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"Das grenzt an Kindeswohlgefährdung"

Nächtliche Kinderbetreuung "Das grenzt an Kindeswohlgefährdung"

Die Kinder über Nacht in die Kita geben? In Nordrhein-Westfalen soll das bald grundsätzlich möglich sein, hat die neue Landesregierung angekündigt. Entlastet werden sollen vor allem Eltern, die im Schichtdienst arbeiten - zum Beispiel in Kliniken. Kommt in Göttingen auch bald die Nachtkita?

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Quelle: dpa

Göttingen. Tatsächlich habe es schon ähnliche Anfragen gegeben, erzählt Michael Bonder, Geschäftsführer des Göttinger Kreisverbands der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der in Göttingen acht Kitas und Krippen in seiner Trägerschaft hat. Bei den Anfragenden handele es sich oft um Mitarbeiter oder Gäste wissenschaftlicher Institute, deren Kinder normalerweise in keiner der AWO-Krippen untergebracht sind, sagt Bonder. Das seien zumeist Wissenschaftler, die für kurze Zeit zu einer Tagung oder einem ähnlichen Anlass verreisen müssten. "Oder wenn jemand die ganze Nacht durcharbeiten muss, weil er kurz vor einem Durchbruch steht."

Solche Anfragen stießen bei den Erziehern auf wenig Gegenliebe. "Die Kinder müssen vorsichtig an die neue Umgebung herangeführt werden", betont Bonder. Neben pädagogischen Bedenken sprächen aber auch wirtschaftliche Gründe gegen eine Betreuung in der Nacht. "Das wird zu teuer. Für zwei oder drei Kinder würde sich das einfach nicht lohnen", sagt der AWO-Geschäftsführer. Das sähen auch die Eltern in der Regel ein. Ohnehin kämen solche Anfragen nur sehr selten vor. "Wir haben allgemein nach 17 Uhr weniger Bedarf als gedacht", erklärt Bonder. Zu nehme hingegen der Wunsch der Eltern nach Ferienbetreuung. Einige wünschten sich, dass die Kitas in den Ferien nicht mehr schließen, sondern 52 Wochen geöffnet seien, so Bonder.

Im Kita-Büro des evangelischen Kirchenkreises Göttingen sei das Thema Übernachtbetreuung bisher noch nicht diskutiert worden, erzählt Ute Lehmann-Grigoleit. Der Grund auch hier: "Wir haben vonseiten der Eltern kaum Betreuungsbedarf über 17 Uhr hinaus." Eine mögliche Ursache dafür könnte sein, dass Betriebe mit Schichtarbeit oft eigene Kitas haben, glaubt Lehmann-Grigoleit. Sie verweist etwa auf die Kindertagesstätte der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), deren Betreuungszeiten an den Schichtbetrieb der Klinikumsmitarbeiter angepasst seien.

Sabine Lessel-Dickschat, die beim Caritasverband für die Diözese Hildesheim für die Kitas zuständig ist, hat sich hingegen bereits mit dem Thema der nächtlichen Kinderbetreuung auseinandergesetzt. Es gebe das Bundesprogramm der 24-Stunden-Kitas, für das sich die Kindertagesstätten über das niedersächsische Kultusministerium bewerben könnten, erzählt sie. Da Lessel-Dickschat häufig mit dem Kultusministerium zu tun hat, wisse sie, dass sich bisher in Niedersachsen trägerübergreifend nur sehr wenige Kindertagesstätten dafür beworben hätten.

Auch aus der Diözese Hildesheim, zu der die sechs katholischen Kitas im Göttinger Stadtgebiet gehören, habe sich, soweit sie wisse, niemand gemeldet. Lessel-Dickschat sieht das Programm ohnehin kritisch: "Das grenzt an Kindeswohlgefährdung." Außerdem sei eine 24-Stunden-Betreuung in den meisten Fällen aufgrund des Fachkräftemangels gar nicht zu realisieren. "Wen wollen Sie da nachts hinsetzen", fragt sie. Schließlich müssten stets mindestens zwei Erzieher für die Kinder da sein. Selbst, wenn die Kräfte vorhanden wären, rechne sich so etwas erst ab einer Gruppenstärke von zehn Kindern. Und auch dann könnten Eltern ihre Kinder maximal für zehn Stunden in die Kita geben, wie es das Gesetz zu Tageseinrichtungen für Kinder vorsehe, erklärt Lessel-Dickschat. Der Trend gehe allerdings dahin, diese Spanne immer häufiger auszunutzen. "Vor zehn Jahren hatten wir noch vor allem Halbtags- und Dreivierteltagsgruppen", sagt die Referatskoordinatorin. Mittlerweile würden die Kinder zunehmend ganztags betreut werden.

Diese Entwicklung kann auch Detlef Johannson, Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung, bestätigen. 79 Prozent der städtischen Kindergartenplätze seien inzwischen Ganztagsplätze, 19,6 Prozent Dreiviertel- und nur 1,4 Prozent Halbtagsplätze. In der Krippenbetreuung gebe es gar keine Halbtagsplätze mehr. Das Verhältnis dort: 87,8 Prozent Ganztags- zu 12,2 Prozent Dreivierteltagsplätze. Ein nächtliches Betreuungsangebot werde es in den 13 städtischen Kitas in absehbarer Zeit ebenfalls nicht geben, teilt Johannson mit: "Für eine Übernachtbetreuung gibt es unseres Wissens keinen institutionellen Rahmen, das Wohl des Kindes steht hier im Vordergrund." Mehrfach vorgenommene Befragungen von Eltern hätten zudem ergeben, dass der Bedarf an einer Übernachtbetreuung in Göttingen kaum vorhanden sei.

Von Maximilian Zech

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