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Göttingens Groner Landstraße 9

Der Verfall eines Wohnkomplexes Göttingens Groner Landstraße 9

Der Totschlag vor einigen Wochen in der Groner Landstraße 9 hat dem Gebäude einmal mehr unrühmliche Aufmerksamkeit beschert. Schon seit Jahren sind Polizei- und Feuerwehreinsätze dort Normalität. Ein Blick auf ein schwieriges Haus – und die Versuche, dort die Lage zu verbessern, auch für die Nachbarn.

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Mit viel Waschbeton: Groner Landstraße 9.

Quelle: Heller

Die Groner Landstraße 9 ist einer meiner ersten Eindrücke in Göttingen. Nicht das Gänseliesel, nicht der Alte Botanische Garten, nicht St. Johannis, sondern der Hochhausklotz in Bahnhofsnähe. Wer Anfang der 1990er Jahre von weiter außerhalb zum Studieren nach Göttingen kam, fuhr schließlich nicht zuerst in die Innenstadt, sondern musste auf dem überhitzten Wohnungsmarkt erst einmal ein Zimmer ergattern.

Baby-Boomer-Generation und Grenzöffnung hatten dafür gesorgt, dass die Studentenzahl zu diesem Zeitpunkt auf fast 32 000 gestiegen war – ein einsamer Höchststand in der Geschichte der Stadt, längst nicht erreicht vom doppelten Abiturjahrgang. Die Wohnungsnot damals war groß und eine Option die Groner Landstraße 9, denn dort wohnte ein Bekannter, der vor mir sein Studium aufgenommen hatte.

Ein Durchlauferhitzer für Studenten

Dunkle Gänge, kleine Zimmer, Waschbetonfassade, direkt am Haus Eisenbahnlinien und die mehrspurige Straße – der Gebäudekomplex war schon damals kein Traumhaus. Er hatte allerdings längst noch nicht den düsteren Ruf wie heute, sondern war eher ein Durchlauferhitzer für Studenten, die erst einmal irgendwo unterkommen mussten. Unschlagbar für die Fraktion, die oft nach Hause fuhr, war die Nähe zum Bahnhof, der gleich über die Straße liegt. Auch die Innenstadt ist locker zu Fuß zu erreichen.

Damals hatten viele Studenten keine Wahl. Als sich der Wohnungsmarkt entspannte, zählte zu den Mietskasernen, die immer mehr verkamen, auch die Groner Landstraße 9. Polizei und Feuerwehr haben in dem Gebäude regelmäßig Einsätze. Im Oktober 2011 brannte in der elften von zwölf Etagen eine Wohnung vollständig aus.

Den Hintergrund bildete ein Überfall von zwei Männern aus dem Alkoholiker- und Drogenmilieu auf den Mieter. 2006 gab es innerhalb eines guten Monats drei Müllschluckerbrände, außerdem stand ein Einkaufswagen mit Elektrogeräten in Flammen.

Spitznamen Affenfelsen und Spermabunker

In Internet-Foren wird vor dem Gebäude schon länger gewarnt. Im Lauf seiner Geschichte hat es üble Spitznamen erhalten, Affenfelsen und Spermabunker etwa. Doch auch heute finden immer wieder Studenten auf Wohnungssuche den Weg dorthin, so etwa Bloggerin Mirka von Lilienthal – der Name ist ein Pseudonym – im August 2012. Sie entdeckt, dass „überall im Treppenhaus ausgetretene Kippen und sogar ein ausgelaufener Milchkarton herumliegen“.

Nachts müsse man Angst haben, überfallen zu werden. So ziemlich jeder Erstsemester mache den Fehler, dort eine Wohnung zu besichtigen „und dann verstört zu fliehen“.

An diesem trüben Januarmorgen 2013 verlässt ein älterer Mann in Pullover und Jogginghose, barfuß in Badelatschen das Gebäude. Er flieht nicht. Der humpelnde Mann geht mit seinem Hund Gassi. Der große Hund macht seinen Haufen mitten auf den benachbarten Spielplatz und wühlt dann im Sandkasten. Sein Herrchen raucht derweil am Spielplatzrand.

700 Menschen auf engstem Raum

Im Innenhof am Eingangsbereich liegen Böllerreste, Plastikmüll, plattgetretene Bierkartons der Marke Veltins plus Curuba. Die abgestellten Fahrräder sehen in der Mehrzahl gut aus. Viele Menschen gehen an diesem Morgen im Gebäude ein und aus, darunter ein hoher Anteil an Migranten. Mehrere Bewohner grüßen sich freundlich. Am Gebäude befinden sich mehrere Überwachungskameras.

