Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Kreuze für Verkehrstote: Gedenken am Straßenrand

Mehr als 30 Erinnerungsstätten Kreuze für Verkehrstote: Gedenken am Straßenrand

Es ist ein hässlicher, ein brutaler, ein abgründiger Unfall, der sich im Frühling 1993 in Nikolausberg ereignet. Der siebenjährige Timo steht mit seiner gleichaltrigen Freundin Amelie am Zebrastreifen in der Straße Auf der Lieth. Die beiden Zweitklässler wollen am Nachmittag die Straße überqueren, um zum Spielplatz auf dem Schulhof zu gelangen, den Spielplatz ihrer Schule.

Voriger Artikel
Rollerfahrerin von Autofahrer erfaßt
Nächster Artikel
Radfahrerin gestreift und gestürzt

Gedenken am Straßenrand: Dieses Unfallkreuz wurde zwischen Groß Lengden und Mackenrode errichtet.

Quelle: Vetter

Die beiden Kinder verhalten sich vorbildlich. Sie geben erst ein Handzeichen, dann schauen sie, ob ein Auto kommt, dann betreten sie den Zebrastreifen. Es ist ein sonniger Nachmittag im Frühling.

In diesem Augenblick biegt ein BMW von der Straße Am Schlehdorn in die Lieth-Straße ab. Am Steuer sitzt ein 74-jähriger Professor. Er passiert ein am Straßenrand rangierendes Taxi, er blickt in die Sonne, er übersieht die Kinder.

Timo gibt Amelie noch einen Schubs, sie kann sich retten. Der Junge wird von dem BMW erfasst, mehrere Meter durch die Luft geschleudert, er schlägt mit schweren Verletzungen am Straßenrand auf. Am folgenden Tag stirbt er im Krankenhaus.

Der Unfall setzt den Ort unter Schock. Die Einwohner reagieren mit Trauer, Entsetzen und Wut. Kinder legen am Unfallort Blumen nieder, bald wird dort ein Holzkreuz errichtet. Mehr als 200 Kinder und Erwachsene versammeln sich zu einer Andacht in der Klosterkirche. Aufgebrachte Einwohner fordern Tempo 30 im Ort. Jugendliche halten Mahnwachen und malen an anderen Stellen des Ortes Zebrastreifen auf.

Ausgerechnet am einzigen Fußgängerüberweg, den es damals in Nikolausberg gegeben habe, sei der Unfall geschehen, erinnert sich eine ehemalige Lehrerin der Grundschule. Mit ihren Schülern muss sie das Geschehen verarbeiten. Als noch nicht klar war, ob Timo überlebt, habe ein Mitschüler bei einem Spaziergang gesagt: „Wenn er dann behindert ist, nehmen wir ihn mit.“  Timo wird auf dem Friedhof Junkerberg bestattet, über Jahre erinnert aber auch das Holzkreuz an der Grundschule an Timos Tod. Als seine Klasse am Ende der vierten Klasse verabschiedet wird, gehen die Schüler auch einmal kurz zum Kreuz am Straßenrand.

Timos Familie bekommt nach seinem Tod noch ein Baby. Als dieses Kind das Schulalter erreicht, zieht die Familie aus Nikolausberg fort, wohl auch, weil sie den Gedanken nicht ertragen kann, dass das Kind wieder den Zebrastreifen zur Schule benutzen muss.

Irgendwann verschwindet das Kreuz für Timo – zeichenhaft für eine Gedenkkultur, die nur schwer konkret zu fassen ist. Erschütterungen über einen plötzlichen Unfalltod wie bei Timo führen an vielen Orten zu Unfallkreuzen am Straßenrand. Mehr als 30 Kreuze hat die Polizei allein für den Landkreis Göttingen dokumentiert. Manche stehen – wie das von Timo – über Jahre.

Der Trauerort am Straßenrand habe in Deutschland seit Ende der 1980er-Jahre an Bedeutung gewonnen, schreibt die Wissenschaftlerin Christine Aka in einem Buch über Unfallkreuze. Vor einigen Jahrzehnten seien diese zunächst in Mittelmeerländern und in Osteuropa aufgefallen. In Europa habe sich das Errichten von Unfallkreuzen von Südosten nach Nordwesten ausgebreitet. Unfallkreuze kämen jedoch weltweit vor, auch in den USA oder in Mittel- und Südamerika. Allerdings könnten Markierungen der Sterbeorte womöglich ein weißes und westliches Phänomen sein.

Unfallkreuze seien Erinnerungsorte, die nicht unbedingt spezifisch religiös motiviert seien, so Aka. Die Kreuze würden vor allem für junge Menschen aufgestellt, also für solche, die vor der Zeit gestorben seien. Für ältere Menschen würden nur selten Kreuze aufgestellt und in der Regel dann, wenn gleichzeitig ein junger Mensch verunglückt sei.

Mit einem Unfallkreuz wollten Angehörige oder Freunde in einer schweren Krise auf individuelle Weise ihre Trauer bewältigen. Dabei griffen sie dabei jedoch auf eine allgemein bekannte Symbolik zurück so Aka. Ein kleines Stück öffentlicher Raum werde für den Toten beansprucht und ihm gewidmet. So werde ein Rahmen für den öffentlichen Ausdruck von Trauer, aber auch von Schuldzuweisung und Wut geschaffen. Die Grenze zwischen privater und öffentlicher Trauer sei an diesen Orten durchlässig. Oft wollten die Angehörigen auch andere Menschen vor den Gefahren des Straßenverkehrs warnen.

Weltweit sterben jährlich etwa 1,3 Millionen Menschen durch Verkehrsunfälle. Die Uno erklärte deshalb den dritten Sonntag im November zum Weltgedenktag für die Opfer des Straßenverkehrs. In Deutschland gab es 2011 rund 4000 Tote auf den Straßen.

Die Markierung mit Kreuz oder Blumen weise die Unfallstelle als „verwundeten Ort“ aus, schreibt Aka. Damit werde zugleich auch auf die Wunde verwiesen, die das Unbegreifliche im Leben der Angehörigen und Freunde hinterlassen hat. Die Gedenkstätten am Straßenrand würden oft zunächst spontan eingerichtet und später dann würdig hergerichtet. Für die Gestaltung würden traditionelle Elemente verwendet, die auf Trauer verweisen, wie Kreuze, Blumen oder Kerzen.

Es gebe aber auch erst in jüngerer Zeit verwendete Elemente wie Kuscheltiere oder schriftliche Botschaften. Manchmal würden von Freunden auch Schokolade, Spirituosen oder Zigaretten abgelegt. Insbesondere Jugendliche bevorzugten bisweilen das Unfallkreuz gegenüber der Grabstelle auf einem als normiert empfundenen Friedhof. Ältere Angehörige schätzten dagegen die Ruhe des Friedhofs, wo das Unfallopfer tatsächlich begraben ist.

Unfallkreuze stellen einen bemerkenswerten Freiraum im regulierten öffentlichen Raum dar. In Göttingen seien keine Anträge für die Errichtung von Unfallkreuzen notwendig, so Stadtsprecher Detlef Johannson: „Wir respektieren diese spontanen Gedenkstätten für Unfallopfer in der Hoffnung, dass es in unserer Stadt davon möglichst keine gibt oder geben muss.“ Die Stadt werde mit ihren Betrieben und Dienste, die mit der Reinigung und Pflege des öffentlichen Raumes beschäftigt sind, erst dann tätig, wenn über einen längeren Zeitraum erkennbar werde, dass sich niemand mehr um die Gedenkstätten kümmere, wenn etwa Blumen und Gestecke verwelkt seien.

Dafür gebe es aber keine Regeln oder feste Anweisungen: „Wir versuchen, unseren Part mit Sensibilität und Pietät zu übernehmen.“ Aka berichtet allerdings für Deutschland auch von Konflikten zwischen Angehörigen und Behörden, manchmal auch Anwohnern der Unfallorte. Es gebe in den Behörden eine gewisse Orientierungslosigkeit gegenüber den Kreuzen.

Laut Aka erfüllen die Unfallkreuze für die Angehörigen in der Trauerphase jedoch eine wichtige Funktion. Die von der Wissenschaftlerin befragten Angehörigen seien in dieser Zeit von der Unfallstelle „wie magisch“ angezogen worden. Bei den Besuchen dort sei es ebenso wie bei den Friedhofsbesuchen darum gegangen, den Verlust zu realisieren: „Die Spuren des Unfalls und auch das Kreuz dienten als Vergewisserungen, dass das Unglück tatsächlich geschehen war.“

Die Namen der Kinder in diesem Artikel sind geändert.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Termine im Untereichsfeld

Der Volkstrauertag, in Deutschland ein staatlicher Gedenktag, gehört zu den so genannten „Stillen Tagen“. Er wird seit dem Jahr 1952 zwei Sonntage vor dem Ersten Advent begangen und erinnert an Kriegstote und Opfer von Gewaltherrschaft. Auch im Untereichsfeld finden Feierstunden und Kranzniederlegungen statt.

mehr
Anzeigenspezial
Der Wochenrückblick vom 9. bis 15. Dezember 2017
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt