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Jeder kann singen: Eine Frage des Sich-Trauens

Schräge Töne sind erlaubt Jeder kann singen: Eine Frage des Sich-Trauens

Unter der Dusche oder alleine im Auto trällert der eine oder andere voller Inbrunst seine Lieblingssongs mit. Es wird gekreischt, gequietscht und manchmal auch gesungen – nur sollte das lieber niemand hören.

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Kraftkontrolle und Koordinationsübung: Teilnehmerin Brandy (links) und Susanne Wieneke.

Quelle: Heller

Auch ich fand immer, dass ich nicht singen kann – und tat es deswegen nicht. Also auf ins Kommunikations- und Aktionszentrum (KAZ) zum „Stimm Dich ein – Workshop für Stimmkünstler und die es werden wollen“ .

Es ist Sonnabendmorgen. Ich stehe im Spiegelsaal des KAZ an der Hospitalstraße. Durch das Fenster sind die Verkaufsstände der Marktbeschicker zu sehen. Eine Menschenschlange hat sich vor dem Wagen eines Fleischers gebildet. Trotz der Sonne, die lange, goldene Strahlen auf den blauen Boden des Saales wirft, sind die Passanten mit Mantel und Mütze unterwegs.

Ein Summen, das von der hohen Decke widerhallt, ist im Raum zu hören. Orangene Stühle stehen aufeinander gestapelt an der Wand. Ich gehe kreuz und quer durch den Saal, schwinge mit den Armen und summe. Es soll eine Tonhöhe sein, gleichmäßig klingen. Die anderen acht Teilnehmer machen es genau so.
„Und jetzt bitte wie ein Vogel schreien“, sagt Susanne Wieneke. Die Leiterin des Kurses steht in der Mitte des Raumes. Sie trägt eine rote Strickjacke, ihre langen blonden Haare hat sie mit einer Spange nach hinten gesteckt. „Und nun fahren wir Auto. Wie macht ein Auto?“, fragt Wieneke und beantwortet die Frage im gleichen Moment: „Brrrr, Brrrrrrrr.“ Ihre Lippen schlackern schnell auf und ab. Dabei variiert sie mit den Tonhöhen, geht hoch und runter. Kindheitserinnerungen werden wach.
Nach einigen Minuten bilden wir einen Kreis. Die Wangen kribbeln von den Übungen, im Hals kratzt es leicht. „Summen ist eine gute Methode, um mit Gesangsübungen anzufangen“, sagt Wieneke.

Nicht nur für mich scheinen die Auflockerungsübungen neu zu sein. Einige hier haben die klassischen Stationen durchlaufen: Schulchor, Kirchenchor, Unichor. Aber darüber hinaus hatte niemand Gesangsunterricht.

Tanja Dunkel singt in einem kleinen Ensemble. „Bei mir macht die Stimme aber, was sie will“, erzählt sie. „Ich habe sie nicht unter Kontrolle. Jetzt würde ich gerne entdecken, was ich machen kann.“ Andere, wie Edith Riedel, haben gar keine Erfahrung im Singen. „Mich interessiert singen zu Heilzwecken“, sagt sie. Sie schaut kurz in die Runde, dann zu Wieneke. „Ich hoffe, dadurch lockerer zu werden.“

Wieneke fängt bei den grundlegenden Techniken des Singens an. Mit ruhiger, angenehmer Stimme erklärt sie, wo das Zwerchfell sitzt und wie wir damit arbeiten sollen.
„Singen ist nicht rausdrücken, sondern reinziehen,“ erklärt sie. Reinziehen? Beim Singen? „Ich bin der Lautsprecher. Das heißt, ich habe die Kraft hier“, Wieneke legt die Fingerspitzen knapp unter das Brustbein, „hier in meinem Bauch, in mir drin.“

Wir husten alle zweimal, und da fühlen wir, wie das Zwerchfell kurz nach vorne kommt. Nun heißt es, die Kraft und Betonung beim Singen mit dem Zwerchfell zu regulieren. Wieneke hat ihre Hände immer noch auf ihrem Brustbein liegen. „Die Hand muss herauskommen wie bei einem Trampolin“, erklärt sie.
Da merke ich, dass ich bislang mit meiner Stimme völlig falsch umgegangen bin. Dabei sollte ich sie einfach mal ausprobieren. Auch wenn nicht jede Übung auf Anhieb gelingt.

Noch immer im Kreis stehend, versuchen wir, von einem tiefen zu einem hohen Ton zu gelangen, ohne Bruch. „Ehhhhhhh…“ Immer höher wird der Gesang. Ab einem bestimmen Punkt wechseln wir auf ein O, um höher zu kommen. Ich bin raus. Ich kriege keinen Ton mehr raus.

Die Gruppe ist jetzt bei sehr hohen Tönen angelangt. Im Film würde der Spiegel zerbersten. Tanja Dunkel bringt es auf den Punkt: „Ein bisschen kreischig.“
Darum sollen wir uns keine Sorgen machen, erklärt Wieneke. „Der Ton ist jetzt nicht wichtig, es soll sich nur gesund und gut anfühlen.“ Ein guter Rat – wieder wird Singen eine Frage des Sich-Trauens.

Am Ende des Workshops stehen wir uns in zwei Reihen gegenüber. Der Song: „Hit the road, Jack“. Wieneke gibt den Takt vor. „Und jetzt vergesst kurz alle Technik und Anspannung und singt einfach. Es müssen Emotionen rüberkommen. Ihr seid wütend!“ Und habe ich mich vorher nur getraut alleine laut zu singen, fällt es plötzlich gar nicht schwer. Man muss sich einfach nur trauen – auch wenn es mal schräg klingt. Beschwingt mit einem Ohrwurm im Kopf steige ich nach dem Workshop auf mein Fahrrad. Die Sonne scheint immer noch, der Himmel ist strahlend blau. Ich singe.

Von Mittwoch, 2. März, an wird im KAZ von 18 bis 19.30 Uhr eine Gesangsgruppe unter der Leitung von Susanne Wieneke angeboten.

Von Christopher Piltz

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