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Neues Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge

Göttingen Neues Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge

Für Flüchtlinge bedeutet Deutschland Sicherheit. Umso schwerer wiegt es, wenn grausame Erlebnisse in Erinnerungen weiterleben und als Trauma nicht verarbeitet werden können. Um dem gewachsen zu sein, entsteht in Göttingen derzeit ein Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge. Der Bedarf ist enorm.

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Nicht nur die Situation im Herkunftsland, sondern auch Erlebnisse während der Flucht sind Fachleuten zufolge für die Traumata verantwortlich.
 

Quelle: epd

Göttingen.  „Ich war früher nicht so, ich war immer gut in der Schule, und jetzt kann ich mir nichts merken“ - der Satz ist der Göttinger Psychologin Dr. Akram Abutalebi zufolge in einer Sitzung mit einem Flüchtling gefallen. Er kam trotz größter Bemühungen im Deutschkurs nicht mit. Für Abutalebi gehört das zu den typischen Symptomen eines Traumata. Und Ihrer Kollegin Dr. Dagmar Bielstein zufolge leiden darunter nach jüngsten Studien zwischen 15 und 25 Prozent aller Flüchtlinge in Deutschland.

Bis größere Räumlichkeiten gefunden sind, ist das Psychosoziale Zentrum des Netzwerks für Traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen in der Goetheallee 16 ansässig. Die Öffnungszeiten finden Sie auf der Homepage.

Als Teil eines Netzwerks von Göttinger Fachleuten kümmern sich beide seit Jahren ehrenamtlich um Betroffene. Sie kennen die Geschichten von Folter, sexueller Gewalt, grausamen Hinrichtungen und schrecklichen Erlebnissen während der Flucht. Und obwohl Abutalebi betont, dass diese nicht zwangsläufig in einem Trauma resultierten, ist der Leidensdruck oft groß: Die unverarbeiteten Erinnerungen kehren ständig zurück, Betroffene können kaum schlafen, leiden unter Appetitlosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Hinzu kämen manchmal Aggressivität, manchmal Depressionen - und eine Neigung zur Selbstmedikation mit legalen und illegalen Drogen, erklärt Bielstein.

Wartezeiten für Therapie-Plätze sind lang

Hilfsangebote sind Mangelware: Die Wartezeiten für Therapie-Plätze sind lang, wie Fachleute berichten. Zudem verkompliziert das Asylbewerberleistungsgesetz die Aufnahme einer Therapie. Entsprechende Behandlungen müssen erst aufwendig diagnostiziert werden, bevor eine Behandlung genehmigt wird. Doch auch für die Diagnose sind Fachleute nötig, an denen es ohnehin mangelt. „Es gibt viele, die durch das Netz fallen“, sagt Bielstein deshalb.

Das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen (NTFN) gründet in Göttingen jetzt ein Psychosoziales Zentrum für solche Fälle. Nach dem Vorbild der bestehenden NTFN-Einrichtung in Hannover soll eine niedrigschwellige Anlaufstelle entstehen. Diagnostik, Behandlungen und Gruppenangebote wie Gesprächsrunden und Kreativtherapie seien geplant, erklärt Daniela Finkelstein, Therapeutin und Leiterin der Göttinger Einrichtung.

Zudem will Finkelstein das Therapeuten-Netzwerk in Göttingen ausbauen, unter anderem soll ansässigen Fachleuten die bisher ungewohnte Arbeit mit Dolmetschern näher gebracht werden. Die Geschäftsführerin des NTFN, Karin Loos, kündigt eine enge Zusammenarbeit mit der Fachabteilung des hiesigen Asklepios-Klinikums an - die Weitervermittlung von Hilfesuchenden in die Regelversorung gehört ebenfalls zum Aufgabenspektrum des Zentrums.

Beratung und Behandlung stehen im Vordergrund

Im Vordergrund stehen aber Beratung und Behandlung: Denn ohne diese Angebote verzweifelten die Betroffenen oft an sich selbst, sagt Abutalebi - was ihr zufolge auch daran liegt, dass psychologische und therapeutische Behandlungen in vielen Herkunftsländern wenig verbreitet sind. „Das ist behandelbar“ sei deshalb eine der zentralen Botschaften, die sie Patienten mitgeben möchte.

Ihre Arbeit wollen die Ehrenamtlichen künftig in Kooperation mit dem neuen Psychosozialen Zentrum fortsetzen - unterstützt vom drei-köpfigen Team des NTFN. Finanziert wird dessen Arbeit vom niedersächsischen Gesundheits- und Sozialministerium sowie von der EU und zahlreichen privaten Geldgebern. Denn aus Erfahrung weiß die NTFN-Psychologin Lidia Lopez, dass für Traumatisierte der Druck in Integrations- und Sprachkursen zu groß werden kann - und das Trauma damit zum Integrationshindernis.

Mehr Informationen unter www.ntfn.de.

Von Christoph Höland

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