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Nach 81 Jahren schließt Friedlands letzter kleiner Einzelhändler

Einst Einkaufsparadies für Hunderttausende Nach 81 Jahren schließt Friedlands letzter kleiner Einzelhändler

„So sieht dich der Kunde“, steht auf dem Spiegel, in den man schaut, wenn man das Büro verlässt. Darüber ein Smiley: „Bitte lächeln!“ Doch zum Lächeln ist es in diesen Tagen nicht, im Gegenteil. Tränen flossen, wenn Vater Wilhelm oder Sohn Carsten Plümer ihren Stammkunden in den letzten Wochen gestanden, dass sie ihren Einzelhandel aufgeben. Heute um 13 Uhr ist Schluss. Nahkauf-Plümer, Friedlands letzter Tante-Emma-Laden, gibt auf.

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Schließt heute: Carsten Plümer in seinem Nahkauf-Geschäft in Friedland. Sein Urgroßvater hatte es 1928 eröffnet.

Quelle: Hinzmann

Dabei gibt es sie noch, die Stammkunden: etwa Dietrich Vering. Mit dem Motorroller kommt er aus Witzenhausen, um schlesische Bratwürstchen von Fleischerei Sommer zu holen. Die haben Plümers seit 20 Jahren im Angebot, und die holt Vering immer zu Weihnachten, seit ihm „ein Kollege vom Freund des Schwiegervaters“ den Tipp gegeben hat. 40 Würstchen sind es diesmal.
Davon kann Familie Plümer nicht leben. Die Stammkunden sterben aus. Das ist nicht nur wörtlich gemeint, wenn auch die Zahl der Senioren, denen die Plümers wöchentlich Lebensmittel nach Hause oder ins nahe Pflegeheim bringen, von Jahr zu Jahr kleiner wurde. Auch die jüngeren Stammkunden sind längst nicht so treu wie einst: „Sie holen sich Angebote mal hier, mal dort“, sagt Carsten Plümer, „und kaufen bei uns nur den Rest.“

So wie jener Kunde, der einst am Heiligabend kurz vor der Bescherung an Plümers Haustür klingelte und um einen Becher Sahne bat. Die habe er beim Einkauf bei Aldi vergessen, gab er treuherzig zu.

So war das immer: Familie Plümer lebte für ihren Laden, vier Generationen lang und auch nach Geschäftsschluss. Unten der Handel, im Stockwerk darüber die Wohnung.

1928 hat das angefangen. Urgroßvater und Großvater des heutigen Inhabers waren damals von Pöhlde am Harz nach Friedland gekommen, hatten das Haus am Bahnübergang gekauft und einen Handel für „Kolonialwaren, Tabak- und Kurzwaren, Eisenwaren und landwirtschaftliche Sämereien“ eröffnet. Als Herbert Plümer 1939 in den Krieg musste, nahm Ehefrau Frieda das Heft in die Hand. Sie war bis 1968 Seele des Geschäfts. Von 1957 bis 2008 war Vater Wilhelm Chef, dann stieg Sohn Carsten ein.

Lächelnde Boat-People

Was aus heutiger Sicht wie ein Tante-Emma-Laden wirkt, war einst ein Einkaufsparadies für hunderttausende Kunden. Denn wer durch das Lager Friedland ging – Kriegsheimkehrer, Vertriebene, Spätaussiedler und Flüchtlinge aller Nationalitäten – deckte sich bei Plümer mit dem Notwendigsten ein. Ob vietnamesische Boat-People, ob Menschenmengen an Spätaussiedlern aus Sibirien oder Kasachstan – sie alle schauten sich in Plümers Regalen an, was die neue Heimat zu bieten hatte.

Weit und breit waren die Plümers die ersten, die schon 1962 einen Selbstbedienungsladen eröffneten. Damals musste man die Kunden „noch an die Hand nehmen“, als das Verkaufen über den Tresen vorbei war. Verkaufen durch die Hintertür fing damals erst an. Mit zunehmend gefülltem Grenzdurchgangslager wurde es eng im Geschäft. 1980, als 4500 Aussiedler aus Polen im Lager lebten, ließ man sie nur gruppenweise ins Geschäft, während Einheimische gleich durch die Hintertür einkaufen gingen.
Bis zu zehn Verkäuferinnen beschäftigte Wilhelm Plümer damals. Fröhliche Fotos von Betriebsausflügen nach Amsterdam, Kopenhagen oder auf die Zugspitze zeugen von guten Zeiten. Gern erinnert sich der Seniorchef an die Einladungen ins Lager, in dem Boat-People für Plümers vietnamesisch kochten – als Dank, weil er ihnen asiatische Lebensmittel besorgt hatte. An ihr Lächeln, das Sohn Carsten nur als Kind erlebte, erinnert er sich noch heute. Das Lächeln an der Kasse müssen künftig andere übernehmen.

Jürgen Gückel

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