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Lackiererei im Verdacht: Auslöser für Krebs?

Betrieb in Groß Schneen Lackiererei im Verdacht: Auslöser für Krebs?

Der Ausdruck einer Landkarte von Google-Maps kursiert in Groß Schneen. Darauf viele schwarze Kreuze. In jedem Haus unter einem der Kreuze soll ein Mensch an Krebs gestorben oder schwer erkrankt sein. Eine besondere Häufung ist im Wohngebiet Birkenfeld zu sehen – in der Abluftschneise der Schilderfabrik Wilhelm Grewe.

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Von Polizei durchsucht: Firma der Schilder-Lackiererei in Groß Schneen.

Quelle: Pförtner

Groß Schneen. Was klingt wie der verzweifelte Erklärungsversuch eines Krebs-Opfers, wird von der Staatsanwaltschaft Göttingen ernst genommen. Sie ermittelt gegen das Unternehmen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

Am Donnerstag bestätigte Pressesprecher Frank-Michael Laue: Es wird ein Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche eines Unternehmens in der Gemeinde Friedland geführt. In der Lackiererei der Firma soll bis 1999 das krebserregende Lösungsmittel Trichlorethylen verwandt worden sein. Das durfte nur in hermetisch abgeschlossenen Räumen oder Prozessen zum Einsatz kommen, weil es bekanntlich gesundheitsgefährdend ist.

Der Verdacht: Der Groß Schneer Betrieb soll leichtfertig mit dem Stoff umgegangen sein, so dass Menschen im Umfeld, speziell in dem Anfang der 90er-Jahre entstandenen Baugebiet Birkenfeld, die gefährlichen Lösungsdämpfe eingeatmet haben könnten.

„Blödsinn“, sagt dazu der Beschuldigte, Seniorchef Wilhelm Grewe. „Wir haben ein ganz reines Gewissen.“ Er bestätigt zwar, dass das Mittel – wie überall in der Industrie – bis 1999 eingesetzt wurde, dies aber „fachgerecht in geschlossenen Räumen“. Dass der Vorwurf „konstruiert“ sei, erkenne man daran, dass der Anzeigeerstatter „das noch vor Wochen gerochen haben will“, dabei sei es vor 13 Jahren letztmals benutzt worden. Grewe will jetzt eine einstweilige Anordnung erwirken, dass die Vorwürfe gegen sein Unternehmen nicht wiederholt werden dürfen.

Dokumentiert hat den Verdacht ein 66 Jahre alter Biochemiker. Er suchte in den vergangenen Monaten viele der betroffenen Familien auf. Er hat eine umfassende Dokumentation über die Häufigkeit und die Art der Krebserkrankungen sowie Erkenntnisse über den Umgang mit Trichlorethylen in dem Betrieb bei der Staatsanwaltschaft vorgelegt.

Im September ging diese Dokumentation dort ein. Nach einer Abstimmung mit dem Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen und dem Landesgesundheitsamt wurde ein Anfangsverdacht bejaht. Auskunft darüber gibt derzeit wegen des Verfahrens weder das Register noch das Landes- oder das örtliche Gesundheitsamt.

Nach der Aufstellung des Anzeigeerstatters habe es innerhalb der letzten 15 Jahre mehr als 50 Krebsfälle allein in dem engen Wohnbereich Große Breite, Birkenfeld und Plesseweg in Groß Schneen gegeben, darunter ein halbes Dutzend Fälle von Bauchspeicheldrüsenkrebs, der sonst relativ selten ist.

Während die Staatsanwaltschaft sagt, es gebe bisher keine Erkenntnisse darüber, dass Mitarbeiter, die ja unmittelbar mit dem gefährlichen Stoff umgingen, von der Erkrankung betroffen seien, zählt der Anzeigeerstatter zwei Krebsfälle bei ehemaligen Mitarbeitern auf. Er will auch beobachtet haben, dass Mitarbeiter der Firma noch am Kirmesmontag dieses Jahres, als hunderte Gäste im nahen Festzelt saßen, mit Tri-chlorethylen bei offener Halle hantiert hätten. Er habe das gerochen. „Da können Sie sich nicht verriechen“, sagt er dem Tageblatt.

