, sondern darauf, ob sich zwei Menschen dauerhaft binden und Verantwortung füreinander übernehmen wollen. Viele Menschen warten darauf, dass die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften rechtlich nicht länger anders behandelt werden als die Ehe.“

„Im Schweinsgalopp“

„Überhaupt kein Problem“ sei für ihn die Gleichstellung der Ehe für homosexuelle Paare, betonte der Northeimer CDU-Abgeordnete Roy Kühne und kündigte an, für die Gleichstellung zu stimmen. „Es geht um Menschen, welche sich lieben, bei Krankheit füreinander sorgen und sich im Alter stützen. Ich bin sehr froh darüber, dass wir dieses Thema zeitgemäß entscheiden. Was ich nicht möchte ist, dass dieses wichtige Thema über Menschlichkeit, Liebe und Fürsorge populistisch im Wahlkampf benutzt wird.“

In die gleiche Kerbe haute der Göttinger CDU-Abgeordnete  Fritz Güntzler : „Es ist schade, dass wir diese äußerst wichtige Frage aufgrund von wahlkampftaktischen Überlegungen der SPD jetzt einfach so im Schweinsgalopp entscheiden. Es hätte eine breitere parlamentarische und gesellschaftliche Debatte verdient.“ Güntzler will trotzdem „nach reiflicher Überlegung für die Öffnung der Ehe für Personen gleichen Geschlechts stimmen“, wie er am Donnerstag mitteilte. „Menschen, die sich lieben und dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen, verdienen Anerkennung und Wertschätzung, unabhängig davon, ob sie gleichen oder verschiedenen Geschlechts sind.“

Ganz anders sieht der CDU-Abgeordnete aus dem benachbarten Thüringen die „Ehe für alle“. Der Heiligenstädter Manfred Grund unterstrich seine Auffassung: „Die Ehe soll weiterhin Mann und Frau vorbehalten sein.“ Er kündigte an, wie sein Westthüringer CDU-Kollege Christian Hirte gegen die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften zu stimmen.

„Würden Segen bekommen“

Klare Worte fand  Bernd Galluschke , Propst und Dechant in Duderstadt: „Uns steht es nicht zu, über eine Lebensform zu urteilen.“ Vielmehr gehe es darum, den Menschen zu respektieren. „Eine volle sakramentalkirchliche Trauung geht nicht, egal wie sich der Bundestag entscheidet“, erklärte er. Aber dieser Wunsch sei noch nicht an ihn herangetragen worden, sagte der Propst. Doch „wenn jemand den Segen haben will für seine Beziehung, den kann man nicht verwehren“. Er feiere in seiner Gemeinde unter anderem Segnungsgottesdienste am Valentinstag. „Wenn da zwei Männer oder zwei Frauen stehen würden, würde ich sie nicht wegschicken. Sie würden den Segen bekommen.“

Für Manfred Hösl , Jesuitenpater und zurzeit Pfarrer in der Göttinger St.-Michael-Gemeinde sowie stellvertretender Dechant, ist die Rolle der katholischen Kirche eindeutig: „Wir haben schon eine klare Option für eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau“, erklärte Hösl. Da habe es allerdings schon immer Abweichungen gegeben. „Als Ordensmitglied lebe ich selbst in einer abweichenden Form“, sagte der Geistliche. „Dass die katholische Kirche der Spielverderber ist, ist nicht mein Ansinnen“, ergänzte er. Er persönlich wolle niemandem vorschreiben, wie er zu leben habe. Er erwarte aber nicht, dass seine Kirche ihre Haltung zu Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare ändern werde. Für ihn gelte die Devise von Papst Franziskus: „Ein Mensch ist ein Mensch – egal, ob homo- oder heterosexuell.“ Auch Hösel betonte, er würde den Segen niemandem verweigern: „Man kann gar nicht oft genug segnen.“

„Der richtige Schritt“

„Die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare ist der richtige Schritt“, meinte Friedrich Selter , Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen. Landeskirche und Göttinger Kirchenkreis befürworteten die kirchliche Trauung, wenn Paare miteinander und mit ihrer Liebe verantwortlich, verbindlich und gleichberechtigt umgingen, so der Superintendent. In der Landeskirche gebe es etliche Pastoren, die ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft im Pfarrhaus ganz selbstverständlich lebten. Selter: „Ich persönlich stehe der kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlicher Paare, die sich Gottes Segen für ihre Partnerschaft wünschen, schon lange aufgeschlossen gegenüber.“

Freuen ohne bunte Fahnen

„Wenn am Freitag der Bundestag die Ehe für alle beschließen wird, wird endlich rechtliche Gleichheit für alle Menschen geschaffen, die Verantwortung füreinander übernehmen wollen.“ Für die Göttinger Grünen stellt dieser „Sieg der Liebe über die Homophobie“ laut Pressemitteilung vom Donnerstag einen Grund zum Feiern dar. Regina Meyer, Grünen-Mitglied im Sozialausschuss der Stadt, begründet: „Gleiches Recht auf Ehe für alle – wo die Liebe hinfällt, muss die Ehe möglich sein. So sehen es 80 Prozent der Menschen. Die Repressionen fallen, die Rechte der Schwulen und Lesben werden gestärkt, Homophobie ist in die Schranken gewiesen. Ein Grund zum Feiern!“

Zusammen mit Valentin Büchi vom Grünen-Stadtvorstand fortert Meyer daher „Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler auf, Regenbogen-Fahnen als Zeichen der Freude vor städtischen Gebäuden zu hissen“.

„Schöne Idee“, kommentiert Detlef Johannosn, Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung, den Vorstoß der Grünen. „Aber manchmal lassen sich auch schöne Ideen nicht in 24 Stunden umsetzen. Für solche Fahnen liegt die Lieferfrist, wie wir uns erkundigt haben, bei vier Wochen. Also müssen wir uns zunächst einmal ohne gehisste Fahnen freuen.“

Überschaubare Zahl an Lebenspartnerschaften

Die Zahl eingetragener Lebenspartnerschaften ist in Göttingen und der Region überschaubar. „Seit 2001 bis heute sind in Göttingen 146 Lebenspartnerschaften angemeldet worden, davon 83 von Frauen. Von den 146 Lebenspartnerschaften sind bis jetzt 35 wieder aufgelöst worden“, erklärte Detlef Johannson, Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung. „Es sind ganz wenige in Rosdorf – unter fünf“, teilte das Standesamt Rosdorf mit.

Auch im Flecken Bovenden hält sich die Zahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften in Grenzen: „Dieses Jahr haben wir noch keine gehabt“, erklärte Christian Lüer. 2015 und 2016 gab es je eine, 2014 keine Eintragung. 15 Lebenspartnerschaften sind von 2001 bis 2016 in Duderstadt eingetragen worden. „Für dieses Jahr sind zwei weitere fest geplant, eine dritte wird es wahrscheinlich auch noch geben“, so Standesbeamtin Ute Lenz.

Von Britta Eichner-Ramm und Katrin Westphal

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