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Herrscher über Zigaretten, Zeitungen und Zuckerzeug

"Eicke Trinkhalle" Herrscher über Zigaretten, Zeitungen und Zuckerzeug

Ein Bimmeln, ein „Guten Morgen“, dann stand man vor ihm, dem Herrscher über Zigaretten, Zeitungen und Zuckerzeug in Göttingens Südstadt: Heinz Eicke, Kioskbesitzer, 75 Jahre alt, rundlich, Brille, Halbglatze. Stets lehnte er hinter dem Tresen seiner Trinkhalle am Stegemühlenweg und studierte die Tageszeitung, als sei er dort festgewachsen wie ein knorriger alter Baum.

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War 27 Jahre lang eine Institution für die Bewohner der Südstadt: Die Trinkhalle von Heinz Eicke am Stegemühlenweg ist Geschichte.

Quelle: Vetter

Über ihm baumelte leuchtend eine Funkuhr-Reklametafel. In der Ecke standen Bier- und Limonadekästen. Auf kleinen gelben Pappschildchen an der Wand waren die Preise für Veltins und Apfelschorle angeschlagen.

„Morgen“, brummte Eicke meist zurück, der gerne ein blaues Jeanshemd und eine Weste aus schwarzem Leder trug, und sein Kopf bewegte sich dabei bedächtig wie der einer Schildkröte auf den Kunden zu. Von den roten Gauloises hatte er grundsätzlich nur die große Box vorrätig – wenn überhaupt. Auch Cola gab es nicht immer zu kaufen. Doch das war egal. Mehr noch: Es gehörte irgendwie dazu. Eicke hatte dafür drei Stangen Marlboro Lights in dem riesigen Kolonialwaren-Regal hinter sich stehen, dessen unzählige Fächer mit allerlei Krimskrams gefüllt waren. Also nahm man eben eine Schachtel von denen, dazu eine Flasche Fanta. Obendrein gab es gratis eine kleine Unterhaltung mit dem Besitzer dazu – wenn er oder man selbst denn Lust hatte. So war das in der Trinkhalle von Heinz Eicke. 27 Jahre lang.

Seit einiger Zeit aber ist Eicke verschwunden, die Tür seiner Trinkhalle verrammelt. Es kam häufiger vor, dass er mal ein paar Tage nicht da war, auch feste Öffnungszeiten gab es nicht. Aber dass er einfach einen ganzen Monat lang weg blieb, das war neu. Dann hing eines Tages ein Zettel an der Scheibe der Ladentür – und der hängt dort heute noch. „Wegen Krankheit bis auf weiteres geschlossen“ steht dort in großen Lettern und mit Ausrufezeichen versehen geschrieben, so als wäre diese Nachricht unumstößlich, endgültig.

Verfasst hat diese Zeilen Hans-Eberhard Koschmieder, der Vermieter. Und der weiß auch, was seinem Pächter widerfahren ist. „Er hatte einen Schlaganfall“, erzählt Koschmieder. Es stehe nicht gut um ihn. Eicke sei in einem Altenheim südlich von Hannover in der Nähe seiner Tochter untergebracht. Die Trinkhalle sei Geschichte.
Geschichte ist es auch, die man atmet, wenn man den alten Kiosk durchforstet. Koschmieder hat den Laden zwar schon kräftig entrümpelt, doch überall finden sich noch Details, die an den alten Besitzer erinnern. Batterien in jeglicher Form und Größe, starke Pfefferminzbonbons, Arztromane oder Zertifikate wie jenes, das Eicke als „Zeit-Pressepartner“ ausweist.
Die Schubladen der alten Ladentheke, die zum Originalinventar der Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Räume gehört, sind randvoll gefüllt mit allerlei kleinen Tütchen und roten Gummibändern. Daneben liegen Taschenlampen, Schmiermittel, Tabletten und Werkzeug. In Reichweite zum Tresen steht ein Fläschchen Nitrolingual-Spray, das still daran erinnert, wie es um Eickes Gesundheit bestellt war.

„Es war schwer, an ihn heranzukommen“, erinnert sich Koschmieder an den Menschen Heinz Eicke. „Er mauerte an vielen Ecken.“ Dabei habe er ein durchaus interessantes und abwechslungsreiches Leben gehabt, glaubt sein Vermieter. Davon zeugen auch einige Fundstücke. Im Nebenraum, den Eicke zu einem provisorischen Wohnraum mit Hochbett und Toilette umfunktioniert hatte, finden sich Fotos seiner vier Kinder und diverser Enkel an der Wand. In einem verstaubten Regal liegt noch seine alte Reisegewerbekarte, ausgestellt vom Landkreis Göttingen im Jahr 1980. Und überall hat Eicke Lebensweisheiten wie diese notiert: „Glück ist Talent für das Schicksal“.

Eicke war kein einfacher Mensch. „Er konnte leidenschaftlich über Wirtschaft und Politik schimpfen“, erinnert sich Koschmieder an den brummigen alten Mann, dessen Lippen jedoch immer ein feines Lächeln zu umspielen schien. „Sehr charakterfest und konsequent in seinen Entscheidungen“ sei er gewesen. „Zum Beispiel mochte er die Firma Ferrero nicht. Also hat er deren Produkte einfach nicht verkauft“, denkt Koschmieder lachend zurück. Doch Eicke sei trotz seiner Verbohrtheit immer freundlich gewesen. „Er hatte eine soziale Ader, machte sich für Vereine wie 05 stark“, sagt Koschmieder. „Die hängen hier heute noch ihre Spielpläne auf.“
Viele Nachbarn sind traurig, bisweilen sogar geschockt, wenn sie hören, dass Eicke nicht mehr da ist. „Das ist ja schade“, sagt eine Nachbarin betrübt, die im Laden Licht gesehen hat und schnell herüber geeilt ist. „Ich habe mir schon so was gedacht.“ Ein älterer Herr auf einem Fahrrad hält an. „Wir haben uns nicht sonderlich gemocht“, sagt er. „Aber so etwas wünscht man natürlich niemandem.“ Dann schüttelt er ungläubig den Kopf und fährt weiter.

Im Laden hat Vermieter Koschmieder derweil zwei Kartons voller Postkarten entdeckt. Spanien, Neuseeland, Brasilien: Von überall auf der Welt haben Freunde und Kunden Eicke geschrieben. Koschmieder überfliegt die vergilbten Zeilen, liest vor, entziffert Poststempel und Unterschriften. Einige besonders eindrucksvolle Karten sortiert er aus und legt die Kinderfotos aus dem Nebenraum mit auf den Stapel. „Die werde ich ihm irgendwie noch schicken“, seufzt er. Dann stellt er die Kartons zurück ins Regal, knipst das Licht aus und zieht vorsichtig die Ladentür zu. Zum letzten Mal bimmelt es.

Von Andreas Fuhrmann

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