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Prostitution, Silikon und häusliche Gewalt

Elisabeth L. erzählt ihre Geschichte Prostitution, Silikon und häusliche Gewalt

Immer wieder geraten Menschen in Not, werden Opfer von persönlichen Katastrophen und Tiefschlägen. Diesen Menschen bieten soziale Einrichtungen in der Region Hilfe. In loser Folge erzählen wir die Geschichten, die diese Einrichtungen so wichtig machen und die das Tageblatt mit der „Keiner soll einsam sein“-Weihnachtshilfe unterstützt

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Göttingen. „Unbequem“ nennt Elisabeth L. (Name geändert) ihre quietsch-orangefarbenen Sofas. Es sind die einzige Sitzmöglichkeiten in der aufgeräumten Ein-Zimmer-Wohnung. An den Wänden hängen Michael-Jackson-Plakate und Familienfotos. Und auf den Regalen thronen zahlreiche Kinderpuppen. „Die habe ich im Frauenhaus geschenkt bekommen“, sagt die kleine, schmale 59-Jährige.

Elisabeths Erzählungen beginnen woanders: In einem südamerikanischen Land, das Armut und Bürgerkriege über lange Zeit geprägt haben. Mit elf Jahren wurde Elisabeth „das erste Mal“ vergewaltigt. 1998 ging sie nach Hamburg und arbeitete in einem Restaurant. Als das schloss, fing sie in einem Bordell an.

Elisabeth ist eine schöne Frau: Dunkle, wach-umherwandernde Augen, lange schwarze Haare, ein mitreißendes, wenn auch meist verlegenes Lachen. Doch schon damals war sie älter als andere Prostituierte. „So viele junge Mädchen“ habe es in dem Bordell gegeben. Und alle hätten gesagt: „Dein Po ist zu klein.“ Auf Rat einer Bekannten entschloss sie sich, sich ihr Gesäß aufspritzen zu lassen.
„Die Frau hat mich dann in ein Hotel gebracht“, erzählt Elisabeth. Dort habe ein Mann gewartet und obwohl sie wusste, dass er kein Arzt war, ließ sich Elisabeth Silikon spritzen. Dass es Industrie-Silikon war, bemerkte sie erst acht Monate später.

Auf Elisabeths Fensterbank stehen diverse Kakteen, sie schwört auf selbstgemachte Aloe-Vera-Cremes. Vielleicht erklärt das, weshalb ihr Gesicht aussieht wie das einer 40-Jährigen. „Ab hier ist mein Körper eine Katastrophe“, sagt Elisabeth, deutet auf ihren Hals und zeigt ihre völlig vernarbten Beine. Dorthin ist das Silikon gerutscht.

Davon wusste Elisabeth nichts, bis sie in ihre Heimat zurückgekehrt war. Das Bordell hatte nach einer Razzia geschlossen, in Südamerika bemerkte sie plötzlich juckende, rote Flecken auf der Haut. Ihre Beine schwollen an - „wie bei einem Elefanten“. Einen Arzt konnte sie sich damals nicht leisten - „Wenn du hier bleibst, stirbst du“, habe eine Verwandte deshalb gesagt. Elisabeth flog wieder nach Deutschland.

Der Körper kann Silikon nicht abbauen, weshalb Elisabeths Beine letztendlich aufplatzten. „Große Stücke Kunststoff kamen aus der Haut“, schildert sie. 14-Mal wurde Elisabeth operiert, immer wieder transplantierten Ärzte Haut vom Rücken auf die Löcher in ihren Beinen. Sie wird ihr Leben lang auf gute Ärzte angewiesen sein.

Zugleich sei sie „krank und illegal“ in Deutschland gewesen. Eine schwierige Zeit, bis ein älterer Mann versprach zu helfen. Elisabeth heiratete ihn, er misshandelte sie - und habe sogar versucht, sie zu erdrosseln. „Der Liebe Gott ist gekommen“, beschreibt sie den Moment, als eine Nachbarin ihr nach Jahren das Frauenhaus vorschlug.

Sie nennt die Einrichtung bis heute „Hausfrau“. Obwohl sie verständlich spricht, ist Deutsch eine Schwachstelle geblieben. Erst kürzlich sei sie an einem Sprachtest gescheitert, nun hat sie panische Angst, Deutschland verlassen zu müssen. Es ist der einzige Moment des Gesprächs, in dem sie die Fassung verliert, in Tränen ausbricht und wimmert: „Ich will nicht zurück.“

Denn nach weiteren Zwischenstationen hat sie in Göttingen Fuß gefasst und sagt: „Ich liebe es hier.“ Die Diakonie hat ein Netz aus Psychologen, Ärzten und Sozialarbeiterinnen um sie gesponnen. Freunde hat sie hingegen wenige. Nur die Nachbarskinder kommen gelegentlich zum Fernsehen vorbei.

Außerdem geht Elisabeth regelmäßig in Gottesdienste. Den Weg schafft sie meist allein, dank eines gespendeten Rollators. Obwohl sie kaum laufen kann, hat sie mangels einer Pflegestufe keinen Anspruch auf spezielle Geräte.
Deshalb ist auch das Fernsehen auf den Sofas für Elisabeth eine Tortur, denn die Narben an Rücken, Po und Beinen schmerzen dabei. Und so bleibt ein bescheidener Wunsch: „Ein ausklappbarer Fernsehsessel, das wäre gut.“

Zum Schutz von Elisabeth L. sind zahlreiche Angaben im Text verfremdet.

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