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Internationaler Weltfrauentag: Gleichstellung in den Fokus rücken

Freitag ist Frautag Internationaler Weltfrauentag: Gleichstellung in den Fokus rücken

Am 8. März ist Weltfrauentag. Ein weiterer resonanzlos verhallender Gedenk-Appell aus der rund 70 Welttage umfassenden Liste der Vereinten Nationen? Selbst Chef-Feministin Alice Schwarzer ist kein Fan.

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Auf dem Boden der Tatsachen: Frauen haben in puncto Gleichberechtigung in den Chefetagen noch einen schweren Stand – darauf soll der heutige Freitag („Frautag“) aufmerksam machen.

Quelle: dpa

Eichsfeld. Der Weltfrauentag sei „der reinste Hohn“, eine scheinheilige Hommage an die Frau, die in Wahrheit noch immer lediglich von echter Gleichberechtigung träumen könne. Ist das so? Das Tageblatt hat Frauen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft nach dem Status der Frau in der modernen Gesellschaft gefragt.

Für Doris Glahn, Vorsitzende der Duderstädter SPD-Ratsfraktion, ist der internationale Weltfrauentag kein bloßes Relikt aus der Vergangenheit. Das, worauf der Aktionstag aufmerksam machen soll, ist für Glahn auch heute aktuell: „Für mich ist der 8. März ein Tag, um sich die Erfolge der Frauenbewegung in Erinnerung zu rufen, aber auch aktiv auf noch bestehende Benachteiligungen hinzuweisen und für Verbesserungen in Bezug auf die Gleichstellung der Frau einzutreten.“

Ursprung des Weltfrauentages war eine Forderung der Sozialistin Clara Zetkin auf einem Kongress der Sozialistischen Internationale im Jahr 1910: Teilhabe der Frau an der politischen Macht durch die Einführung des Frauenwahlrechts. Gewährt wurde der protestierenden Frauenbewegung dieses Recht erst 1918. Das ist fast 100 Jahre her.

Glahn

Glahn

„Wahlrecht, Bildung, Beruf, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, politische Einflussnahme – das alles sind für uns Selbstverständlichkeiten“, sagt Evelyn Stellhorn, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Duderstadt.

Hundertprozentige Gleichstellung noch längst nicht erreicht

Wenn man bedenke, dass eine Frau erst 1962 selbstständig ein Bankkonto eröffnen durfte und bis 1977 ihr Ehemann bestimmen konnte, ob sie arbeiten sollte oder nicht, dann „haben wir in Sachen Gleichberechtigung wirklich viel erreicht“, meint Stellhorn.

Aber trotzdem habe sich an der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau nichts Entscheidendes geändert, so die Gleichstellungsbeauftragte: „Frauen sind doch die fürsorglichen Hüterinnen des Häuslichen, die Rückenfreischauflerinnen. Frauen bleiben wegen der Kindererziehung zu Hause und pflegen Angehörige. Selbst wenn sie Vollzeit arbeiten, fühlen sie sich trotzdem für Heim und Kinder zuständig.“

Auch in der Arbeitswelt seien die in Teilzeit- oder Minijobs Beschäftigten meistens weiblich. Ein solches Einkommen könne immer nur Zuverdienst zum Lohn des Ehemannes oder zu Hartz IV sein und lasse den Aufbau einer eigenständigen Existenz nicht zu.

Stellhorn

Stellhorn

Auch für Glahn ist eine hundertprozentige Gleichstellung noch längst nicht erreicht: „Trotz der bestausgebildetsten Frauengeneration aller Zeiten sind Frauen nicht annähernd entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil in Führungspositionen vertreten“, so Glahn.

„In Duderstadt haben wir Fraktionen deren Frauenanteil gegen Null tendiert. Von den 35 Sitzen im Stadtrat sind lediglich fünf von Frauen besetzt. Ich möchte die Frauen auch in Duderstadt ermutigen, sich zu engagieren, um ihre Belange und Ideen im Stadtrat zu vertreten“, so die 53-Jährige.

