Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Klappe!

Wochenendkolumne Klappe!

Lesen Sie die Überschrift dieses Textes doch einfach mal laut und genießen die nachfolgende Stille – und ignorieren gegebenenfalls böse Blicke. Ruhe, ein seltenes Glück im Kommunikationszeitalter.

Denn mittlerweile sondern nicht mehr nur unsere Mitmenschen ununterbrochen Geräusche von sehr unterschiedlichem Informationsgehalt ab. Gerätschaften und Alltagsgegenstände beteiligen sich zunehmend an der Ruhestörung und werden zu oft unaufgeforderten Gesprächspartnern.
So kann man mittlerweile von Glück sagen, wenn die heimische Kaffeemaschine das morgendlich ersehnte Heißgetränk tonlos zubereitet. Und wenn keiner ihrer elektrischen Kollegen das Frühstück in irgendeiner Weise kommentieren möchte. Der Kühlschrank gilt dabei als Veteran unter den geschwätzigen Küchengeräten: Er lernte dank General Motors bereits 1974 das Sprechen – ich übrigens auch, ohne General Motors. Mir reicht es bis heute vollends, wenn er meine Speisen und Getränke kalt hält. Klappe zu.

Scharf

Scharf

Auch verbale Motivationshilfen bei der Müllentsorgung – wie jetzt in der Göttinger Innenstadt – wirken auf mich verstörend. Vor allem wenn sie ungefragt aus der Tiefe der Tonne kommen. Ich habe mich erstmals bei dem Bedürfnis ertappt, meinen Müll auf die Straße schmeißen zu wollen. Dabei haben wir Göttinger noch Glück gehabt. In anderen Städten wie München oder London wird das Wegwerfen gar zum musikalischen Erlebnis. In Liverpool ist geplant, John Lennon aus einer Tonne singen zu lassen. Das ist geschmacklos.

Und doch haben wir uns in bestimmten Situationen längst daran gewöhnt, mit unserem technischen Gegenüber zu kommunizieren. Wer hat der freundlichen Stimme aus dem Armaturenbrett nicht schon entsprechend geantwortet, wenn diese beharrlich das Wenden auf der Autobahn empfiehlt? Auch Handybesitzer brauchen längst keinen realen Gesprächspartner mehr, das Gerät antwortet bereits von allein. Ganze Internetseiten sind bereits gefüllt mit Dialogen, die beispielsweise Besitzer eines neuen Apple-Telefons mit ihrem Gerät führen. Eine Kostprobe? Gern.
Mensch: „Was machst Du gerade?“ – Telefon: „Was ich mache? Ich rede mit Dir.“ – Mensch: „Willst Du mich heiraten?“ – Das Telefon: „In meinem Endbenutzer-Lizenzvertrag steht nichts über Ehe. Tut mir leid.“

Von hier ist der Weg nicht mehr weit ins Mutterland der technischen Unglaublichkeiten: Japan. Dort ist man ganz versessen auf  sprechende Apparate: Der Badezimmerspiegel macht Komplimente, der Ofen meldet sich, wenn das Öl zur Neige geht, der Aktenlocher stöhnt bei Benutzung… Und natürlich macht die verbale Belästigung auch am stillen Örtchen nicht halt. In New Mexico hat die Verkehrsbehörde jüngst 500 öffentliche Herren-Toiletten mit einem sprechenden Klostein bestückt. Eine laszive Frauenstimme soll Besucher vom Fahren unter Alkohol abhalten. Wieviele dadurch von ihrem eigentlichen Vorhaben abgehalten werden, ist nicht bekannt. 

Szenenwechsel: In einem Supermarkt der Region steht eine sprechende Glasvitrine voller Tabakwaren. Davor ein Paar in den Dreißigern. Er: „Der da ist günstiger.“ – Sie: „Dann nimm den halt.“ (Er öffnet ein Fach.) – Die Vitrine: „Tabakwaren werden nur an Personen ab 18 Jahren abgegeben!“ – Er (erst irritiert, dann erbost): „Was soll das denn? Der quatscht ja. Als würde so’n Spruch funktionieren. Blödsinn!“  – Die Vitrine: „Bitte schließen Sie die Klappe!“ Sag ich ja.

Von Markus Scharf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Anzeigenspezial
Die Bilder der Woche vom 2. bis 8. Dezember
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt