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„Kriminalität eines versprengten Hühnchens“

Aus dem Amtsgericht „Kriminalität eines versprengten Hühnchens“

„Sie ist kein böses Mädchen“, sagt der Mann von der Jugendgerichtshilfe, „Und sie ist auch nicht doof.“ Dennoch steht die 19-Jährige schon zum siebenten Mal vor dem Jugendrichter. Der ist inzwischen genervt. Immer wieder neue Straftaten, immer wieder neue Versprechen, es nicht wieder dazu kommen zu lassen – und dann steht die junge Frau doch wieder treuherzig und mit großen Augen vor ihm und erklärt ebenso weitschweifig wie beflissen, wie es nun wieder dazu gekommen ist.

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Göttingen. „Kriminalität eines versprengten Hühnchens“, nennt Jugendrichter Sönke Andresen das Sammelsurium jugendtypischer Delikte.

Diesmal also Unterschlagung.  70 Euro hat ihr eine – inzwischen Ex- – Freundin überlassen, damit die 19-Jährige ihr im Internet haarverlängernde Produkte bestellt. Außerdem lieh sich die Angeklagte zwei Paar Schuhe, einen Minirock und ein Computerspiel von der 17-jährigen Schülerin aus. Einzig eines der Schuh-Paare sah das Opfer der Unterschlagung wieder. Allerdings waren die Schuhe zerbissen vom Hund der Angeklagten.

Zu der Internet-Bestellung ist es nie gekommen. Das Geld verbrauchte die 19-Jährige selbst. Die Schuhe hat sie getragen, inzwischen ist auch das zweite Paar vom Hund zerbissen. Nur Rock und Computerspiel sollen noch zu Hause liegen. „Ich kann es ja gleich heute noch vorbeibringen“, verspricht sie.

Warum sie das nicht vorher tat?

Über Monate sei sie immer wieder aufgefordert worden, bis schließlich Anzeige erstattet wurde. Und warum hat sie es nicht hergegeben? „Ich gebe das ehrlich zu: Wir haben uns gestritten. Da hatte ich keine Lust mehr, ihr das wiederzugeben.“ Außerdem sei die 17-Jährige über Facebook ja nicht mehr erreichbar gewesen.

 „Was hätten Sie denn gemacht, wenn Ihnen das Zeug nicht zurückgegeben worden wäre“, will der Richter wissen. „Da hätte ich schon einen Weg gefunden“, ist sie ehrlich.

Jetzt soll alles gut werden. „Ich bezahl das vom ersten Lohn“, verspricht sie. Lohn? Hatte sie nicht bei der jüngsten Verurteilung vor wenigen Monaten dem Richter hoch und heilig versprochen, jetzt wieder zur Schule zu gehen und endlich den Hauptschulabschluss zu machen? Warum sie denn nicht in Northeim wieder die Schule besucht?

„Die nehmen mich da nicht. Ich habe viel Scheiße gebaut in der Vergangenheit“, räumt sie kleinlaut ein. Jetzt aber wolle sie vom Sommer an in Göttingen zur Berufsschule gehen und den Abschluss nachholen. Bis dahin werde sie in einer Bar jobben – ein Vertrag sei ihr schon versprochen – und vom Lohn das Opfer bezahlen.

Jugendrecht anwenden

Daran erkenne man, wird später der Jugendgerichtshelfer sagen, dass hier auf jeden Fall  noch Jugendrecht anzuwenden sei: „Freut sich wie ein kleines Kind über ihre neue Arbeit und verdient gerade mal fünf Euro die Stunde.“ Sie habe doch auch schon für zwei Euro die Stunde gearbeitet, protestiert die Angeklagte. Da seien doch fünf Euro besser.

Wie also soll man so jemanden bestrafen? Erst vor Monaten hatte derselbe Richter acht Monate Jugendstrafe wegen Diebstahls verhängt. Eigentlich müsste er die Strafe erhöhen und die junge Frau tatsächlich einrücken lassen. Dann wäre es nichts mit Schule, mit Jobben, auch nichts mit Wiedergutmachung. Das Opfer ginge leer aus.

Gemeinsam mit dem Staatsanwalt und den ehrenamtlichen Schöffen kommt das Gericht schließlich auf eine kreative Lösung: Das Verfahren wird wegen geringer Schuld eingestellt, aber nur gegen eine Auflage. Die lautet: 40 Stunden gemeinnützige Arbeit hat die 19-Jährige zu leisten. 20 Stunden davon werden ihr über den Verein Ausgleich bezahlt – je Stunde mit acht Euro.

Das ist mehr, als sie in der Bar verdient. Und es ist garantiertes Geld. Die so erarbeiteten 160 Euro gehen an die Geschädigte, deren Schaden einschließlich zerbissener Schuhe damit ausgeglichen ist. „Und die weiteren 20 Arbeitsstunden machen Sie, weil Sie uns hier mit ihren ewigen Straftaten nerven“, sagt Andresen.

Ansonsten wolle er die Angeklagte im Gericht nie wieder sehen – mit der kleinen Einschränkung: „Ihr Abschlusszeugnis, das will ich doch noch sehen.“

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