Anne-Marie Kreis, Bürgermeisterin von Bilshausen (CDU), sieht sich nach rund 42 Jahren beruflicher Tätigkeit ebenfalls mit einer veränderten Arbeitswelt konfrontiert, auch positiv: „Es gibt jetzt wesentlich mehr weibliche direkte Vorgesetzte – eine Steigerung um fast 90 Prozent.“

In den Führungspositionen und „sogenannten oberen Etagen“ allerdings, wie zum Beispiel in Bankvorständen, großen Firmen und auch in der Politik, sei es immer noch sehr schwer, sich als Frau zu etablieren.

Kreis

Kreis

Frauenquote ja oder nein und wenn, dann wie?

„Allerdings hat vieles, was gesetzlich geregelt werden muss, immer einen Beigeschmack“, meint Kreis. „Daher halte ich die Flexi-Quote für eine Lösung zwischen Zwang und Freiwilligkeit.“

Die Flexi-Quote ist ein von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) entwickeltes Konzept, um den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Vom Bundesministerium wird die „intelligente Quote“ offiziell als „gesetzliche Pflicht zur Selbstverpflichtung“ bezeichnet.

„Unternehmen müssen sich selbst eine individuelle Frauenquote geben, diese veröffentlichen und einhalten – sonst drohen Sanktionen“, beschreibt Schröder ihren Vorschlag.

Lange

Lange

Sie setzt auf den Druck von Betriebsräten, Medien und Öffentlichkeit, um Frauen in die Chefetagen zu bringen. Das Konzept bleibt umstritten.

Schade findet es Glahn, dass immer noch über eine Frauenquote diskutiert werden müsse. Dass eine Selbstverpflichtung nichts bringe, hätten die letzten Jahre gezeigt, meint sie. „Ich halte daher eine gesetzliche Regelung für unumgänglich, um die Gleichstellung der Frauen im Beruf wirklich voranzubringen“, bilanziert Glahn.

Annegret Lange, CDU-Bürgermeisterin von Rüdershausen, hält sowohl von einer Frauenquote als auch von einer Flexi-Quote „nichts“. „Verhältnisse kann man ändern“, sagt sie. Nur nicht so. Nötig sei ein Kurswechsel allerdings, denn „Gleichberechtigung ist nur im öffentlichen Dienst einigermaßen gegeben und in der Politik fehlen Frauen, weil sie häufig eine andere Sicht auf die Dinge haben.“

Eher ein verstecktes Phänomen

Dies gelte im Übrigen für Männer genauso an anderer Stelle. „Männer fehlen ganz besonders in Erziehungs- und Pflegebereichen – Jungen brauchen ein Gegenüber, mit dem sie sich messen können“, meint Lange.

„Wir brauchen eindeutig mehr Männer in sozialpädagogischen Berufen“, meint auch Schwester Dorothea Rumpf, Leiterin der Vinzenz-von-Paul-Schule Duderstadt, die Erzieher und Sozialassistenten ausbildet. Für die Kinder seien beide Geschlechter wichtig, „die unterschiedlich und doch gleichwertig Identifikationsmöglichkeiten eröffnen.“

Was die Gleichberechtigung betreffe, seien viele Frauen in Deutschland davon noch „weit entfernt“ , meint Rumpf. „Ähnlich wie die Armut in Deutschland ist dieses Phänomen eher ein verstecktes.“

Rumpf

Rumpf

In vielen Teilen der Welt sei es viel offensichtlicher. In ihrer persönlichen Umgebung könne die Schulleiterin glücklicherweise in einem Umfeld leben, „in dem die Gleichbehandlung und Gleichwertigkeit von Frauen und Männern zum Alltag gehören“. Damit dies in absehbarer Zeit auch für die Mehrheit der Frauen gelten könne, komme es auch auf „Qualifikation und Können“ an.

Bei der Besetzung von Führungspositionen müsse es eine Unabhängigkeit von Gedanken an Geschlecht und Schwangerschaftsausfälle geben. Eine Quote hält Rumpf nicht für die Lösung. „Es ist eine Frage der Haltung und der inneren Werteinstellung“, meint die Ordensfrau, „ob ich lediglich eine Bilanzmaximierung anstrebe oder gesamtgesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen bereit bin“.

