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Rosengarten-Ehrenmal: Kampf um Erinnerung

Göttinger Jahrbuch Rosengarten-Ehrenmal: Kampf um Erinnerung

Das Soldaten-Ehrenmal im Rosengarten war in den 80er-Jahren Schauplatz wütender Auseinandersetzungen. Antimilitaristische Demonstranten versuchten Gedenkfeiern zu stören, und auch im politischen Raum entbrannten emotionale Auseinandersetzungen um die richtige Form des Gedenkens.

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Auch ohne Soldaten-Statue immer noch Ziel von Attacken: das Ehrenmal im Rosengarten.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die Geschichte dieses Konflikts stellt der Historiker Marco Dräger in einem Beitrag im aktuellen Göttinger Jahrbuch dar.

Die Proteste waren Teil der bundesweiten Friedensbewegung, die sich gegen die Nachrüstung innerhalb der Nato richtete. In diesem Zusammenhang gerieten auch Gedenkfeiern an Kriegerdenkmälern in die Kritik – so auch im Göttinger Rosengarten. Das Gedenken an gefallene Soldaten wurde von Demonstranten als martialisch und militaristisch empfunden, nicht der Soldat sollte als Held gefeiert werden, sondern der Deserteur, lautete eine Forderung.

Gedenken an gefallene Soldaten

Die Feiern am Ehrenmal wurden zum Gedenken an die in beiden Weltkriegen gefallenen Soldaten des Infanterie-Regiments Nr. 82 abgehalten. Dieses Regiment wurde nach dem Deutsch-französischen Krieg 1871 in Göttingen stationiert. 1925 wurde – mit finanzieller Unterstützung der Stadt – ein Denkmal für die 2848 gefallenen Soldaten des Regiments errichtet.  Das etwa 2,30 Meter hohe und 1,7 Tonnen schwere Denkmal zeigte einen Soldaten in Uniform. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: „1870-71. Bis zum Tode getreu. 1914-18“. Eine weitere Inschrift erinnert an die „gefallenen Helden“ des Regiments. Mit einem dreitägigen Fest wurde das Denkmal eingeweiht. Lediglich das sozialdemokratische Volksblatt warnte vor „reaktionärer Vereinnahmung“.

Während der NS-Diktatur wurde das Denkmal propagandistisch vereinnahmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Inschrift um die 1939 bis 1945 gefallenen Soldaten des Regiments ergänzt. 1953 wurde das Denkmal an den Standort im Rosengarten versetzt. Zugleich sollte es auf Anregung des ehemaligen Generals Friedrich Hoßbach auch ein Denkmal für die aus den Ostgebieten Vertriebenen sein.

Feierstunden von Soldatenverbänden

Seit 1953 gab es im Rosengarten jährliche Feierstunden von Soldatenverbänden – meist im August – und von Vertriebenenorganisationen – meist am ersten Sonntag im September, dem „Tag der Heimat“. An diesen Tagen wurde mit etlichen Blumensträußen und Kränzen, mit Klängen der Heeresmusikkapelle, mit Ansprachen von Geistlichen und mit Reden der Toten gedacht. Seit den 60er-Jahren nahmen im Sinn der Völkerverständigung auch ausländische Gäste an den Feierlichkeiten teil, in den 80er-Jahren nahmen neben der Bundeswehr Delegationen der amerikanischen, belgischen, britischen und französischen Streitkräfte teil.

Doch zu dieser Zeit war das Ritual schon, auch im Zuge eines Generationenkonflikts, deutlich unter Beschuss geraten. Mit den Feiern würden Militarismus und Heldengedenken verherrlicht, der Blick auf Täter, Opfer, Schuld und „echte“ Trauer verstellt. Zudem beförderten die angepriesenen Tugenden wie Treue und Gehorsam totalitäre Regimes.

Die Fronten standen sich unversöhnlich gegenüber. 1980 und 1987 wurde die Soldaten-Statue vom Sockel gestürzt, blieb jedoch unbeschädigt und wurde jeweils nach wenigen Tagen von der Stadt wieder aufgestellt. 1988 sah ein antifaschistisches Bündnis den Großteil der Besucher der Gedenkfeiern als faschistisch an. Im gleichen Jahr wurde die Soldatenfigur erneut gestürzt, ihr Kopf abgeschlagen und gestohlen. Die Veranstalter der Feiern reagierten empört und betonten, es gehe um Völkerversöhnung, ein Gedenken gegen den Krieg und für den Frieden.

Teilnehmer fühlten sich in Trauer missachtet

Die Teilnehmer fühlten sich in ihrer Trauer missachtet. Bei der Ehrenmalfeier am 4. September 1988 schirmte ein großes Polizeiaufgebot die 800 Teilnehmer von 280 Demonstranten ab. Eine Woche später wurden rund 30 niedergelegte Trauerkränze angezündet. Damit verhärteten sich die Fronten weiter, auch im politischen Raum. CDU-Politiker bezeichneten die Denkmal-Stürze als barbarischen Akt, SPD und Grüne votierten etwas später für ein Denkmal für Deserteure, das am Amthaus angebracht wurde und weithin unbekannt blieb.

Die Stadt Göttingen zog sich von den Ehrenmalfeiern zurück. Die Soldaten-Statue wurde mit einem neuen Kopf versehen und zunächst auf das Gelände der Zieten-Kaserne, nach deren Schließung erst nach Osterode und dann nach Munster abgeschoben. Stattdessen wurde ein einfaches Holzkreuz aufgestellt. Gleichzeitig gingen die Besucherzahlen der Feiern zurück, und die Proteste nahmen ab. Doch bis in die Gegenwart gibt es weiter Beschädigungen der Gedenkstätte.

Kloster und Buback-Nachruf

Das Göttinger Jahrbuch enthält historische Aufsätze zu Themen aus der Region und wird herausgegeben vom Geschichtsverein für Göttingen und Umgebung.  Der aktuelle Jahrgang 2012 ist Band 60 seit der Wiederbegründung des Jahrbuchs 1952.

Beiträge des Jahrbuchs befassen sich unter anderem mit der Stellung der Juden in Göttingen im 19. Jahrhundert, mit Göttingens St.-Annenkloster und dem umstrittenen „Mescalero“-Nachruf zur Ermordung Siegfried Bubacks 1977. Darüber hinaus enthält das Jahrbuch Fundberichte von Ausgrabungen in der Region und die Chronik der Stadt Göttingen 2011.

Das Göttinger Jahrbuch 2012 hat 388 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ist im Buchhandel erhältlich und kostet 18 Euro.

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