Durch die Zufahrt zur Groner Landstraße rauscht der Verkehrslärm herein. Eine Frau mit strähnigen Haaren, gekleidet mit einer ausgeblassten Army-Jacke, schleicht mit gebücktem Gang in das Gebäude. Ein junges Paar mit einem Kinderwagen kommt heraus, ein junger asiatischer Mann fährt mit dem Fahrrad los.

432 Ein- und Zweizimmer-Wohnungen gibt es in dem 1978 erbauten Gebäude. 700 Menschen leben dort auf engstem Raum – ein Dorf für sich, heißt es in der Göttinger Hausverwaltung, die den Wohnkomplex betreut. Für sie bringt der Totschlag das Gebäude zur Unzeit wieder in Verruf. Denn eigentlich sei der Tiefpunkt in der Geschichte des Gebäudes schon überwunden, betonen Vertreter der Hausverwaltung und der Eigentümer.

Nach einiger Zeit gar nicht mehr so schlimm

In den vergangenen Jahren sei viel Geld investiert worden – in den Eingangsbereich, in Beleuchtung, Dächer und Heizungen, in Wohnungen. In den letzten beiden Jahren seien rund 70 Wohnungen wieder an Studenten vermietet worden, außerdem wohnten auch Arbeitnehmer aus unterschiedlichen Bereichen in dem Gebäude. Der Komplex sei zu rund 95 Prozent vermietet, es solle weiter saniert werden.

Günther Rosteck, seit mehr als 30 Jahren Hausmeister für das Gebäude, sagt, er könne aus dem Stand ein gutes Dutzend Menschen nennen, die mindestens 15 Jahre in dem Komplex wohnten. 90 Prozent der Bewohner seien zufrieden. Neue Mieter, die anfangs etwas geschockt seien, fänden die Situation nach einiger Zeit gar nicht mehr so schlimm.

Die Hausverwaltung betont, es seien eher einzelne Randgruppen, die den Wohnkomplex immer wieder in Verruf brächten und den Putzkräften das Leben schwer machten. Viele Personen, die sich im Bereich des Wohnkomplexes aufhielten, seien zudem gar keine Mieter. Sie kämen auch deshalb zu dem Gebäude, weil sie an anderen Stellen der Stadt nicht mehr geduldet seien.

Der Haupteingang ist am schönsten

Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger unter den Hausbewohnern liegt bei knapp 60 Prozent. Dies seien aber keineswegs immer die problematischen Fälle, betont die Hausverwaltung. Der Respekt vor fremdem Eigentum habe in den vergangenen Jahren quer durch alle Schichten abgenommen, und auch Studenten feierten wüste Gelage.

Gelbe Briefkästen säumen den Haupteingang. Auch wenn einige aufgebrochen sind, ist dieser Bereich der am besten gestaltete des Wohnkomplexes. Innen, hinter der Eingangstür, unterhalten sich drei Männer mit schweren Zungen. Das Gespräch ist gerade bei den Themen Kokain und Haschisch.

Im Eingangsbereich und den unteren Stockwerken sind die Flure gefliest worden. In den übrigen Stockwerken liegt ein alter Linoleumboden, übersät von Brandflecken, besonders in der Nähe der Flurfenster. Die sind fast überall geöffnet. In vielen Fluren herrscht ein muffiger Geruch. Beim Aufstieg im Treppenhaus klebt es unter den Schuhen, es riecht öfter nach Urin, manchmal ist eine Lache zu sehen. Viele Zwischentüren sind zumindest leicht beschädigt.

„Bunker, Schicksal, keine Hoffnung“

Nur an wenigen Wohnungstüren sind Namensschilder angebracht. Ab und zu ist Musik zu hören, eine Spülung, ein Husten oder Kinderstimmen. Schmierereien zeugen von der Stimmung im Haus. „Bunker, Schicksal, keine Hoffnung“ steht an einer Wand. Hier und da sind  Kraftausdrücke hingekritzelt.

Ein handgeschriebener Zettel an einer Tür wendet sich gegen Vertreter und Spendensammler: „Wenn ich Geld hätte, würde ich in diesem ‚Drecksloch‘ nicht  wohnen.“ An einem Türrahmen prangt ein Aufkleber mit der Aufschrift „Suicide Commando“. „Das ist eine drogenfreie Zone“ ist mit der Hand auf einen Pappzettel auf einer Tür geschrieben. Hinter einer Tür läuft zur Mittagszeit, gut hörbar im Flur, ein Pornofilm. Für kurze Zeit wird er vom Lärm eines draußen vorbeifahrenden Zuges übertönt.

Die Versuche, die Lage in dem Haus zu verbessern, stoßen auf viele Hürden. So sind Hunde laut Hausordnung und Mietvertrag verboten, aber offensichtlich in dem Gebäude vorhanden. Gegen die entsprechenden Bewohner juristisch vorzugehen, dauert jedoch, und die Betroffenen kennen Kniffe, um sich zu wehren.

