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Sexismus ist keine Ausnahme

Twitter-Aktion #MeToo Sexismus ist keine Ausnahme

Auch in Göttingen ist Alltagssexismus ein Thema, mit dem viele Frauen tagtäglich konfrontiert werden. Wie Frauen aus aller Welt teilen sie unter dem Hashtag #MeToo auf Twitter ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt.

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#metoo lautet der Hashtag, den Schauspielerin Alyssa Milano ins Leben gerufen hat.

Quelle: dpa-Zentralbild

Göttingen. „Ich hatte natürlich keine Zeugen und ich habe den Job gebraucht“, sagt eine Göttingerin, die lieber anonym bleiben möchte. Am Arbeitsplatz sei die Gärtnerin von einem Kollegen festgehalten und geküsst geworden. „Ist ja nur ein Küsschen.“ Und auch zweideutige Sprüche gehörten zum Alltag in ihrem Job, erzählt sie. Und tausende Frauen bestätigen das unter dem Hashtag #MeToo im Netz: Sexismus ist keine Ausnahme, sondern Alltag.

In einer Reihe mit #aufschrei, #ausnahmslos oder #teamGinaLisa

#MeToo ist nicht der erste Hashtag, der auf Alltagsseximus, sexuelle Belästigung und Gewalt aufmerksam macht. Die Twitter-Aktion – ins Leben gerufen durch Schauspielerin Alyssa Milano als Reaktion auf den Skandal um Hollywood-Regisseur Harvey Weinstein – steht in einer Reihe mit #aufschrei, #ausnahmslos oder #teamGinaLisa. Alle Hashtags wollen das Thema sexuelle Belästigung an die Öffentlichkeit bringen, zeigen, dass diese Alltag in unserer Gesellschaft ist – und sich das ändern muss.

Gerade deshalb findet Angelika Kruse, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Göttingen, Aktionen wie die unter dem Hashtag #MeToo wichtig. „Es zeigt, dass es so etwas wie Jungfeminismus gibt, der anders agiert als die institutionelle Gleichstellungsarbeit und sexuelle Belästigung zum Thema in der Gesellschaft macht“, sagt sie. #MeToo zeige aber auch, wie stark das Schweigen über solche Erlebnisse sei.

Frauensolidarität „nicht nur einmal im Jahr“

Das greift Amina Yousaf auf: „Das ist nur ein Auszug; das, was die Leute sich trauen zu sagen oder zu schreiben“, sagt die Göttingerin, die Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Geschlechterforschung studiert, über die Postings auf Twitter. In Hollywood hätte es ja auch Jahrzehnte funktioniert, dass keiner etwas sagt – wie am Fall Weinstein sichtbar geworden ist. Trotzdem finde sie es gut, dass solche Hashtagkampagnen eine Öffentlichkeit für das Problem schaffen würden. Frauensolidarität und das Sichtbarmachen des Problems – „nicht nur einmal im Jahr“, so Yousaf – seien Ansätze, wie damit umgegangen werden könne. Sie findet aber, dass auch Männer es in der Hand hätten, einzugreifen – und verweist auf den Hashtag #howiwillchange, unter dem Männer posten, wie sie das ändern wollen.

„In unserer Gesellschaft gilt sexuelle Belästigung als normal, egal in welcher Branche, egal in welchem Berufszweig“, sagt auch Evelyn Stellhorn, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Duderstadt. Da ist nicht nur die Gärtnerin betroffen, sondern auch die Professorin oder die Politikerin. Das bestätigt auch die Göttinger Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta (SPD). „ Sexismus ist jedoch nicht nur der anzügliche Blick im Fahrstuhl, das Begrabschen unter dem Tisch oder der Altherrenwitz zu später Stunde, dazu gehört auch das systematische Unterschätzen von Frauen, wenn es um Führungspositionen geht“, sagt sie. Ihr Lösungsansatz: „Sexismus lässt sich wirksam jedoch nur an der Wurzel, den ungleichen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern, bekämpfen. Wir müssen endlich für Lohngerechtigkeit sorgen, den Frauenanteil in unseren Parlamenten erhöhen und mehr Frauen in Führungspositionen in Politik und Unternehmen durchsetzen.“

Alltagssexismus nicht nur auf der Straße

Wer denkt, dass dieser Alltagssexismus nur auf der Straße, in der Diskothek oder in bildungsferneren Schichten stattfindet, liegt damit also falsch. Auch Hochschulen sind betroffen – und wirken dem bereits entgegen, unter anderem mit einer Stabsstelle Chancengleichheit und Diversität sowie mit verschiedenen Beratungsangeboten. „Auch am Campus als Teil der Gesellschaft wird einem hinterhergerufen“, nennt Silke Hansmann, Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Göttingen, nur ein Beispiel. Einer EU-Studie zufolge habe jede zweite Studentin schon mal sexuelle Belästigung erlebt, erzählt sie. „Wir müssen mehr für das Thema sensibilisieren“, so ihre Meinung. Die Aktion #MeToo sei daher gut und auch zeitgemäß, „aber das reicht nicht“. „Viele Professoren und Professorinnen denken, dass sexuelle Belästigung an der Uni, in einem aufgeklärten Raum, eher unüblich ist“,m sagt Hansmann, „aber das ist es nicht“. Sie berichtet von einer AStA-Mitarbeiterin, die nach dem Campus-Festival Contre le racisme an der Bushaltestelle am Campus „sexistisch angegangen“ worden sei – das hätten sie später öffentlich thematisiert, weil es ein Beispiel für sexuelle Belästigung an der Uni sei.

