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„Es ist normal, ,Penis’ oder ,Scheide’ zu sagen“

Projekt „Beraten & Stärken“ zum Schutz vor sexualisierter Gewalt „Es ist normal, ,Penis’ oder ,Scheide’ zu sagen“

Das bundesweite Modellprojekt „Beraten & Stärken“ (BeSt) ist bis 2020 verlängert worden. Beteiligt an dem Projekt, das Kinder und Jugendliche mit Behinderungen vor sexualisierter Gewalt in Institutionen schützen soll, ist auch der Frauen-Notruf Göttingen.

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Psychologin Maren Kolshorn vom Frauen-Notruf Göttingen, Sozialpädagogin Nina Krengel und Maria Brinkmann, Schulleiterin der Schule am Tannenberg (v.l.).

Quelle: scheiwe

Göttingen. „Wir arbeiten zurzeit in dem Projekt mit fünf Einrichtungen für Behinderte zusammen“, erzählt Psychologin Maren Kolshorn vom Frauen-Notruf Göttingen. Dazu gehören unter anderem die Schule am Tannenberg mit Tagesstätte in Göttingen und die Tagesstätte St. Raphael in Duderstadt. „Durch die Verlängerung können wir jetzt noch zwei zusätzliche Einrichtungen aufnehmen“, sagt Kolshorn.

Die Schule am Tannenberg, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung, hat das Programm schon fast komplett durchlaufen. „Ich bin vollkommen begeistert“, sagt Schulleiterin Maria Brinkmann, deren Schule seit etwa ein einhalb Jahren am BeSt-Projekt teilnimmt.

Schutzkonzepte entwickeln

Das Projekt, das 2015 ins Leben gerufen wurde und eigentlich 2018 auslaufen sollte, teilt sich in zwei Bereiche: Zum einen werden Mitarbeiter der Einrichtung – im Fall der Tannenberg-Schule Lehrer, Erzieher und Therapeuten – zum Thema sexualisierte Gewalt bei behinderten Kindern und Jugendlichen geschult und Schutzkonzepte entwickelt. Das übernimmt in Göttingen Psychologin Kolshorn. Ihre Kollegin Krengel kümmert sich um die direkte Präventionsarbeit mit den Kindern und Jugendlichen.

„Ich bin sechs Tage in der Einrichtung, jeden Tag beschäftigen wir uns mit einem anderen Thema“, erklärt Krengel ihre Arbeit mit den Kindern. Angefangen wird mit den Themen Gefühle, Körper, Geschlechtsorgane und Berührungen, weiter geht es mit sexuellem Missbrauch, dem „Nein“-Sagen und den Möglichkeiten des Hilfe-Holens. „Es ist ganz normal, ,Penis’ oder ,Scheide’ zu sagen“, erklärt die Sozialpädagogin. Das vermittele sie auch den Kindern, die das anfangs oft witzig fänden, sich aber schnell daran gewöhnten. Die Benennung der Körper- oder Geschlechtsteile sei wichtig, wenn jemand die Kinder unerlaubterweise anfasse und sie sich Hilfe holen wollten. „Das Programm gibt den Kindern auch eine Sprache“, sagt Krengel.

Auf Talker keine Worte für Geschlechtsorgane eingespeichert

Sie erzählt von einer Jugendlichen aus der Tagesstätte St. Raphael in Duderstadt, die zum Sprechen auf einen sogenannten Talker angewiesen war. In dem Gerät seien die verschiedenen Wörter für die Geschlechtsteile einfach nicht eingespeichert gewesen. „Ich wurde an den Fuß gefasst“, hätte das Mädchen ihr Gerät sagen lassen – und dabei gar nicht den Fuß gemeint.

Ihr sei es wichtig, dass die Kinder in dem Projekt trotzdem immer Spaß haben und nicht verängstigt werden, erklärt die Sozialpädagogin. „Wir wollen die Kinder stärken“, sagt sie. Dazu gehöre auch, ihnen aufzuzeigen, dass sie viele Hilfepersonen haben – von Eltern, Geschwistern über Lehrer, Erzieher bis zu Beratungsstellen wie dem Frauen-Notruf, zu dem auch die Kinder- und Jugendberatung Phoenix gehört.

Mitarbeiter-Schulung wichtig

Weil einige Kinder sich durch Präventionsarbeit auch öffnen und Hilfe suchen, sei es wichtig, dass auch die Mitarbeiter geschult werden, findet Psychologin Kolshorn. Mindestens sechs, maximal 15 Tage können die Mitarbeiter der teilnehmenden Einrichtungen sich weiterbilden lassen.

Dabei gehe es um Fragen wie „Was ist sexuelle Gewalt? Wie kann ich das erkennen?“ – speziell auch bei behinderten Kindern und Jugendlichen, so Kolshorn. Bei denen sei es manchmal schwieriger abzuschätzen, ob ein bestimmtes Verhalten durch die Behinderung hervorgerufen wird oder beispielsweise durch sexuelle Belästigung. Anschließend werden gemeinsam Interventionsrichtlinien entworfen, die beim Umgang mit einem Verdacht auf sexuelle Übergriffe helfen sollen. Da geht es beispielsweise um die Frage, was man tun soll, wenn man einen anderen Mitarbeiter verdächtigt, ein Kind zu missbrauchen.

„Wir wollen hingucken“

„Wir wollen hingucken und bei einem komischen Gefühl offen damit umgehen“, erzählt Schulleiterin Brinkmann, was sie für ihre Schule aus dem Projekt mitgenommen hat. Daraus ergebe sich eine Beratung und bei schwierigeren Fällen auch ein Anruf beim Frauen-Notruf. „Wir haben mit 17 Kollegen teilgenommen“, erzählt sie, zwei Schulungstage stehen noch an. Dann wollen sie ihre Schlüsse aus dem Projekt – wie die aufgestellten Interventionsleitlinien – in das komplette Kollegium von rund 70 Mitarbeitern tragen. „Das wird noch mal spannend“, sagt die Schulleiterin.

Von Hannah Scheiwe

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