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Jedes vierte Kind wird unehelich geboren

Göttingen im Kaiserreich Jedes vierte Kind wird unehelich geboren

Nicht nur heutzutage ist die Zahl unehelicher Geburten in Göttingen hoch, sie war es auch schon vor 100 Jahren. Damals bedeutete es allerdings einen erheblichen gesellschaftlichen Makel, wenn eine unverheiratete Mutter ein Kind bekam.

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Ab 1896 Anziehungspunkt auch für unehelich Gebärende: die ehemalige Frauenklinik in der Humboldtallee.

Quelle: Pförtner

Im Zeitraum von 1875 bis 1919 waren 23,7 Prozent der Geburten in der Leinestadt unehelich – eine im Vergleich mit anderen preußischen Städten hohe Quote.
Eine Erklärung für dieses Phänomen war früher häufig schnell ausgemacht: Göttingen galt als Garnisons- und Universitätsstadt, in der Studenten und Soldaten ihr Unwesen mit der jüngeren weiblichen Bevölkerung getrieben hätten. Daneben geisterte auch das Bild vom wohlhabenden Bürger und ehrbaren Vater mit einer Beziehung zu seinem Dienstmädchen durch die Köpfe.

Doch inwieweit stimmen solche Vorstellungen? Dieser Frage ist Claus Heinrich Gattermann in einer Studie anhand von Unterlagen des Standesamtes Göttingen nachgegangen. Dies verzeichnete während des Kaiserreiches von 1875 bis 1919 rund 36 000 Geburten. Darin enthalten ist die Zahl der Mütter von außerhalb, die in Göttingen entbunden haben, nicht aber die Zahl der Göttinger Mütter, die außerhalb entbunden haben.

Die Zahl der Geburten, so Gattermann, sei in dem Zeitraum stärker gestiegen als die Einwohnerzahl der Stadt. Der starke Geburtenanstieg sei jedoch nicht auf die Göttingerinnen zurückzuführen, sondern die Zahl der von auswärts nach Göttingen strebenden werdenden Mütter sei nach jahrzehntelanger Stagnation ab 1900 geradezu explodiert. Etwa zum gleichen Zeitpunkt stieg auch die Zahl der Geburten in Kliniken extrem stark an. Die Erklärung Gattermanns: Bis 1896 „hatte sich die Göttinger Frauenklinik mit dem noch aus dem 18. Jahrhundert überkommenen ‚Accouchier-Hospital‘ am Geismar-Tor behelfen müssen – eine in den 1790-er Jahren vielleicht moderne, hundert Jahre später dagegen überaus beengte Einrichtung“. Dies habe sich aber mit dem Neubau der Frauenklinik 1894 bis 1896 geändert. Die neue Entbindungsstätte habe eine Sogwirkung gegenüber Schwangeren von außerhalb entwickelt.

Damit wird laut Gattermann bereits zweifelhaft, dass die hohe Quote unehelich geborener Kinder von 23,7 Prozent mit den vielen Studenten und Soldaten in der Stadt zu tun hat – ähnlich hohe Quoten gab es zu der Zeit in Preußen nur in Bonn, Oppeln und Paderborn. Denn rechnet man die von auswärts kommenden Schwangeren heraus, entstehen laut Gattermann „Daten, die dem Schnitt der preußischen Städte erheblich näher kommen“.

Die auswärtigen Schwangeren kamen dabei im Verlauf der Zeit aus immer größeren Entfernungen. 1875 stammten 53 Prozent der unehelichen Mütter aus Göttingen und der Region, 1910 bis 1914 waren es nur noch 23 Prozent. Viele Auswärtige kamen aus Hannover oder Kassel, manche werdende Mütter kamen von weither. Sie kamen etwa aus Abbehausen oder Nordenham, also aus einer Entfernung von rund 300 Kilometern, oder gar aus Preußisch-Eylau, Zürich oder St. Petersburg.

Die meisten unehelichen Schwangeren stammten aus der Unterschicht. Etwa ein Drittel der aus Göttingen stammenden Mütter unehelicher Kinder im Zeitraum 1875 bis 1919 arbeitete als Dienstmagd oder Dienerin, 14 Prozent waren Arbeiterinnen. In diesem Zeitraum bekamen 216 Mütter mehrere uneheliche Kinder. Diese lassen Rückschlüsse darauf zu, dass uneheliche Mütter auch eine erhebliche Flexibilität an den Tag legen mussten: Ein gutes Drittel hatte laut Gattermann mindestens einmal die Berufsgruppe gewechselt, bei einer folgenden unehelichen Geburt hatten 70 Prozent die Adresse gewechselt.

