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Krebs-Siedlung: Viele wollen Wahrheit nicht wissen

Zehnmal mehr Opfer als statistisch erwartet Krebs-Siedlung: Viele wollen Wahrheit nicht wissen

Der  alte Mann wendet sich wutschnaubend ab: „Lasst das doch ruhen, das gibt doch sonst nie Frieden!“ Gerade hat ein Kamerateam sein Haus und den Blick durch den Garten hinüber zur Schilderfabrik Grewe gefilmt. Mit dem Nachbarn hat er sich über den ungeheuerlichen Verdacht unterhalten, dass Emissionen eines Lösungsmittels für die vielen Krebsfälle in der Nachbarschaft verantwortlich sein könnten.

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Verdächtige Häufung von Krebsfällen in Groß Schneen: Je näher der Lackiererei (Mitte links), umso mehr Opfer.

Quelle: Gückel

Groß Schneen. Der Medienrummel in seiner Straße, in der kein einziges Haus steht, in dem in den vergangenen 15 Jahren der Krebs nicht zuschlug, macht ihn wütend. Er hat vor einer Woche seine Frau zu Grabe getragen – Todesursache Krebs.

Wie der Witwer reagieren viele im 1800-Seelen-Dorf Groß Schneen: Sie wollen von dem Verdacht nichts hören, wollen ihn nicht wahrhaben, wollen nicht glauben, dass stimmt, was Richter und Staatsanwaltschaft als Anfangsverdacht bejaht haben. Dass das Lösungsmittel Trichlorethylen, das in der Lackiererei der Schilderfabrik Wilhelm Grewe benutzt wurde, wirklich viele der 52 dokumentierten Krebsfälle in dem nur 400 Einwohner zählenden Wohngebiet ausgelöst hat.

Es ist wohl nicht nur die Angst, selber eines der nächsten Opfer zu sein: „Ich habe  schon Krebs“, sagt ein Mann aus dem Unterdorf. „Das ist doch Schwachsinn, dass das hier aus der Firma kommen soll.“ Und er rät dem, der die Fälle dokumentiert und der Staatsanwaltschaft zur Prüfung weitergegeben hat, schon mal, „dass er den Möbelwagen bestellen kann. Der wird hier nicht mehr froh“.

Nach dem Verdacht gegen eine Lackiererei in Groß Schneen für eine Häufung von Krebsfällen verantwortlich zu sein, ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen.

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Der, das ist ein 66 Jahre alter Wissenschaftler im Ruhestand, studierter Chemiker und Biologe, wohnhaft in Riechweite der Fabrik. Er erklärt, wie er erst im August in einem privaten Gespräch über die vielen Todesfälle in der Nachbarschaft auf die Idee kam, Angehörige von Krebsopfern aufzusuchen, sie nach Art und Verlauf der Erkrankungen zu fragen, Hinweise auf andere Fälle zu sammeln und schließlich eine Karte zu erstellen, die 54 Kreuze enthält – 52 davon im unmittelbaren Umfeld der Fabrik, nur zwei im viel kleineren Rest des Dorfes.

Gleich zwei dieser gelben Kreuze – in den kursierenden Schwarz-Weiß-Ausdrucken sind sie schwarz nachgezeichnet – betreffen das Haus von Heinz Spuddig. Er hat 1972 hier gebaut. Wenn er aus dem Wohnzimmer schaut, blickt er auf die Hallen, aus denen das Gift geströmt sein soll. 40 Jahre lang hat seine Frau dort gearbeitet. 2003 ist sie an Krebs gestorben.

Dennoch lässt Spuddig kein böses Wort über seinen Nachbarn Wilhelm Grewe fallen. Der, so weiß er, hat seine eigene erste Frau vor 30 Jahren an Krebs verloren und „war immer ein anständiger Mensch“. Dass er etwas getan haben könnte, was andere schädigt, „muss erst mal bewiesen werden“. Was der 85-Jährige sich nicht anmerken lässt: Das zweite Kreuz auf der Karte meint seine eigene Erkrankung.

Gegenüber harkt eine Rentnerin Laub. Ja, auch ihr Mann ist an Krebs gestorben. „Lungenkrebs, aber der kam eindeutig vom Asbest in seiner früheren Firma und vom vielen Rauchen – haben die Ärzte gesagt.“ Allerdings: „Mein Mann hat schon immer gesagt: das riecht hier so, so süßlich.“

So wie sie, suchen viele, die erkrankt sind oder die Angehörige verloren haben, nach Antwort auf das Warum und Woher. Fritz S., wegen Krebs im Rollstuhl, hat das für sich entschieden: „Ich habe lange neben dem Kernkraftwerk Würgassen gelebt. Das ist und bleibt meine Erklärung.“ Ein anderer aus der Straße, „Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium“, wie er sagt, will es gar nicht wissen. Es ändere nichts mehr.

Und dann sind da noch jene, die sich am Morgen nach Bekanntwerden des Verdachts mit der Familie des Anzeigeerstatters in Verbindung gesetzt haben, um ihm den Rücken zu stärken. Dabei, sagt der, habe er doch gar niemanden beschuldigt, nur dokumentiert, was er „wissenschaftlich korrket“ zusammengetragen habe.

Die Hälfte der Menschen, die mit einem Kreuz auf der Karte markiert sind, leben nicht mehr. Statistisch, sagt der Anzeigeerstatter, wären bei 400 Einwohnern des Wohngebietes jährlich 0,3 Krebsfälle zu erwarten, also weniger als fünf in 15 Jahren. Laut seiner Statistik sind es zehn Mal so viele Opfer. Die Frau des wütenden Rentners, der sich Frieden wünscht, war die vorerst letzte.

Experten forschen

Eine Expertengruppe aus Mitarbeitern des Landesgesundheitsamtes, des Krebsregisters Niedersachsen und der Ministerien für Soziales und Umwelt soll helfen, die ungewöhnliche Häufung von Krebserkrankungen in dem Groß Schneer Wohngebiet aufzuklären. Die Federführung, so hieß es aus dem Sozialministerium, solle der Landkreis Göttingen haben.

Dort freilich war man am Freitag von der Nachricht über das Ermittlungsverfahren ebenso überrascht wie in der Gemeindeverwaltung Friedland. In einer Presseerklärung des Gesundheitsamtes für Stadt und Landkreis Göttingen heißt es, man sei bisher in das Verfahren gar nicht eingebunden und könne die Sachlage nicht beurteilen. Man werde aber um Berechnungen über die Erwartungswerte für Krebserkrankungen bitten und die Todesbescheinigungen der vergangenen Jahre im betroffenen Bereich analysieren.  ck

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Nach Verdacht gegen Lackiererei

Nach dem Verdacht gegen eine Lackiererei in Groß Schneen, durch unsachgemäßen Umgang mit Trichlorethylen für eine Häufung von Krebsfällen verantwortlich zu sein, schaltet sich nun auch das Göttinger Gesundheitsamt ein. So werden dort derzeit Totenscheine der vergangenen Jahre aus dem betroffenen Bereich ausgewertet.

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