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„Da mutiert das Wildschwein zum Nashorn“

Risiko von Wildunfällen „Da mutiert das Wildschwein zum Nashorn“

Alle zwei Minuten passiert auf deutschen Straßen ein Wildunfall. Im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Göttingen wurden im vergangen Jahr allein 846 Unfälle gemeldet, die Dunkelziffer liegt wesentlich höher. An der Spitze der Unfallstatistik stehen Rehwild und Wildschweine.

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Dreibeine sollen zur Warnung an der L561 aufgesetllt werden.

Quelle: dpa

Göttingen. „Die Hochsaison hat begonnen“, warnt Jörg Arnecke, Verkehrssicherheitsexperte der Göttinger Polizei. Zwei Faktoren kommen im Spätsommer zusammen, die das Risiko einer Kollision mit einem Tier alljährlich ansteigen lassen. Zum einen lösen die beginnenden Erntearbeiten bei den Tiere einen regelrechten Schock aus. Zum anderen hat die sogenannte Blattzeit des Rehwilds begonnen. Rotwild und Damwild folgen mit der Brunft ab Mitte September. Danach werden die Wildschweine rauschig. „Die haben in dieser Phase was anderes im Kopf als Vorsicht“, so Arnecke.

Kreisjägermeister Axel Eichendorff macht die wiederkehrende Abläufe in der Fauna anschaulich. „Etwa im April werden die Reviere unter den Rehböcken verteilt. Wer leer ausgeht, bleibt in den Feldern.“ Diese Tiere stehen mitten in der Paarungszeit nach dem Besuch der Mähdrescher plötzlich ohne Rückzugsgebiet da. In der Folge ist ihre Orientierung massiv gestört. Versuchen diese Tiere, sich in andere bereits besetzte Reviere zurückzuziehen, werden sie in der Regel vertrieben. Wenn sich ein solcher Rehbock seinen Einstand in der Nähe einer Straße sucht, rät Eichendorff seinen Jägerkollegen zum Abschuss. „Das ist besser, als wenn wir ihn später von der Straße kratzen.“

Natürlich sei das Risiko in Waldgebieten erhöht. Ein Wildunfallschwerpunkt in der Region seien daher die Strecken rund um Hann. Münden. Hier ist an jedem fünften Verkehrsunfall ein Wildtier beteiligt. Zu besonderer Vorsicht raten die Experten aber auch, wenn Straßenränder dicht bewachsen sind oder Felder bis an die Fahrbahnrand reichen. Ein passendes Beispiel dafür sei die Landesstraße 569 zwischen Geismar und Klein Lengden, wo Maisfelder die Strecke säumen. „Hier wechseln die Wildschweine über die Straße aus ihrem Wohnzimmer ins Schlafzimmer“, sagt Eichendorff. Zudem lade die gerade Strecke geradezu zum Schnellfahren ein. „Ein Wunder, dass hier noch nicht mehr passiert ist“, ergänzt Arnecke.

Zu hundert Prozent verhindern lasse sich ein Wildunfall nicht, aber wir wollen versuchen, das Risiko zu reduzieren, betont Arnecke. Entscheidend für den Ausgang des Unfalls sei schließlich die Geschwindigkeit des beteiligten Fahrzeugs. Prallt ein Auto beispielweise mit Tempo 60 gegen eine ausgwachsene Bache, liegt das Aufprallgewicht bei etwa 3,5 Tonnen. „Da mutiert das Wildschwein zum Nashorn“, erläutert Verkehrsexperte Arnecke. Der Titel der Kampagne ist daher gleichzeitig sein deutlichster Appell: „Besser langsam als wild“.

2016 wurden bei den 846 gemeldeten Wildunfällen in Göttingen und Umgebung 37 Menschen verletzt, sechs davon schwer. Hinzu kommt ein Schaden an den Fahrzeugen von mehr als zwei Millionen Euro. Man könne leider beobachten, dass dieser Schaden höher bewertet werde als das Wohl der Tiere, so die Polizei. So ließe sich auch erklären, warum ein Großteil der Unfälle nicht gemeldet würde. Ist am Auto nichts zu sehen ist, fahren viele Verkehrsteilnehmer einfach weiter.

Dabei fordern Jägerschaft und Polizei allein schon aus Tierschutzgründen dringend zur Meldung eines Unfalls auf. „Es ist schlicht eine Sauerei, die möglicherweise verletzten Tiere am Straßenrand verendet zu lassen“, sagt Arnecke und verweist auf die rechtlichen Konsequenzen. Es gelte zwar nicht als Fahrerflucht, einen Wildunfall nicht anzuzeigen. Bei Verstoß gegen das Tierschutzgesetz drohen allerdings empfindliche Strafen. Tierquälerei kann mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden.

Prävention mit allen Beteiligten

Die Polizei setzt bei der Prävention von Wildunfällen zukünftig noch stärker auf Zusammenarbeit: Ab 2018 wolle man alle Akteure wie Polizei, Jägerschaft, Landwirte, Straßenmeisterei und Naturschutzbehörde an einen Tisch bringen, um mögliche Risiken zu diskutieren und zu reduzieren, erklärt Jörg Arnecke. Dabei sollen die Wirksamkeit technischer Wildabwehrsysteme, wie der vielerorts bereits installierten blauen Warnreflektoren ebenso diskutiert werden wie die bessere Abstimmung zwischen Verkehrsplanung, Landwirtschaft und Naturschutz. Mögliche Fragen müssten laut Arnecke beispielsweise sein: Wie bleiben Straßenränder übersichtlich? Müssen Felder bis an den Straßenrand bepflanzt werden? Senken erhöhte Abschusszahlen das Unfallrisiko? Konkret geplant ist bereits in Zusammenarbeit mit der Berufsbildenden Schule in Hann. Münden die Installation von orangenen Dreibeinen am Straßenrand als Warnhinweis auf Unfallschwerpunkte. Das Projekt soll an der Landesstraße 561 zwischen Gimte und Ödelsheim starten und könne im Erfolgsfall ausgeweitet werden, so Arnecke.

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