Für einen Teil der ehelichen Mütter ist der Herkunftsort erfasst. Aus dieser Teilgruppe stammten nur 15 Prozent aus Göttingen selbst, rund zwei Drittel kamen aus der umliegenden Region. Gattermann folgert, Dienstmädchen, Haushälterinnen und Arbeiterinnen, die aus Göttingen stammten, seien, was die Wahrscheinlichkeit angehe, seltener unehelich schwanger geworden als ihre Kolleginnen und Standesgenossinnen von außerhalb. Denn diese hätten keinen familiären Rückhalt und damit auch keine soziale Kontrolle vor Ort gehabt.

Bei den von auswärts kommenden Müttern war der Anteil der Dienerinnen und Dienstmädchen mit fast zwei Drittel deutlich höher als bei den Göttinger Müttern unehelicher Kinder. Dies weist laut Gattermann darauf hin, dass uneheliches schwangeres Hauspersonal – „vielleicht von den Arbeitgebern oder Hausvorständen“ – nach Göttingen zur Entbindung abgeschoben worden sei, „was im Fall der selbstständiger lebenden Arbeiterinnen nicht geschehen konnte“.

Doch wer waren nun die Väter? Dies lässt sich zumindest in denjenigen Fällen aufschlüsseln, in denen Väter die Kinder offiziell anerkannten – auch wenn berücksichtigt werden muss, dass dies nicht immer die biologische Vaterschaft widerspiegeln muss. Die Anerkennungsquote ist bei auswärtigen Frauen deutlich geringer als bei Göttingerinnen: Die Mütter, die von weiter her kamen, hatten geringere Chancen, zu ihren Kindern einen rechtlich haftenden Vater zu finden. Während die Anerkennungsquote in Göttingen um 25 Prozent betrug, lag sie bei den aus Hannover stammenden Frauen nur bei acht Prozent. Von den bekannten Vätern auswärtiger Mütter unehelicher Kinder kamen laut Gattermann weniger als ein Prozent aus der Mittel- und Oberschicht. Darüber hinaus setzte sich die Gruppe der anerkennenden Väter „ausschließlich zusammen aus Angehörigen der Arbeiterschaft, der Handwerker, des Dienstpersonals, der niederen Soldaten sowie aus Künstlern (in einem verschwindend geringen Prozentsatz)“.

Aus den Standesamtszahlen filtert Gattermann auch heraus, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr durchaus weit verbreitet war: So waren bei Göttinger Ehepaaren um die 15 Prozent der Bräute bei der Heirat bereits schwanger. Die Bräutigame stammen dabei fast ausschließlich aus der Arbeiterschaft oder dem Handwerk. Die adlige, akademische, bürgerliche Oberschicht bleibt bei diesem Phänomen außen vor, was laut Gattermann auch daran liegen mag, dass sich deren Vertreter nicht zu den unehelichen Kindern bekennen mussten.

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch bei den Vätern, die uneheliche Kinder in Göttingen lebender Mütter anerkannten: Knapp zwei Drittel entstammten dem Handwerk (45 Prozent), der Arbeiterschaft (15 Prozent) oder unteren militärischen Rängen (4 Prozent). Der Rest der sonstigen bestand aus verschiedenen Gruppen wie Künstlern, kleinen Angestellten und Beamten, aber nur zu einem sehr geringen Prozentsatz aus Personen der bürgerlichen Oberschicht. Da aber ein Großteil der Väter gar nicht bekannt wurde, bleibt die Frage, inwieweit diese Gruppe dennoch involviert war.

Was die Hauptverdächtigen – Studenten und Soldaten – betrifft, sieht Gattermann allerdings entlastende Faktoren. Die wenigen Offizieren hätten unter einer zu starken öffentlichen Kontrolle gestanden. Bei den Studenten gebe es zwar Hinweise darauf, dass diese „je nach Vermögenslage die Dienste von oder zumindest den Umgang mit Prostituierten gesucht hätten“.

Aber es gebe eben keine Anzeichen dafür, dass Studenten in nennenswerter Anzahl an dem Phänomen uneheliche Schwangerschaft beteiligt gewesen seien. So habe ein rasanter Anstieg der Studentenzahlen im Untersuchungszeitraum eben nicht auch zu einem ähnlich starken Anstieg der unehelichen Geburten geführt.
Claus Heinrich Gattermann: Am Rande der Gesellschaft? Uneheliche Geburten in Göttingen von 1875 bis 1919. Universitätsverlag Göttingen, 134 Seiten, 15 Euro.

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Heutzutage gelten uneheliche Geburten nicht mehr als gesellschaftliches Manko. Als Folge dieser Entwicklung hat auch bei Göttinger Müttern der Anteil der unehelichen Geburten in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

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