Nach dem Verdacht gegen eine Lackiererei in Groß Schneen für eine Häufung von Krebsfällen verantwortlich zu sein, ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen.

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Während die Staatsanwaltschaft prüfen will, ob die gut 50 aufgeführten Krebsfälle überhaupt von dem Stoff ausgelöst werden können, warnen auch örtliche Mediziner: Ob die Häufigkeit einer solchen Erkrankung hoch ist oder im Durchschnitt liegt, so Ortsratsmitglied und Ärztin Renate Schmalfus (Grüne), sei extrem schwierig festzustellen. Zu berücksichtigen sei unter anderem das Alter der Patienten. Und in den vor 40 bis 20 Jahren erbauten Wohngebieten leben heute eben viele Menschen im besonders gefährdeten Alter zwischen 50 und 70.

Die Staatsanwaltschaft sieht die Häufung allerdings als signifikant an. Das Amtsgericht hat eine Durchsuchung der Firma vornehmen lassen. Am Mittwochmorgen wurden Firmenunterlagen, Bestellungen und Entsorgungsnachweise aus der fraglichen Zeit sichergestellt. Es wird auch der Frage nachgegangen, ob der Stoff heute noch im Einsatz ist.

Bereits in der Vergangenheit hatten nach tragischen Todesfällen im Ort Bürger den Verdacht geäußert, dass es Zusammenhänge mit einer örtlichen Ursache geben müsse. Das Trinkwasser stand bei einigen im Verdacht – was aber extrem unrealistisch war, weil das Wasser regelmäßig untersucht wird und viel mehr Bereiche mit demselben Wasser versorgt werden, als der betroffene Wohnbereich.

Selbst in der Ortsratssitzung wurde die Frage gestellt, wie es zu so vielen Krebsfällen – darunter verschiedenste Arten wie Hautkrebs oder Gehirntumore – kommen könne. Bis heute, so die Verwaltung, sei offiziell nicht einmal bekannt, dass die Zahl der Fälle aus dem Rahmen falle.

Dieser Artikel wurde aktualisiert

Trichlorethylen

„Trichlorethylen ist ein organisches Lösungsmittel, das bis Anfang der 90er-Jahre in sehr großem Umfang zur Metallentfettung und Reinigung verwendet wurde“, sagt Prof. Ernst Hallier, Arbeitsmediziner der Universitätsmedizin Göttingen. Seit 1996 sei Trichlorethylen in Deutschland als krebserregend für den Menschen eingestuft. Bei Arbeitern, die über Jahre kontinuierlich sehr hohen Konzentrationen des Stoffes ausgesetzt waren, sei eine erhöhte Erkrankungshäufigkeit an Nierenkrebs festgestellt worden. 

Die krebserregende Wirkstärke von Trichlorethylen sei im Vergleich zu anderen krebserregenden Substanzen als nicht sehr hoch einzuschätzen, so Hallier. „Dennoch ist ein vorbeugender Gesundheitsschutz erforderlich.“ So müssten besonders strenge Schutzvorschriften beachtet werden. Stoffe wie Trichlorethylen dürften nicht in die Umwelt gelangen.

Hallier: „Trichlorethylen wird in der Natur verhältnismäßig rasch abgebaut. Bei unsachgemäßer Lagerung kann aber eine Gefährdung bestehen, wenn der flüchtige Stoff über längere Zeit eingeatmet wird.“ afu

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Nach Verdacht gegen Lackiererei

Nach dem Verdacht gegen eine Lackiererei in Groß Schneen, durch unsachgemäßen Umgang mit Trichlorethylen für eine Häufung von Krebsfällen verantwortlich zu sein, schaltet sich nun auch das Göttinger Gesundheitsamt ein. So werden dort derzeit Totenscheine der vergangenen Jahre aus dem betroffenen Bereich ausgewertet.

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