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Junge Straftäter in einem Gefängnis ohne Mauern

30 Jahre offener Jugendvollzug Junge Straftäter in einem Gefängnis ohne Mauern

Er gilt als Vorzeigeeinrichtung und ist über die Grenzen Niedersachsens hinaus bekannt: der offene Jugendvollzug auf dem Göttinger Leineberg. Offen deshalb, weil es hier keine Mauern gibt, keine Gitter vor den Fenstern. 

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Gefängnis auf dem Leineberg: Der offene Jugendvollzug kommt ohne äußere Sicherung aus.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Seit seiner Gründung 1982 wurden im offenen Jugendvollzug 15 000 straffällig gewordene Jugendliche vorstellig. 6000 von ihnen blieben und nahmen damit die Chance wahr, etwas an ihrem Leben zu ändern. Heute feiert die Einrichtung ihr 30-jähriges Bestehen.

Aufgenommen werden in Göttingen seit jeher alle niedersächsischen Jugendlichen, die erstmals eine Haftstrafe von maximal dreieinhalb Jahren verbüßen müssen. Sie sind im Schnitt 20 Jahre alt und haben gestohlen, geschlagen oder gedealt, „meist ist es ein Paket aus allem“, sagt Siegfried Löprick. Sprecher der Anstalt. Zuerst müssen sie sich einer vierzehntägigen Eignungsprüfung unterziehen, mit Gesprächen und Tests. „Viele Jugendliche sind für den offenen Vollzug nicht geeignet“, erklärt Löprick. Denn jeder Insasse müsse jeden Tag aufs Neue entscheiden, nicht abzuhauen. Wer das nicht kann, kommt in den geschlossenen Jugendvollzug nach Hameln.

Wer bleiben darf, hat nicht nur in Löpricks Augen Glück gehabt – auch viele Häftlinge sehen das nach einiger Zeit so. Die Jugendlichen sind in der Anstalt in Wohngruppen mit bis zu zehn Personen untergebracht, nicht in Zellen. Jeder hat sein eigenes Zimmer und einen Schlüssel für selbiges. „Alles ist so eingerichtet, dass die Gruppe sich ein eigenes Leben aufbauen kann“, sagt Löprick. Dazu gehört natürlich auch, die Wäsche selbst zu waschen und die Küche oder den Gemeinschaftsraum zu putzen.

Jugendliche absolvieren Ausbildung

Überdies geht jeder Jugendliche einer Ausbildung nach oder besucht die Schule. „Wir haben hier Vollbeschäftigung“, sagt Löprick. „Nur die Zeit absitzen, das geht nicht.“ Auch sonst gibt es klare Regeln. Schon wer zum wiederholten Male vergisst, den Mitarbeitern einen guten Morgen zu wünschen, bekommt Ärger.Nimmt der Ärger überhand, droht der geschlossene Vollzug in Hameln. Dorthin will niemand. Dort gibt es Mauern und Gitter vor den Fenstern.

Um das zu verhindern, legen die Mitarbeiter großen Wert auf tägliche Routine. Jeder Tag der derzeit 75 Häftlinge ist streng strukturiert. Er beginnt um 6.30 Uhr, von 7.30 bis 16 Uhr wird gearbeitet. Um 22 Uhr geht es wieder ins Bett. Nachmittags müssen die Jugendlichen Freizeitangebote wahrnehmen, dürfen aber auch schon mal die Anstalt verlassen oder am Wochenende gar die Familie besuchen. „Wir müssen während der Haft dafür sorgen, dass bei der Entlassung auch ein soziales Netz da ist, um Krisen legal zu bewältigen“, erklärt Löprick das Konzept.

Und das ist durchaus von Erfolg gekrönt. Während im geschlossenen Vollzug die Rückfallquote bei 70 bis 80 Prozent liegt, liegt sie im offenen Vollzug gerade einmal bei 30 Prozent, wie Löprick betont. Entscheidend sei dabei vor allem eines: „Die Jugendlichen arbeiten hier eigenverantwortlich an ihrem Leben.“

1982 bis 2012
Seit 1982 ist der offene Jugendvollzug Göttingen auf dem Gelände des früheren niedersächsischen Landesjugendheims auf dem Leineberg angesiedelt. Einst selbstständige Anstalt, wurde er 2003 Teil der JVA Rosdorf, 2010 eine Abteilung der Jugendanstalt Hameln. Die Arbeit gliedert sich in vier Bereiche: leben und lernen in Wohngruppen, schulische und berufliche Bildung, sport- und freizeitpädagogische Maßnahmen, soziales Training. Neben den Wohngruppen gibt es auf dem Gelände einen Bildungsbereich, Ausbildungswerkstätten in den Berufsfeldern Garten- und Landschaftsbau, Metall, Holz, Bau, Farb- und Raumgestaltung, Gastronomie und Service sowie Sport- und Freizeitanlagen.
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Weg in ein normales Leben

Seine Vergangenheit ist nur wenige Meter entfernt. Brian (Name geändert) steht in der Küche des Internationalen Bundes, kurz IB, und schneidet eine Avocado. Immer wieder schweift sein Blick vom Brett ab. Er schaut aus dem Fenster. Dort ist das Polizeikommissariat zu sehen. Er senkt den Blick und würfelt die Frucht.

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