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Organskandal: Chirurg der Uni Göttingen festgenommen

Tatverdacht Organskandal: Chirurg der Uni Göttingen festgenommen

Der Transplantationsmediziner des Göttinger Universitätsklinikums, der im Verdacht steht, im Zusammenhang mit Lebertransplantationen Patientendaten gefälscht zu haben, sitzt seit gestern hinter Gittern. Gegen den Beschuldigten besteht der dringende Tatverdacht des versuchten Totschlags in neun Fällen und in jeweils einem Fall der schweren Körperverletzung und der Körperverletzung mit Todesfolge

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Ausgangspunkt des bundesweiten Organskandals: das Transplantationszentrum des Göttinger Universitätsklinikums.

Quelle: dpa

Göttingen/Braunschweig. Das erklärte am Freitag die Sprecherin der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, Birgit Seel. Der Mediziner wurde am Freitagmorgen festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Ihm wird vorgeworfen, in neun Fällen bei der Meldung von Patientendaten an die zentrale Europlant-Vergabestelle von Spenderorganen bewusst falsch angegeben zu haben, dass bei diesen Patienten im Zeitraum von zwei Wochen vor der Meldung mindestens zweimal eine Dialyse habe vorgenommen werden müssen.

Durch diese Täuschung seien diese Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan so weit nach oben vorgerückt, dass ihnen innerhalb kürzester Zeit ein Spenderorgan zugewiesen und dies auch transplantiert wurde.

Schwere Vorwürfe

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass durch die Falschangaben andere Patienten, die schwerer erkrankt waren als die von dem Göttinger Arzt gemeldeten Personen, kein Spenderorgan erhielten und möglicherweise aus diesem Grunde gestorben seien. Aufgrund seiner Kenntnisse der Organknappheit und des Transplantationssystems soll der Beschuldigte dies zumindest billigend in Kauf genommen haben. Im Fall einer Verurteilung drohe dem Mediziner eine Haftstrafe nicht unter drei Jahren, sagte Seel.

Ferner, erklärte Seel weiter, bestehe der dringende Verdacht, dass der Beschuldigte an einer Patientin mit stabilen Leberwerten trotz einer gefährlichen weiteren Vorerkrankung eine nicht erforderliche Lebertransplantation vorgenommen habe. Wegen dieser Vorerkrankung sei es in Verbindung mit der Transplantation zu einer drastischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Patientin gekommen.

Die Frau starb schließlich an den Folgen der Transplantation. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass dem jetzt inhaftierten Arzt bekannt gewesen sei, dass die Transplantation nicht erforderlich und wegen der Vorerkrankung mit erheblichen Risiken verbunden war.

Risiken für den Patienten

Bei einem weiteren Patienten, der an einer Leberzirrhose erkrankt war, bei dem aber eine Lebertransplantation aufgrund stabiler Leberwerte nicht notwendig gewesen sei, habe der Beschuldigte ebenfalls eine Leber mit einer nicht über die Warteliste, sondern im beschleunigten Verfahren vergebenen Leber eingepflanzt.

Aufgrund der Transplantation hätten sich Komplikationen ergeben, die eine weitere Transplantation erforderlich gemacht hätten. Dieser Patient sei danach wegen chronischen Leberversagens gestorben. Dem Beschuldigten sei bewusst gewesen, sagte Seel, dass diese Transplantation keinerlei gesundheitliche Vorteile, wohl aber Risiken für den Patienten bedeutete.

Das zweite Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem Göttinger Transplantationsskandal gegen den zuständigen Abteilungsdirektors und Vorgesetzten des Mediziners im Klinikum laufe weiter, erklärte Seel weiter. Hier bestehe allerdings kein dringender Tatverdacht.

Weil die Staatsanwaltschaft weitere Taten im Zusammenhang mit dem Göttinger Transplantationsskandal nicht ausschließt, werden Zeugen gebeten, sich unter Telefon 05 51 / 4 91 69 21 mit der Polizei in Verbindung zu setzen.

„Sofort reagiert“

Das Uni-Klinikum und das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur sehen sich in ihrem Vorgehen nach Bekanntwerden des Transplantationsskandals bestätigt. Das Klinikum habe auf Hinweise zu möglichen Unstimmigkeiten sofort reagiert, den verantwortlichen Arzt sofort beurlaubt, von Anfang an die Aufklärung vorangetrieben und erkannte Mängel umgehend abgestellt, erklärten Ministerium und Klinikum. Eine Chronologie:

  • 22. November 2011: Die Bundesärztekammer teilt dem Klinikum mit, ein Arzt habe eine Falschangabe gegenüber Eurotransplant gemacht.
  • 23. November: Der Arzt wird nach einer Anhörung beurlaubt, eine interne Prüfung eingeleitet.
  • 29. November: Das Klinikum informiert die Staatsanwaltschaft.
  • 7. Dezember: Die Staatsanwaltschaft erhält einen Bericht über die Ergebnisse der internen Prüfung.
  • Ende Dezember: Das Arbeitsverhältnis mit dem Arzt wird aufgehoben.
  • 23 Juli 2012: Das Klinikum übergibt der Staatsanwaltschaft anonymisierte Patientenakten mit Verdacht auf Manipulationen.
  • 25 Juli: Die Staatsanwaltschaft durchsucht Räume eines zweiten Arztes und Abteilungsdirektors im Klinikum.
  • 26. Juli: Das Klinikum stellt den Abteilungsdirektor vom Dienst frei.
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