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Werner Enke: „Ich habe nie Ärzte oder Förster gespielt“

Kult-Schauspieler nimmt Abschied von Göttingen Werner Enke: „Ich habe nie Ärzte oder Förster gespielt“

Wenn einer die 60er Jahre im jungen deutschen Film verkörpert, dann er: Werner Enke. Sätze wie „das wird böse enden“ und die Verbreitung des Verbs „fummeln“ gehen auf das Konto des heute 69-jährigen Schauspielers. Im Film „Zur Sache Schätzchen“ hat er mit Uschi Glas den Geist einer Generation festgehalten. Wer sich für Filme interessiert, kennt den Mann, der bis 1960 in Göttingen gelebt hat. Jetzt nimmt er Abschied von der Stadt.

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Werner Enke 2010: Der Schauspieler nimmt Abschied von seiner Heimatstadt.

Quelle: Heller

Göttingen. Älter, grauer, aber unverwechselbar: Der Mann mit der Goldrandbrille, der in Jeans, Hemd und Weste um die Ecke biegt, ist Werner Enke.

Gut 40 Jahre ist es her, dass der damals dunkelhaarige, schmale, smarte 26-Jährige mit Uschi Glas gefummelt hat. Das Wort „fummeln benutzt er auch heute noch gerne“. Er fummelt nämlich gerade an seiner Videokamera herum. Damit dokumentiert er seine Aktivitäten im GDA-Wohnstift. „Ich gehöre hier ja mal zu den Jüngsten“, lacht Enke, der dort die Wohnung seiner vor zwei Jahren gestorbenen Mutter auflöst.

Zwei Jahre lang konnte er sich nicht von der Wohnung trennen, den traurigen Abschied von Göttingen hält er mit der Kamera fest. Leicht fällt ihm das nicht. „Es ist nicht möglich, ohne seine Wurzeln zu leben“, erklärt der Schauspieler. Und: „Meine Mutter hat gerne hier gelebt.“ Wenn er über seine Mutter spricht, bricht seine Stimme ein wenig.

Keine Spur von bayerischen Akzent

Enke sitzt in der Lobby des GDA, in einem Sessel versunken, vor ihm auf dem Tisch ein Schlüssel, eine Blechdose und ein kleines blaues Schweizer Taschenmesser. Er erzählt zügig, springt mal in die 60er Jahre, mal ins alte Göttingen, mal in heutige Zeiten. 50 Jahre München sind ihm nicht anzuhören, Göttinger bleibt Göttinger, keine Spur von bayerischem Akzent.

Wie sein Göttinger Dokumentations-Film endet, weiß Enke noch nicht. „Vielleicht behalte ich die Wohnung hier ja doch gleich für mich. Aber das ist vermutlich auf Dauer doch zu teuer.“ Er habe sich hier immer wohl gefühlt. Enke und seine „Freundin“ May Spils, die er 1963 kennenlernte, leben abwechselnd in ihrem Reihenhaus in München und auf ihrem Bauernhof in der Nähe von Bremen. Geheiratet haben sie nie.

„Ich konnte weglaufen, sie konnte weglaufen, wir haben es nie getan“, sagt er. Nicht viele Beziehungen aus seinem Freundeskreis haben so lange gehalten. Kinder hat das Paar nicht. „Wir haben Filme“, sagt Enke.

Jetzt muss er aber doch mal vor die Tür. Er nimmt eine Zigarette aus seiner Blechdose. Zieht nur drei, vier mal und drückt die halbe Kippe in einem kleinen silbernen Aschenbecher aus. „Ich bin von 80 auf 8,4 Zigaretten pro Tag runter“, erklärt er das ungewöhnliche Rauchverhalten. Ja, ja, die Laster.

Auch das Trinken habe er weitgehend eingestellt. In den wilden Schwabinger Zeiten sah das anders aus. „Es gibt einige Szenen in meinem zweiten Film, da war ich beim Dreh betrunken“, erinnert er sich. Schwabing damals: Filmschaffende trafen sich in den Kneipen auf der Türkenstraße. München war in den 1960er Jahren das Mekka des jungen deutschen Films.

Schlöndorff, Lemke, Schamoni, ein frischer Wind wehte durch deutsche Kinos. „Weg mit diesen Peter-Alexander- und Edgar-Wallace-Filmen“, meint Enke. Fünf Streifen, davon vier erfolgreich, ein Flop, hat der Göttinger gedreht, die letzten in den 70er Jahren. „Es steht 4:1, warum sollte ich noch einen Film machen wollen. Ich will nicht, dass es 4:2 steht“, meint Enke. Viele Jahre waren er und May Spils zudem mit der Pflege ihrer Mütter beschäftigt. Und: „Wir haben keine hohe kommerzielle Energie.“

„Zur Sache Schätzchen“

Der Kultfilm „Zur Sache Schätzchen“ gehört zu den erfolgreichsten deutschen Kinofilmen. So lässig, wie Enke in diesem Film lebt, so lässig scheint der Mann tatsächlich durch das Leben zu gehen. Nur: Das Älterwerden gefällt ihm nicht. „Plötzlich gehört man selbst zu den Alten“, grummelt er.