Flexible Lösungen in naher Zukunft

Für Christin Gunkel, Chief Marketing Officer bei Ottobock, hat der Weltfrauentag „keine besondere Bedeutung“. Seit dem Kampf um das Wahlrecht vor fast hundert Jahren habe sich viel getan, „die Intention und der Blickwinkel haben sich verändert“, meint die Karrierefrau.

Dennoch habe dieser Welttag seine Berechtigung: „Themen wie Diskriminierung, Gewalt gegen Frauen und das Recht auf Bildung sind nach wie vor aktuell“, meint Gunkel und bezieht sich dabei auf eine eher globale Perspektive. In Deutschland habe man zumindest eine formale Gleichberechtigung erreicht.

Gunkel

Gunkel

In ihrem persönlichen Umfeld habe Gunkel sich auch nie ungerecht behandelt gefühlt. „Die Diskussion um die Rolle und Situation der Frau empfinde ich oft als ermüdend“, sagt sie. Mit der Zeit seien bei Ottobock ihre Verantwortung umfassender und ihre Projekte größer geworden. „Das ist großartig und zeigt, dass es auch ohne Quote oder ähnliches gehen kann“, sagt Gunkel.

Eine Quotenfrau zu sein – mit Flexi oder ohne – sei für die Marketing-Chefin nicht erstrebenswert. „Die überwiegende Mehrheit der Frauen, die ich kenne möchte be- und gefördert werden und zwar aufgrund ihrer Leistungen und nicht ihres Geschlechts“ , sagt Gunkel. Langfristig könne es sich die Wirtschaft nicht leisten auf gut ausgebildete Frauen zu verzichten.

„In meinem Bereich arbeiten viele Mütter, die extrem gut qualifiziert und hochmotiviert sind. Oft arbeiten diese Frauen viel effizienter und zielorientierter. Sie bringen Qualitäten und Soft Skills, die Männer unter Umständen nicht haben, die aber die Arbeit bereichern“, argumentiert Gunkel.

Die Marketing-Expertin ist zuversichtlich: Flexible Lösungen für gleichberechtigte Zusammenarbeit in Unternehmen seien in naher Zukunft „vielleicht schon Normalität“.

Von Anna Kleimann

Geschichte des Weltfrauentages

„Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte“, das fordert Clara Zetkin 1910 auf einem Kongress der Sozialistischen Internationale in Kopenhagen. Ein Jahr später gehen erstmals Frauen in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz zum Frauentag auf die Straße, um ihr Recht zu wählen einzufordern.

„Das war die wuchtigste Demonstration für die Gleichberechtigung der Frau, die die Welt bis jetzt gesehen hat“, sagt Zetkin. 1918 bekommen die Frauen in Deutschland ihr Wahlrecht. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wird der Internationale Frauentag 1932 wegen seines sozialistischen Ursprungs verboten.

Stattdessen feiern Hitlers Anhänger lieber den Muttertag und die „biologische Verpflichtung“ der Frau. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird 1949 der Artikel 3 („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“) in das Grundgesetz aufgenommen. 1958 wird diese Vorgabe dann in Gestalt des Gleichberechtigungsgesetzes auch bundesdeutsche Gesetzeswirklichkeit.

Bis dahin hieß es noch im Bürgerlichen Gesetzbuch: „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gesellschaftliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu.“ Durch die neue Frauenbewegung der 60er-Jahre kehrt auch der Weltfrauentag wieder ins öffentliche Bewusstsein zurück.

Seit 1994 ist die faktische Gleichberechtigung der Frau ein staatlicher Auftrag. Erfüllt ist dieser allerdings noch lange nicht. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Privatwirtschaft liegt in den vergangenen Jahren bei zirka 27 Prozent. Und der durchschnittliche Lohn von Frauen liegt immer noch rund 23 Prozent unter dem der Männer.

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Frühstück und Programm

Der Duft von frischen Brötchen und Kaffee umwarb die Nasen der Frauen, die am gestrigen Freitag das Frauenfrühstück im Rathaus besuchten. „Guten Morgen, meine lieben Frauen, und alles Gute zum Frauentag“ begrüßte Gleichstellungsbeauftragte Evelyn Stellhorn die zirka 180 anwesenden Frauen im Bürgersaal des Rathauses.

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