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Phänomenale Beschleunigung am Berg

Aus dem Amtsgericht Phänomenale Beschleunigung am Berg

Die Frage beschäftigt sonst nur Motorsport-Stammtische: Kann ein Volkswagen Phaeton auf rund 130 Metern von Null auf 135 Stundenkilometer beschleunigen? Noch dazu am Berg. Von der Antwort hängt ab, ob ein 56 Jahre alter Bayer zwei Monate zu Fuß geht und 880 Euro los wird.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

So viel Strafe hat ihm ein Bußgeldbescheid der Stadt Göttingen auferlegt, nachdem ihn die Blitzanlage am Roringer Berg bei 135 km/h erwischt hat. Erlaubt sind an der Stelle 60.

Der Bayer hat Einspruch erhoben und hofft, in der Beweisaufnahme den Richter von seiner Version des Geschehens überzeugen zu können. Die geht so: Er sei an jenem Tag nicht aus Göttingen kommend den Roringer Berg hoch, sondern aus Roringen losgefahren und von der Straße Am Rottenanger eingebogen. Die B 27 ist hier bergauf zweispurig, und er habe sofort einen Lastwagen überholt. Der habe den Blick aufs Temposchild versperrt.

Links steht aber auch eines, hält der Richter dem Anwalt des Temposünders vor. Ja, das werde gar nicht bestritten, aber das habe der Mandant wohl übersehen.

Einmal unterstellt, der Richter glaubt die Geschichte, ergäbe sich, so führt er aus, daraus eine interessante Rechtsfrage: Mehrere Schilder zu ignorieren gilt als vorsätzlich. Nur ein Schild zu übersehen, ist fahrlässig. Die Folge wäre ein milderes Urteil.

Andererseits müsse dem Fahrer klar gewesen sein, dass er sich auf einer Landstraße befand, also Tempo 100 gilt. Dass er 135 – abzüglich Toleranz mindestens 130 – fährt, müsse er gemerkt haben. Also doch keine Fahrlässigkeit, sondern Vorsatz. Frage sich nur, von welchem Basiswert man ausgeht – von 60

Stundenkilometern, dem tatsächlichen Höchsttempo, oder nur von 100 Stundenkilometern, von denen er auch ohne Schild hätte ausgehen müssen? Muss man dann die fahrlässigen 40 (zwischen 60 und 100) und die vorsätzlichen 30 (zwischen 100 und 130) addieren?

Das ist Theorie. In der Praxis glaubt der Richter dem Raser kein Wort. Er will wissen, was er denn in Roringen gemacht hat. Eine Bekannte besucht, so die Antwort. Der Name? Den will der Bayer nicht sagen, mit Rücksicht auf die Dame – angeblich.

Der Richter hält den Damenbesuch für eine Notlüge. Er meint, der Bayer sei direkt die B 27 hinauf gerast. Dass er auf der kurzen Strecke zwischen Einmündung und Blitzanlage – genau sind es 127 Meter – praktisch von Null auf 135 beschleunigen konnte, sei nicht glaubhaft. Doch, beharrt der Anwalt. Gut, dann eben ein Gutachten über das Beschleunigungsvermögen des VW.

Gern würde der Richter das selber ausprobieren. Ein Kollege hat das vor vielen Jahren einmal gemacht. Immer wieder hatten an der Steinmetzkurve in Geismar Erwischte behauptet, sie seien erst stadtauswärts gefahren und hätten an einem Feldweg gewendet. Zwischen Feldweg und Blitzanlage stand damals kein Tempo-30-Schild.

Im eigenen Auto bewies der Richter, dass man von Feldweg bis Blitze gar nicht auf das gemessene Tempo beschleunigen kann. Die geschossenen Temposünder-Fotos gab die Stadt zu den Akten. Sie stellte für den Test gar ein Dienstauto zur Verfügung. Und später stellte sie ein neues Schild auf.

Und im aktuellen Fall? Da muss die Testreihe mit einem 2,5-Tonnen schweren VW Phaeton gleicher Motorisierung nun ein Sachverständiger machen und feststellen, ob die schwere Limousine wirklich so phänomenal von Null auf 135 auf nur 130 Metern beschleunigt.

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