Sicherheitsdienst in den warmen Jahreszeiten

Dass die Objekte in dem Komplex fast 250 unterschiedlichen Eigentümern – teils von weit außerhalb – gehören, macht die Sache nicht einfacher. Stückchen für Stückchen werde man weiter versuchen, die Lage in dem Gebäude zu verbessern, betont Christian Rathei, Geschäftsführer der Göttinger Hausverwaltung: „Wir geben da nicht auf.“

Dass in dem Haus auch rund 40 Kinder wohnen, brennt Göttingens Dezernentem für Jugend, Schule und Ordnung, Siegfried Lieske, auf der Seele. Nicht nur deshalb hat er vor anderthalb Jahren eine Runde ins Leben gerufen, um die Situation am Gebäude zu verbessern und ein ordentliches Wohnen zu ermöglichen.

Beteiligt sind unter anderem Polizei und Göttinger Hausverwaltung. Auch ein Vertreter der Nachbarn ist dabei – die leiden besonders, wenn im Frühling die Freiluftsaison mit Gelagen auf dem Spielplatz beginnt. Während der wärmeren Jahreszeit hat die Hausverwaltung zuletzt einen Sicherheitsdienst eingesetzt, der für Ruhe und Ordnung sorgen soll.

„Die Sonne strahlt nur für dich“

Lieske kennt die komplizierten Probleme und Eigentumsverhältnisse. Er will daher keine überzogenen Erwartungen wecken und mit der Gesprächsrunde nicht öffentlichkeitswirksam punkten. Es gehe auch nicht um Repressionen gegen Bewohner, sondern darum, Gespräche und Lösungen zu suchen, den Ruf des Hauses zu verbessern und möglicherweise neue Angebote zu schaffen.

Die Stadt schicke niemanden in das Haus, betont Lieske. Hartz-IV-Empfänger suchten sich die Wohnungen selbst. Ein Problem sei: Manche Bewohner wollten zwar raus aus dem Gebäude, aber in ein Dorf ziehen wollten sie auch nicht.

Gelandet bin ich als Student Anfang der neunziger Jahre übrigens nicht in der Groner Landstraße 9, dafür aber in einem anderen Hochhaus in Weende. Auch mit diesem Gebäude ging es ab Ende der neunziger Jahre steil bergab, bis es kürzlich saniert wurde.

Einige Dutzend Autos stehen in der Groner Landstraße auf den Stellplätzen unter dem Haus. Mit gelber und grüner Kreide hat jemand dort eine Sonne auf eine Betonwand gemalt. Daneben steht: „Die Sonne strahlt nur für dich.“

70 Straftaten pro Jahr

Im Schnitt alle fünf Tage wird in dem Mietskomplex Groner Landstraße 9 eine Straftat begangen. So hat die Göttinger Polizei nach Auskunft von Sprecherin Jasmin Kaatz in den Jahren 2010 und 2011 73 beziehungsweise 74 Straftaten registriert. Für 2012 zeichne sich bei den Straftaten ein ähnlicher Trend ab, so Kaatz.

Dabei handele es sich um einen „bunten Mix“ : Sachbeschädigungen, Einbrüche, Drogendelikte, Hehlerei, gefährliche Körperverletzung, Raub, Betrug oder Hausfriedensbruch.

137 Einsätze in dem Mietshaus listet die Einsatzstatistik der Polizei für 2012 auf. 2011 waren es 118, 2010 rückte die Polizei 107 Mal an. Den Anstieg in 2012 erklärt sich Kaatz mit dem von der Hausverwaltung eingesetzten Sicherheitsdienst , der Vorkommnisse melde. Die von der Polizei registrierten Ordnungswidrigkeiten liegen 2012 bei zwölf (2010: drei, 2011: sechs).

Dazu gehören etwa Verstöße gegen das Tierschutz- und Meldegesetz oder Ruhestörungen.

Auch bei der Göttinger Berufsfeuerwehr gehört die Adresse zu den häufigen Einsatzorten. 70-mal ist die Wehr im vergangenen Jahr dorthin ausgerückt – 55-mal wegen Brandalarm, 15-mal wegen Personenrettungen, Türöffnungen oder Wasserschäden, wie Frank Gloth, Sprecher der Wehr, berichtet.

Nur in sechs Fällen brannte es tatsächlich. Bei dem Großteil der eingegangenen Brandmeldungen handelte es sich um Fehlalarme . Zu 80 Einsätzen sind Rettungswagen zur Groner Landstraße 9 gerufen worden. mib

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Wegen Totschlags hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen 56 Jahre alten Frührentner erhoben. Der Bewohner eines Apartments in der Groner Landstraße 9a hat gestanden, in der Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag 2012 in seiner Wohnung einen 41 Jahre alten Besucher durch einen Messerstich ins Herz getötet zu haben.

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