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Horst Thies schildert Umbruch der Landwirtschaft

Heimatforschung Horst Thies schildert Umbruch der Landwirtschaft

Ein Buch über die eigene Jugend in Scheden während der 40er- und 50er-Jahre hat Horst Thies (Jahrgang 1936) verfasst. Der gelernte Tischler und zeitweilige Nebenerwerbsbauer erlebte den Umbruch in der Landwirtschaft mit.

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Bauer pflügt den Acker mit Hilfe Rindviechern: Ansichtskarte aus den 1930er-Jahren.

Quelle: Archiv Flader

Tiefe Stille herrscht seit 1970 in der Schedener Feldmark, berichtet Horst Thies. Er kennt noch andere, geschäftigere Zeiten. In seiner Jugend ackerten Bauern mit Pferde- und Kuhgespannen auf ihren kleinen Parzellen. Die Rinderweiden sind verschwunden. 1972 gab es auch kein einziges Pferd mehr im Ort. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute leben mehr Freizeitpferde in Scheden als der Ort vor dem Krieg Arbeitspferde zählte.

Vor der Umstellung auf Schlepper hielten die Einwohner 92 Ackerpferde und 138 Anspannkühe für die Landwirtschaft. Außerdem standen es noch 355 weitere Kühe und Rinder auf den Weiden, rechnet Thies vor. Mit einer Kuh ließ sich ein Morgen (ein viertel Hektar) Land innerhalb von acht Stunden pflügen. Pferde waren leistungsfähiger, gaben aber keine Milch. Der Milchverkauf war aber die Haupteinnahmequelle kleiner Landwirte, weiß Thies, dessen Eltern jeweils anderthalb Hektar Ackerland und Wiese bewirtschafteten.

„Stand das Getreide 20 Zentimeter hoch, mussten wir Disteln stechen“, berichtet Thies. Bis Anfang der 60er-Jahre setzten die Schedener Bauern keine Spritzmittel ein. Beim Kartoffelanbau sind dem Buchautoren die Probleme mit den Kartoffelkäfern in Erinnerung geblieben. In den Jahren 1942 bis 1948 hatten die Landwirte mit den Insekten zu kämpfen. Beim Pflügen nach der Ernte fanden sich noch Kartoffeln. „Sie wurden alle auf einmal gekocht und dann als Schweinefutter eingelagert“, schreibt der Heimatforscher.

Jede Familie hielt ein, zwei Schweine. In unangenehmer Erinnerung hat der Autor das Kastrieren der Tiere. Den Sauen wurde ohne Betäubung vom Schweineschneider der Bauch aufgeschlitzt und die Eierstöcke entfernt. Anschließend nähte er die Tiere wieder zu. Das Quieken der jungen Sauen war so schrecklich das der kleine Herbert die Flucht ergriff. Später verbot der Gesetzgeber die Tierquälerei.

Geschlachtet wurden die Schweine im Winter. Der Großvater von Thies, der noch hauptberuflich Landwirt war, verdingte sich damals nebenher als Hausschlachter. Ein Tierarzt untersuchte das Vieh auf Lungenentzündung und Trichinen. „Die Erwachsenen machten sich einen Spaß mit den Kindern“, amüsiert sich der Autor. Der Kleinste wurde losgeschickt, um eine Wanne zu holen. „Die brauchen wir, um die Luft aus der getrockneten Blase aufzufangen“, bekam er erzählt. Gefoppte Kinder rächten sich, in dem sie den Erwachsenen den Schweineschwanz hinten an die Hose hängten.

Erster Mähdrescher im Ort

Den ersten Schlepper setzte in Scheden die örtliche Milchkannenfabrik Hild ein. Das Unternehmen stellte ihn Landwirten im Ort zur Verfügung. Zwei Todesfälle gab es damals. Ein Junge fiel vom Trecker und wurde vom Rollwagen überfahren. Ein Fahrer kippte beim Mähen einer steilen Wiese mit dem Schlepper um. Den ersten Mähdrescher im Ort kaufte Ewald Bürmann Ende der 50er-Jahre. Die von den Schedenern gemeinsam genutzte Dreschmaschine wurde 1965 ausgesondert. Bis dahin hatten die Männner im Sommer mit der Sense das Getreide geerntet.

Bereits der Vater von Thies konnte von der Landwirtschaft nicht mehr leben. Er arbeitete hauptberuflich in der Schedener Zuckerfabrik als Bonbonkocher. Als Nazideutschland 1939 in Polen einmarschierte wurde auch der damals 42-Jährige eingezogen. Nach einem halben Jahr war er wieder zuhause. Lebhafte Erinnerungen hat Thies an die Bombenangriffe. Im Sommer 1944 sah der Achtjährige an manchen Tagen über Stunden mehr als 1000 allierte Flugzeuge Richtung Osten fliegen. Auch auf den Schedener Bahnhof wurde bombardiert.

Als er zehn Jahre alt war, musste er den Vater mit dem Kuhgespann von der Fabrik abholen. Gemeinsam ging es weiter aufs Feld. Mit 16 Jahren war Thies in der Landwirtschaft voll einsatzfähig. Im Hauptberuf lernte er Tischler. Die Landwirtschaft gab er 1970 mit 24 Jahren auf. Die harte Arbeit rentierte sich nicht mehr.

Von Michael Caspar

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