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Niemand weiß, wer Murat ist

Aus dem Amtsgericht Niemand weiß, wer Murat ist

Drei Verhandlungstage hat der Fall in Anspruch genommen. Und am Ende hätte man in Faustscher Manier seufzen können: „Da steh ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor.“

Neben dem Angeklagten wurden zwölf Zeugen vernommen – und es hätten durchaus noch mehr in Betracht kommen können. Ob das jedoch zur Wahrheitsfindung beigetragen hätte, ist zweifelhaft.

Dem 21 Jahre alten Angeklagten wird dreierlei zur Last gelegt. Erstens: Im Juni vergangenen Jahres habe er einen Studenten der Sozialwissenschaft zusammengeschlagen und ihm sein Handy geklaut; zweitens: im folgenden Juli habe er seinem Onkel 4700 Euro und seiner Tante 200 Euro geklaut; drittens: Einem Mitbewohner soll er ein Handy gestohlen haben. Später werden noch zwei Verfahren vom Amtsgericht Holzminden beigezogen. Es wird unübersichtlich. Im Fokus der Verhandlung steht ohnedies der schwerste Vorwurf: Der Raub des Handys. Am frühen Morgen des 6. Juni 2009 soll der Angeklagte den SoWi-Studenten niedergeschlagen und ihm das Handy weggenommen haben. Mit dem erbeuteten Mobiltelefon habe er im Laufe der Nacht und des Morgens mehrfach seine Ex-Freundin angerufen. Letzteres bestreitet der Angeklagte auch gar nicht. Das geraubte Handy will er aber von einem Freund, mit dem er den Abend verbracht hat, in die Hand gedrückt bekommen haben. Jener Freund, beteuert der Angeklagte, sei es auch gewesen, der den arglos in der Nikolaistraße herumsitzenden Studenten niedergeschlagen habe. Da der Freund als Zeuge geladen ist, entschließt sich Richter Oliver Jitschin ihn doch einfach selbst zu fragen. „Nein nein“, streitet der Zechkumpane den Vorwurf nicht ganz unerwartet ab, „der Angeklagte“ habe zugeschlagen. Das könnten auch die drei übrigen „Freunde“ aus der Gruppe bezeugen. Ein Grieche, ein Türke und ein Deutscher seien noch dabei gewesen. Es klingt wie ein Witz.

Die Zeugenaussage des Griechen wird später übereinstimmend als „unbrauchbar“ qualifiziert, der Türke ist nicht auffindbar, weil niemand weiß wie „Murat“ mit Nachnamen heißt und der Deutsche kann nicht mit Bestimmtheit sagen, wer nun zugeschlagen hat. Die einzige Gemeinsamkeit der Aussagen: Sie unterscheiden sich alle von der anderen.

Die letzte Hoffnung der Juristen, die Tat noch aufzuklären, ist ein gemeinsamer Freund der Runde, wo man im Anschluss an die Tat eingekehrt sei, um wahlweise zu pennen, zu essen oder bald wieder aufzubrechen. Aber eine große Hilfe ist der Zeuge auch nicht. Dafür beweist er Humor, obwohl der Richter ihn gerade erst (13.30 Uhr) aus dem Bett geklingelt hat. Jitschin: „Na gut, kennen Sie vielleicht einen Murat?“ Zeuge: „(hilflos) Da können Sie mich genauso fragen, ob ich einen Ali kenne.“ Jitschin: „Ja stimmt, ich kenne auch viele.“ Zeuge: „(lacht) Das glaube ich Ihnen gerne.“ Die Nebenklage-Vertreterin Nina Jüttner setzt sogar noch einen drauf: „Haben Sie ein silbernes Handy gesehen?“ Zeuge: „(nicht sicher, ob es sich um eine Scherzfrage handelt) Zu viele.“ Nun, die Juristen kommen nicht weiter. Der Vorwurf, der junge Angeklagte habe seinen Verwandten Geld abgeknöpft wird eingestellt, da sowohl Onkel als auch Tante die Aussage verweigern. Auch die Schwester sagt, dass es sich hierbei um eine „Familienangelegenheit“, um eine „türkische Angelegenheit“ handele.

Am Ende einer zähen Hauptverhandlung steht Staatsanwältin Christina Cnyrim auf und entschuldigt sich bei dem Nebenkläger, dass es nicht gelungen ist, die Tat, aufgrund derer der Student so schwer verletzt wurde, aufzuklären. Auch Verteidiger Steffen Hörning räumt ein, dass auch die Unschuld seines Mandanten nicht bewiesen sei. Er glaube ihm jedoch. Am Ende lautet der Spruch des Jugendschöffengerichts: ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe wegen eines besonders schweren Fall des Diebstahls und der beiden Fälle vom Amtsgericht Holzminden. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt.

Von Lukas Breitenbach

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