Große Resonanz hat der Hashtag #MeToo also nicht nur im Netz ausgelöst – er findet auch Bestätigung im Göttinger Alltag, wo viele Frauen sich tagtäglich, nicht nur während einer Twitter-Aktion, dafür einsetzen, dass Sexismus nicht heruntergespielt, sondern gegen ihn angegangen und die Gleichberechtigung vorangetrieben wird. Denn: „Es ist oft zu hören, dass es Gleichberechtigung schon gibt“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte Kruse, „das ist im Grunde auch sexistisch, denn dass das nicht stimmt, wissen wir“.

Im Club oder in der Firma: Wie Göttinger Unternehmen mit Sexismus umgehen

Seit 15 Jahren sitzt sie fast jedes Wochenende an der Tür: Bea Roth ist Eigentümerin des Göttinger Clubs „Exil“ und lässt es sich nicht nehmen, auch den Einlass zu betreuen. Eine Frau als Türsteherin – das ist ein eher seltenes Bild, und wird von so manchem Gast auch nicht als selbstverständlich hingenommen, wie Roth erzählt. „Dumme Sprüche wechsel ich gleich“, sagt sie. Und meint damit, dass sie doofe Sprüche kontert. Wer es dann nicht sein lasse, komme erst gar nicht in ihren Club rein.

Während Roth solche Situationen selbstständig regelt, gibt es beim Göttinger Großunternehmen Sartorius einen Verhaltenskodex, wie Pressesprecherin Petra Kirchhoff erzählt. Der beinhalte auch Aussagen zur Diskriminierung, egal ob rassistisch oder sexistisch – die sei natürlich untersagt. „Darauf kann sich jeder Mitarbeiter berufen und sich beispielsweise an den Betriebsrat oder Personalrat wenden, wenn es Probleme gibt“, sagt Kirchhoff. „Sartorius ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, von daher wäre es falsch zu sagen, dass es sexuelle Belästigung bei uns nicht gibt“, sagt sie weiter. Dass sich jemand deshalb melde, sei aber nicht häufig der Fall.

Wesentlich häufiger als auf der Arbeit im Unternehmen wird wohl in Clubs, wo die Gäste oft unter Alkoholeinfluss stehen, auch mal leichter bekleidet sind und die Tanzfläche voll ist, Sexismus erwartet – ob ein Spruch von der Seite, ungewolltes Antanzen oder Anfassen. „Wir haben relativ vernünftige Gäste, da passiert das nicht so oft“, schätzt Roth die Lage in ihrem Club ein. „Viele Frauen kommen auch allein zu uns, mit dem Argument, dass sie hier nicht dumm angelabert oder angefasst werden“, sagt die Exil-Inhaberin.

Wenn doch mal jemand übergriffig werde – ob das nun rassistisch oder sexistisch motiviert sei – entscheide der Betroffene, ob der Übergriffige gehen müsse. „Dann verlässt derjenige sofort den Laden“, so Roth. Sie finde Aktionen wie #MeToo gut, glaubt aber, dass es bis zur Gleichberechtigung – gerade in ihrem Job – noch dauere.

„Es wird noch mindestens eine Generation brauchen, bis du an der Tür eines Clubs als Frau genauso akzeptiert wirst wie als Mann“, sagt sie. Die Problematik müsse längerfristig betrachtet werden. „Es ist einfach so in den Köpfen drin, dass mal ein dummer Spruch gemacht wird und ein Machtgefälle angenommen wird“, sagt sie. Die wenigsten nehmen an, dass sie als Clubbesitzerin auch die Tür betreut – bei der ein dummer Spruch auch mal dafür sorgen kann, dass sich die Türen erst gar nicht öffnen.

#MeToo: Aufruf des Tageblattes

Mit dem Hashtag #MeToo (ich auch) teilen Zehntausende Frauen auf Twitter ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Ausgelöst hat die Schauspielerin Alyssa Milano die Protestaktion. Nachdem die Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein bekannt geworden waren, hatte die Schauspielerin Frauen aufgerufen, unter dem Hashtag #MeToo öffentlich zu machen, wenn sie ebenfalls Opfer sexueller Belästigung oder Angriffe waren. Die Resonanz auf den Milano-Aufruf ist gleichermaßen überwältigend wie bedrückend. Wer sich ans Göttinger / Eichsfelder Tageblatt mit einer solchen Erfahrung, ob mit Namensnennung oder anonym, wenden will, kann das per Mail und WhatsApp tun: per E-Mail an chefredaktion@goettinger-tageblatt.de oder per WhatsApp unter 016090660911.

Von Hannah Scheiwe

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