Er ist nicht stolz darauf, irgendetwas gemacht zu haben, er ist stolz darauf, etwas nicht gemacht zu haben: „Ich habe nie Ärzte oder Förster gespielt.“ Schlechte Vorabendserien? Fehlanzeige. Nicht mit Enke. Der leidenschaftliche Cineast liebt Filme wie „Citylights“ von Charlie Chaplin oder „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard.

Eigentlich sollte er in „Zur Sache Schätzchen“ am Ende erschossen werden. „Ich wollte so schick sterben wie Jean-Paul Belmondo in Außer Atem“, sagt er. Aus schick sterben wurde nichts. „Drei Tage nach Drehbeginn wurde Benno Ohnesorg erschossen, da haben wir das Drehbuch lieber geändert“, sagt Enke.

Prügel bezogen bei einer Demonstration

Im München der 60er Jahre hat der junge Enke selbst Bekanntschaft mit der Polizei gemacht, er hat bei Demonstrationen Prügel bezogen. Die Wut, die er hatte, war Antrieb für seine Filme. „Mir sind die Feinde ausgegangen, deshalb mache ich keine Filme mehr“, erklärt der Schauspieler. „Ich mache lieber Notizen.“ Notizen? Die hat er in seinem Buch „Es wird böse enden“ verarbeitet. Etwas zappelig rutscht er in seinem Sessel hin und her. Zeit für drei Züge an der Zigarette.

Draußen vor der Tür ist es kalt, es nieselt. Graues Novemberwetter. Wie passend für einen Abschied. An seine Göttinger Zeiten erinnert sich Enke gerne und genau. Aber lieber drinnen. Bei Kaffee. Enke bestellt ein Eis. Drei Kugeln „mit ganz wenig Sahne“. Die kleine Kekswaffel und sein Feuerzeug schiebt er auf der Tischdecke hin und her, um zu erklären, auf welcher Straßenseite welche Kneipe stand.

„Wissen Sie, woher ich die Sprüche aus dem Film habe? Von meiner Oma.“ Enke ist mit Mutter und Oma am Brauweg aufgewachsen. „Junge, fummel nicht immer am Fahrrad rum“, ermahnte ihn Oma. Und: „Mach eine anständige Lehre, sonst wird es böse enden.“ Tat es auch ohne Lehre nicht.

Daumenkinos

Aber die legendären Sprüche aus dem Kultfilm haben ihren Ursprung ebenso in Göttingen wie das Daumenkino, das Enke Uschi Glas in einer Liebesszene zeigt. „Die Daumenkinos habe ich schon als Kind gezeichnet“, sagt Enke. Kino, das war schon immer seine Leidenschaft. Damals besuchte er die Göttinger Kammerspiele und das Studio für Filmkunst.

„Mit der Rentenkarte meiner Oma“, lacht Enke. Jahnschule, Felix-Klein-Gymnasium: Er lernte Gunter Hampel und Joe Penzlin kennen, spielte Schlagzeug und kickte leidenschaftlich gerne. Mit Freunden aus dieser Zeit wie „Kalli Gruber“ trifft er sich immer noch, nicht mehr zum Fußballspielen, aber „im Kreta auf ein Bier“.

„Ach, Karo-König“, ruft Enke und stoppt Manfred Gödecke, der gerade vorbei geht. Auch er soll nun kurz vor die Kamera und erklären, dass das alte Bett der Mutter entsorgt ist. „Der Mann sieht doch aus wie Karo-König auf der Spielkarte“, findet Enke. Er selbst möchte vor der Kamera natürlich auch gut aussehen. „Nicht wie 69, sondern wie 68“, lacht er. „Und bitte von dieser Seite.“ Das charakteristische Muttermal muss ins Bild. Schauspieler bleibt Schauspieler.

Werner Enke

Werner Enke wird am 25. April 1941 in Berlin geboren. Er wächst in Göttingen im Brauweg 57 bei Mutter und Großmutter auf.

1960 geht er nach München, wird zunächst an der Schauspielschule abgelehnt. Er schreibt sich an der Universität München für Theaterwissenschaften, Französisch und Germanistik ein.

„Hingegangen bin ich nicht“, sagt er allerdings. Enke schreibt Theaterstücke, geht 1962 an die private Zerboni-Schauspielschule.

 1965 bilden Klaus Lemke, May Spils und Werner Enke in Schwabing gemeinsam mit anderen Filmschaffenden die sogenannte „Münchner Gruppe“ um Jean-Marie Straub und Enno Patallas.

1965 dreht Enke unter der Regie von Lemke den Kurzfilm „Kleine Front“. 1966 wird er in Volker Schlöndorffs „Mord und Totschlag“ gleich zu Anfang erschossen. Seine Karriere kommt mit dem Film „Zur Sache Schätzchen“, bei dem seine Freundin May Spils Regie führt, 1968 richtig in Fahrt.

Es folgen die Erfolgsfilme „Nicht fummeln, Liebling“ (1970), „Hau drauf, Kleiner“ (1974) und „Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt“ (1979). „Zur Sache Schätzchen“ ist einer der größten Erfolge der deutschen Filmgeschichte, Spils und Enke erhielten dafür drei Bundesfilmpreise, Uschi Glas den „Bambi“.

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