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Liebe, die über Schlägen, Streit und Lügen steht

Aus dem Amtsgericht Liebe, die über Schlägen, Streit und Lügen steht

Man schlägt sich, man verträgt sich, man beschuldigt sich gegenseitig, und mit der Wahrheit nimmt man es auch nicht so genau – nicht untereinander, nicht bei der Polizei und nicht vor dem Richter. Erst im Strafprozess, wenn wegen Falschaussage eine Freiheitsstrafe droht, kommt die Wahrheit auf den Tisch. Eine etwas andere Liebesgeschichte.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Der 20 Jahre alte Angeklagte und seine gleichaltrige Lebensgefährtin, die gemeinsam ein Kind haben, bieten sich eine wahrhaft aufregende Beziehung – schon seit Jahren. Vor dem Jugendschöffengericht muss sich der aus dem Kosovo stammende Roma wegen Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Nötigung und Sachbeschädigung verantworten. Außerdem werden ihm mehrere Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz vorgeworfen. Zudem soll er laut Anklage den eigenen kleinen Sohn misshandelt haben.

Dieser Punkt empört ihn am meisten. „Jeder Vater auf der Welt liebt sein Kind und tut ihm so was nicht an“, protestiert er. Im Laufe der Verhandlung kommt dann tatsächlich heraus, dass die Lebensgefährtin in diesem Punkt völlig übertrieben hat. Er habe mit dem 22 Monate alten Jungen nur „gekabbelt“, sagt sie. Und: „Ich habe es schlimmer gemacht, extra, weil ich Wut auf ihn hatte.“

Todesdrohungen via Facebook

Immerhin hat sie das bei der Polizei gesagt und auch im Verfahren, mit dem sie bei Gericht eine Gewaltschutzverfügung gegen den Angeklagten erreicht hatte. Weil er mehrfach dagegen verstoßen hat und immer wieder in ihrer Nähe auftauchte, droht ihm ebenfalls Strafe. Die anderen Anklagepunkte sind Ohrfeigen und Schläge gegen die 20-Jährige, das Zertrümmern des gemeinsamen Schlafzimmerschrankes mit der bloßen Faust, Todesdrohungen gegen eine Cousine der Frau via Facebook sowie Freiheitsberaubung, weil er seine Partnerin im Streit einschloss und den Schlüssel mitnahm. Die Mutter der Frau holte sie schließlich mitsamt Kind aus der Wohnung.

Deshalb treten auch Mutter und Cousine als Belastungszeuginnen auf. Die Cousine ist bei Facebook bedroht worden: „Wenn ich dich mit J. sehe, schneide ich dir den Hals durch.“ Das soll der Angeklagte gepostet haben, von einem gefälschten Account. Die Mutter tritt auf als Zeugin, genau wie das Opfer von Kopf bis Fuß im Leoparden-Look. Alle entstammen einer deutschen Sinti-Familie.

Die Roma-Angehörigen des Angeklagten greifen von der Zuhörerbank immer wieder lautstark in den Prozess ein. Der Dauerstreit zwischen den Familien, die die Beziehung der beiden 20-Jährigen noch nie akzeptiert haben, liegt wie ein Schatten über dem Paar. Das ist auch Thema der Paartherapie, die beide jetzt machen, weil sie nun heiraten wollen. Denn seit den angeklagten Vorfällen ist Zeit vergangen, Zeit, in der sich beide wieder versöhnt haben und nun heiraten wollen.

Großfamilien, die sich nicht vertragen

Jetzt müht sich die Frau bis an den Rand der Falschaussage, den Angeklagten zu entlasten. Sie behauptet gar, sie sei es, die ihn zuerst geschlagen habe. Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe sagt es so: „Beide wollen zusammen bleiben, aber über dem Paar stehen Großfamilien, die sich nicht vertragen.“

Wie also soll man Taten bestrafen, wenn sich Opfer und Täter verziehen haben? Die meisten sind erwiesen, eine widerlegt. Weil der 20-Jährige noch Heranwachsender war und sein Verhalten von Unreife zeugt, kommt nur Jugendrecht infrage. Richterin und Schöffen halten sieben der acht Anklagepunkte für erwiesen, trotz  „der beschönigenden Aussagen“. Es wird zwar eine – zeitlich nicht festgelegte – Jugendstrafe verhängt, diese aber zur Bewährung ausgesetzt.

Sollte sich der 20-jährige Roma noch einmal etwas zu Schulden kommen lassen, wird erneut verhandelt, und dann geht es in Haft. Als Bewährungsauflage muss er zehnmal zur Familienberatung – mit seiner wieder versöhnlich gestimmten Braut.

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