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#MeToo: Das sagen betroffene Göttingerinnen

Geschichten aus der Region #MeToo: Das sagen betroffene Göttingerinnen

Mit dem Hashtag #MeToo (ich auch) teilen Zehntausende Frauen auf Twitter ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Mittlerweile haben auch einige Leserinnen aus Göttingen und der Region sich bei uns mit ihren Geschichten gemeldet.

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Unter dem Hashtag #MeToo sammeln Frauen aus aller Welt Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Alltagssexismus.

Quelle: dpa

Landkreis. „Me too. Leider das erste Mal als ein vielleicht 14 Jahre altes Mädchen im Schwimmbad beim Schwimmen. Der Junge kam aus dem Kinderdorf des Ortes und ich habe ihn nie wieder gesehen. Das andere „harmlose“ habe ich als normal empfunden. Es ist eben so. Ich bin jetzt 59 Jahre alt und damals gab es diese Aufklärung nicht. Auf jeden Fall war das Anfassen und die Wortwahl der Männer für mich peinlich, es widerte mich an und ich bin oft Umwege gegangen, um bestimmte Männer nicht zu treffen und zu sehen“, berichtet eine Göttingerin.

„Ich fürchte, so was gibt es heute immer noch.“

Eine andere Tageblatt-Leserin schreibt: „MeToo im Jahre 1960/61 wurde grob zudringlich mein Chef im Büro, ein Bahnbeamter in einem leeren Bahnabteil eines Nahverkehrszugs und ein Autofahrer beim Trampen. Ich war 17/18 Jahre alt. Ich fürchte, so was gibt es heute immer noch.“

„Das Gefühl erlebt zu haben, ich kann mich wehren, es funktioniert, hat mich mein Leben lang begleitet und gestärkt.“

Göttingerin Conny Hiller berichtet ebenfalls von einem sehr unangenehmen Erlebnis, das sie aber gestärkt hat in ihrer Gegenwehr: „1969 bin ich nach der Tanzstunde im Zug von einem Mann von Wagen zu Wagen verfolgt und immer wieder festgehalten worden. Ich habe mich zu Reisenden gesetzt und mich ihnen anvertraut. Mitleidsvolle Blicke, Achselzucken, Hilflosigkeit. Irgendwann musste ich an einem einsamen Dorfbahnhof aussteigen. Ich wusste, dass ich das nicht tun sollte. Es war dunkel. Der Mann stieg ebenfalls aus, folgte mir dicht die Treppe hinunter zur Unterführung. Es war die Zeit der türkischen Gastarbeiter, die Zeit des Minirocks. Als Fahrschülerin hatte ich mich am Bahnhof auch tagsüber schon häufiger unwohl gefühlt. Deshalb hatte ich mir von einem türkischen Freund zwei Wochen vorher den Satz: „Hau ab, du Idiot“ aufschreiben lassen und auswendig gelernt. Auf der zweiten Treppe wieder hinauf zum Ausgang wurde mir klar, dass ich verloren hätte, sobald ich den Bahnhof verlassen würde, um an Büschen und unbeleuchteten Fahrradständern entlang zu gehen. Plötzlich wurde ich unglaublich wütend, drehte mich noch auf der Treppe ruckartig um und schleuderte dem Mann „Siktir lan, abtal!“ entgegen. Ich weiß nicht, was diese Worte wirklich bedeuten, aber es funktionierte. Der Mann auf den Stufen unter mir erstarrte. Ich rannte weg. Welch ein Trumpfgefühl am nächsten Tag. Das Gefühl erlebt zu haben, ich kann mich wehren, es funktioniert, hat mich mein Leben lang begleitet und gestärkt.“

„Er wusste um meine Abhängigkeit und hat sie immer weiter getrieben.“

Eine Leserin, die gern anonym bleiben möchte, schreibt: „Zum Thema #MeToo: Mein verheirateter Ausbilder (ca. Ende 40) in der Lehramtsausbildung (Referendariat) wollte mehrfach die Woche sich mit mir (Ende 20) zum Reden treffen. Dabei schob er meist ein Schulthema vor, bestand aber darauf, dass wir uns außerhalb der Schule im Café, Restaurant oder zum spazieren im Park oder Wald treffen. Zur Information: der Ausbilder gibt mit anderen zusammen die Abschlussnote, die zentral über eine spätere Einstellung entscheidet. Bei den Gesprächen ging es kaum um Schule, sondern es driftete schnell ins Private. Er wollte immer mehr über mich wissen. Dabei uferte es völlig aus. Wir waren teilweise über drei Stunden unterwegs und er fragte mehrfach die Woche nach treffen. Als ich mal meinte, ich hätte keine Zeit, weil ich neue Jalousien bekäme, meinte er, dass er die sich gerne mal angucken würde. Als es dann nach einer späten Veranstaltung kurz vor Weihnachten regnete und mein bus weg war, bestand er darauf, mich nach Hause zu fahren. Noch im Auto zückte er dann ein Weihnachtsgeschenk – eingepackt in meinen Lieblingsfarben – und legte dabei erwartungsvoll den Arm um meine Stuhllehne. Die Fahrt nach Hause war also geplant gewesen. Eine Ablehnung des Geschenks ließ er nicht zu und ich sagte, ich würde es zuhause auspacken. Als ich ausstieg, hatte er so an einer Hauswand geparkt, dass nur ein schmaler Ausstieg blieb. Er war schneller und versperrte mir den Weg, breitete seine Arme aus und sagte, „komm mal her“, um mich an sich zu drücken. Ich hab im Reflex die Hand abwehrend ausgestreckt, mich an ihm vorbeigedrückt und bin schnell zu meiner Haustür gegangen. Nach der Aktion dachte ich, er lässt mich durchfallen (ist nicht passiert). Ich hatte die restliche Zeit meines Refs Angst.

Diese Geschichte ist für mich #metoo, weil sie zeigt, wie subtil das ausnutzen von Macht sein kann. Ich konnte davon niemandem erzählen – er hatte schließlich (noch) nichts messbar Falsches gemacht, es gab keine Zeugen und ich war in der schwachen Position – niemand hätte etwas tun können, ohne dass es Auswirkungen auf meine Noten gehabt hätte. Er wusste um meine Abhängigkeit und hat sie immer weiter getrieben. Ich weiß nicht, was noch passiert wäre, wenn ich an dem Abend nicht davongelaufen wäre. Es war schrecklich.“

#MeToo: Aufruf des Tageblatts

Mit dem Hashtag #MeToo (ich auch) teilen Zehntausende Frauen auf Twitter ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Ausgelöst hat die Schauspielerin Alyssa Milano die Protestaktion. Nachdem die Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein bekannt geworden waren, hatte die Schauspielerin Frauen aufgerufen, unter dem Hashtag #MeToo öffentlich zu machen, wenn sie ebenfalls Opfer sexueller Belästigung oder Angriffe waren. Die Resonanz auf den Milano-Aufruf ist gleichermaßen überwältigend wie bedrückend.

Wer sich ans Göttinger / Eichsfelder Tageblatt mit einer solchen Erfahrung, ob mit Namensnennung oder anonym, wenden will, kann das per Mail und WhatsApp tun: per E-Mail an chefredaktion@goettinger-tageblatt.de oder per WhatsApp unter 016090660911.

Von Hannah Scheiwe

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