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Reichart richtet, wenn Anwalt schlampt

Braunschweiger Anwaltsgericht Reichart richtet, wenn Anwalt schlampt

Er ist Richter, aber zugleich Anwalt. Er sitzt einer Art Strafgericht vor, ist aber kein Strafrichter. Er verurteilt, aber ausschließlich Kollegen.

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Richter unseriöser Anwälte: Anwalt Matthias Reichart.     

Quelle: Gückel

Göttingen/Braunschweig. Die Aufgabe des 52 Jahre alten Rechtsanwaltes Matthias Reichart ist nicht beliebt, aber zur Selbstreinigung der Anwaltschaft nötig: Der Göttinger sitzt dem Anwaltsgericht des Bezirkes Braunschweig vor und kommt dann zum Einsatz, wenn Kollegen schlampen, schludern oder schlimmeres tun.

Das passiert öfter als man denkt, bei 1600 Rechtsanwälten im Bezirk des Oberlandesgerichts (OLG) allerdings so oft auch wieder nicht. Ein bis zwei Fälle im Monat, rund 20 im Jahr gehen ein. Sie alle eint, dass es berufsrechtliche Verstöße sind. Etwa ein Drittel davon hat auch einen strafrechtlichen Hintergrund; so etwa, wenn Anwälte Geld von Mandanten unterschlagen haben. Zwei Drittel sind reines Berufsrecht, etwa solche, bei denen Mandanten Schaden entsteht, weil Anwälte Klagen über Jahre liegengelassen haben.

Seit 1996 Rechtsanwalt

Der 52-jährige Reichart ist bereits seit 1996 Rechtsanwalt und spezialisiert auf Bau- und Architektenrecht sowie auf Miet- und Wohnungseigentumsrecht. In beiden Bereichen ist er Fachanwalt. Am Anwaltsgericht, das nur eine Kammer hat und stets mit drei von vier Richtern besetzt sein muss, arbeitet er seit vier Jahren mit. Jetzt hat er den Vorsitz übernommen. Er hat viel aufzuarbeiten – etwa 20 Fälle. Auch bei dem außergewöhnlichen Berufsgericht ist im letzten Jahr einiges liegen geblieben.

Was sind das für Fälle? Etwa der, der in Göttingen Bekanntheit erlangt hat: Ein Rechtsanwalt hat über Jahre eine Klage verschlampt und seinem drängenden Mandanten schließlich selbst erfundene Urteile vorgelegt. Oder der: Ein Rechtsanwalt vertritt eine Partei, zum Beispiel einen Mieter, und übernimmt zugleich ein lukratives Mandat der gegnerischen Partei, etwa des Vermieters, von dem auf Dauer mehr Aufträge zu erwarten sind. Weil das zwangsläufig zum Konflikt führt, gilt ein solches Verhalten als Parteienverrat. Schließlich der: Ein Anwalt hat zwar ein Mandat übernommen und Klagen vorbereitet, sie dann aber nie erhoben sondern in seinen Aktenstapeln vergessen. Das komme, sagt Reichart, selbst bei renommierten Kanzleien vor. Namen nennt er natürlich nicht – er schmunzelt.

Verwarnung, Geldbuße, Zulassungs-Entziehung

Der absolute Klassiker vor dem Anwaltsgericht ist aber ein solcher: Anwälte haben erfolgreich gearbeitet, haben für ihre Mandanten Geld erstritten, das auf ihr Konto gelangt, das aber entweder gar nicht oder erst später ausgeschüttet wird. Weil viele Anwälte nur ein Konto haben, also nicht etwa Anderkonten für Mandanten führen, fällt ihnen das manchmal selber nicht auf, dass sie am Geld der Kundschaft Zinsen verdienen – oder, wenn es schlecht läuft, nur das fremde Geld die überschuldete Kanzlei über Wasser hält. Das, so Reichart, komme erschreckend oft vor.

Die Strafen, die das berufsrechtliche Gericht verhängen kann, sind milde bis existenzvernichtend: Erstens die Verwarnung, es folgt die Geldstrafe, dann die Untersagung bestimmter anwaltlicher Tätigkeiten, schließlich als Höchststrafe die Entziehung der Zulassung. Die Tatsache, dass es in den vergangenen Jahren fast immer bei Verwarnungen geblieben ist, zeuge davon, dass Schlampereien vorkommen, meist aber nicht dramatisch seien. Allerdings: Er sei schon überrascht, sagt Reichart, wie oft sich Kollegen überschätzten, finanziell oder bei Klagen.

Ausgelöst werden Verfahren übrigens fast immer von Mandanten – für deren Wohl ist das Anwaltsgericht da. Die Anwaltskammer ermittelt und klagt an. Getagt wird dann zwar nicht öffentlich, ganz geräuschlos aber geht es nicht ab. Der Rufschaden für Verurteilte kann erheblich sein. Schon deshalb ist Reicharts neues Amt kein beliebtes – Geld gibt es dafür auch nicht, nur Aufwandsentschädigung und das Gefühl, der Mandantschaft zu dienen.

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