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Göttinger Gruppe: Jetzt schon 9000 Klagen beim Landgericht

Zahl steigt Göttinger Gruppe: Jetzt schon 9000 Klagen beim Landgericht

Die Zahl der Schadensersatzklagen gegen Verantwortliche der insolventen Göttinger Gruppe (GG) ist auf beinahe 9000 gewachsen. In diesen Tagen sind weitere Lastwagen voller Klageschriften beim Landgericht Göttingen angekommen. Bis 7. März werden noch einmal 3600 Klagen sowie hunderte Klageerweiterungen vorliegen.

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Voll mit Klageschriften: das Landgericht Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Jetzt gehen die Opfer des Pleiteunternehmens nicht nur gegen die ohnehin zahlungsunfähigen Vorstandsmitglieder vor, sondern auch gegen die Wirtschaftsprüfer. Verklagt wird Europas größte und mächtigste Wirtschaftsberatung.

Beim Landgericht, das bereits die Bibliothek geräumt und einen ganzen Flur mit Aktenbergen vollgestellt hat, gibt es kaum noch Stauraum. Die Akten von mehr als 5000 anhängigen Klagen füllen ganze Gebäudefluchten. Im Keller werden die neu eingehenden, je 520 Seiten starken Klageschriften mit je 820 Anlagestücken vorerst gelagert. Am Montag gingen 1100, am Mittwoch weitere 1500 Klagen ein . Der Rest komme nächste Woche, sagt Rechtsanwalt Ralf Böhm . Dessen Kanzlei Müller, Boon, Dersch aus Jena vertritt in der neuen Klagerunde noch einmal 4000 Securenta-Opfer.

Beratungsunternehmen mit Sitz in Paris

Verklagt wird Cap Gemini S. A., das größte europäische Beratungsunternehmen mit Sitz in Paris. Cap Gemini ist Rechtsnachfolger von Ernst & Young Consulting, einem globalen Netzwerk einst selbstständiger Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, die schon den Göttinger-Gruppe-Vorgänger Langenbahn AG und danach die GG selbst prüfte und testierte.

Die Kläger sind überzeugt, beweisen zu können, dass die Prüfer bereits von 1992 bis 2000 (dem von den Klagen umfassten Zeitraum) gewusst haben, dass das System der atypischen stillen Beteiligungen (Secu-Rente) der GG nicht tragfähig war. Dennoch hätten sie die Prognosen und unrealistischen Renditeversprechen wahrheitswidrig mitgetragen und Abschlüsse falsch testiert. Es sei sogar, so Böhm, „ bewusst manipuliert worden , um das System als tragfähig darzustellen“. Böhm weiter: „Wir gehen von vorsätzlicher Manipulation der Bewertungsgutachten aus.“

Beweisbeschlüsse

Bei den zuvor schon eingereichten 5000 Klagen haben in den vergangenen Monaten in 4100 Fällen Verhandlungen stattgefunden, in denen Beweisbeschlüsse ergingen. Das Gericht will ein Gutachten zur Tragfähigkeit des Securenta-Systems erstellen lassen. Der dafür ins Auge gefasste Wirtschaftsprüfer aus Hannover ist allerdings bereits aus dem Spiel. Er hatte als Insolvenzverwalter eine zahlungsunfähige Vertriebsgesellschaft der GG abgewickelt und befindet sich in diesem Verfahren im Rechtsstreit. Das Gericht sah zwar darin keine Befangenheit , wollte aber auf Nummer sicher gehen und sucht nun einen anderen Gutachter.

Kommentar von Jürgen Gückel

▶ Lange sah es so aus, als ob die Opfer der dubiosen Secu-Rente der Göttinger Gruppe ein zweites Mal Opfer werden sollten – Opfer von Anwälten, die allein ein Interesse an möglichst vielen Klagen haben, an denen sie verdienen. Dabei richteten sich die ersten 5000 Klagen gegen Beklagte mit leeren Taschen – ehemalige Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglieder, die sich überwiegend in Privatinsolvenz befinden. Gegen diese auf Schadensersatz zu prozessieren, bedeutete auf den ersten Blick, schlechtem Geld gutes hinterherzuwerfen, selbst wenn das Risiko die Rechtsschutzversicherung trägt.

Seit dieser Woche sieht die Sache anders aus: Die ersten Klagewellen gegen die Pleitiers haben den Damm weich gespült. Das Gericht hat erkannt, dass es sich allein auf das strafrechtliche Gutachten der Staatsanwaltschaft Braunschweig, das in den Securenta-Beteiligungen kein Schneeballsystem sah, nicht verlassen kann. Es ist bereit, die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Konstrukts von einem Gutachter neu bewerten zu lassen. Kommt dieser zu dem Schluss, die Göttinger Gruppe musste von vornherein scheitern, wären die ersten 5000 Prozesse so gut wie gewonnen, brächten aber von mittellosen Beklagten kein Geld. Diese stünden aber als Täter fest. Und einen Täter braucht man, um seinen Gehilfen auf Schadensersatz in Anspruch nehmen zu können. Deshalb die neue Klagewelle. Gehilfen, davon sind die Kläger überzeugt, waren die Wirtschaftsprüfer, die falsch testierten. Deren Rechtsnachfolger ist eines der potentesten Unternehmen Europas. Also doch noch Hoffnung auf Schadensersatz – vielleicht in fünf bis zehn Jahren?

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Freispruch verlangt

Nach den überraschend hohen Strafanträgen der Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen zwei Vorstandsmitglieder der Göttinger Gruppe, Jürgen Rinnewitz und Marina Götz, sowie deren Mitangeklagte im Braunschweiger Betrugs- und Untreue-Prozess hatten am Montag die Verteidiger das Wort.

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