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Ruin und Bier im Ratskeller

Ratskellerserie, Teil 2: Die Anfänge Ruin und Bier im Ratskeller

Das Alte Rathaus in Göttingen – seit fast 740 Jahren dominiert das Gebäude das Stadtzentrum. Gut 30 Jahre nach der bisher letzten größeren Sanierung wird im Rathaus wieder gebaut.

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Historisches Gewölbe: der Gastraum des Ratskellers auf einer Postkarte aus dem Jahr 1926.

Quelle: Städtisches Museum

Mit den Hoteliers Olaf Feuerstein und Jörg Trilling haben neue Pächter den traditionsreichen Ratskeller übernommen. In einer kleinen Serie stellt das Tageblatt die Geschichte des Rathauses und des Ratskellers vor, berichtet über den Umbau und stellt die Pläne für das neue Restaurant vor, das Ende Oktober eröffnen soll.

Zumindest einen großen Fan hat der Göttinger Ratskeller in seiner jahrhundertelangen Tradition: Heinrich Heine. In seiner spöttischen Beschreibung Göttingens schreibt Heine 1824 in seiner Harzreise: „Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist.“
Das Bier muss bei dem jungen Jura-Studenten Heine bleibenden Eindruck hinterlassen haben. „Das Corpus Iuris ist mein Kopfkissen. Dennoch treibe ich noch manches andere, zum Beispiel Chronikenlesen und Biertrinken. Die Bibliothek und der Rathskeller ruinieren mich“, schreibt Heine 27-jährig an seinen Freund Moses Moser.

Pächter war zu Heines Zeit Anton Arnold Boos, so lange wie dieser hatte vorher und nachher niemand den Keller von der Stadt gepachtet, 37 Jahre, von 1800 bis 1837. Stadt und Wirt sahen sich in dieser Zeit, in der Boos die Gaststätte von einem Weinkeller zur Bierwirtschaft gewandelt hatte, immer wieder Versuchen der hannoverschen Regierung ausgesetzt, den Ratskeller zu schließen. Immer wieder beschwerte sich Hannover beim Rat der Stadt Göttingen über die Trinkgelage der Studenten. Die Stadt leitete eine Untersuchung der Vorgänge ein: „Es ist schon seit längerer Zeit im Keller und vom Keller ab ein großer Unfug getrieben. Die Stadtlaternen und andere Dinge sind von da ab ruiniert. Das Biertrinken hat in solchem Übermaß stattgefunden, dass es natürlich auf die Gesundheit der jungen Leute sehr übel hat einwirken müssen“, heißt es in einem abschließenden Ratsbericht.

Nicht erst seit Heine wird im Göttinger Ratskeller gezecht und feucht-fröhlich gefeiert. Seit Jahrhunderten schenken die Wirte im Keller unter dem Rathaus Alkohol aus. Wann damit angefangen wurde, ist nicht exakt zu datieren. Bereits 1345 wird in Aufzeichnungen ein „winkeller“ in Verbindung mit dem „kophus“ erwähnt. In einem Statut aus dieser Zeit heißt es: „We benke eder sedelen in dem winkeller tobreke dabit tres libras.“ (Wer Bänke oder Schemel in dem Weinkeller zerbricht, zahlt drei Pfund Strafe.) Mehr geben die Dokumente nicht her. Erst 1405 findet sich dann ein Hinweis auf den „nyge wynkeller“ (neuer Weinkeller). Ausgaben für einen großen und kleinen Herd, für Estrich und Möblierung finden sich in den städtischen Unterlagen.

Das Privileg des Weinhandels hatte sich damals der Rat der Stadt gesichert. Eine lukrative Geldquelle. Mit dem Überschuss aus diesem Weinmonopol, so belegen es Kämmereirechnungen, hat der Rat den Bau des Rathauses und den umfangreichen Erweiterungsbau zwischen 1369 und 1372 finanziert. Später kam zum Weinmonopol auch noch das Privileg hinzu, auch fremde Biere ausschenken zu dürfen. Verkauft wurde in dieser Zeit neben Elsässer- und Rheinweinen auch spanische und griechische Weine, Malvasier und auch Essig. Einbecker Bier und Branntwein kamen später hinzu.

Um sicherzustellen, dass das Geld der durstigen Göttinger auch in den Stadtsäckel fließt, musste der sogenannte Weinschreiber (winscriver), er leitet den Weinkeller und verkauft die Weine, einen Eid leisten: „Dat du dat gehlt, dat von wyne kumpt, von stunt in den kasten werpen willest unde neyn vordel soken an der weringe unde an den guldenen mit vorwesselnde, unde truwelken der stad win bewaren, unde deme rade unde den börgheren rechte don unde dar rechte varren willest, dat dy god so helpe.“ Im Klartext: Der Weinschreiber musste versprechen, die Einnahmen aus dem Weinverkauf direkt in die Kasse zu werfen, sich selbst nicht durch Geldwechsel zu bereichern und im Sinne von Rat und Bürger zu handeln.

Weil die Göttinger dem Alkohol sehr zugeneigt waren und ihre Zecherei immer weiter in die Nacht verlagerte, musste der Rat reagieren, um die Nachtruhe nicht zu gefährden. 1468 wird die Polizeistunde auf 22 Uhr festgesetzt. Gut 30 Jahre hat das Bestand. Ab 1497 wird sie auf 23 Uhr festgesetzt, 1531 schließlich auf Mitternacht verlegt.

Rau geht es in dieser Zeit im Ratskeller zu. Vorsorglich ist das Tragen von Waffen in der Schankstube verboten. Der Rat untersagt Messerspiele, „darvon grot unghelucke unde schaden komen mochte“ wenn „de lude mit messeren scheten“.

Mit dem ausgehenden Mittelalter gibt die Stadt die eigene Bewirtung des Ratskellers auf. Fremde Pächter werden eingesetzt. Weil viele Akten im 30-Jährigen Krieg vernichtet worden sind, bleibt die Geschichte des Ratskellers hier im Dunklen. Erst ab 1711 wird die Quellenlage wieder besser. Aus diesem Jahr etwa stammt der vermutlich älteste erhaltene Pachtvertrag. Der Göttinger Bürger Ernst Dines übernimmt die Gaststätte.

  Kellerchronik I
 
  • um 1270 Baubeginn des Rathauses.
  • 1345 Erwähnung eines „winkellers“.
  • 1369-1372 Erster größerer Erweiterungsbau des Rathauses, teils finanziert aus den Weinverkäufen der Stadt im Ratskeller.
  • 1385 Die Stadt sucht einen Weingärtner.
  • um 1400 Die Kaufleute trennen sich von den Ratsherren. Bautätigkeiten im Rathaus und -keller setzen daraufhin ein.
  • 1401 Die Ratsweinstube in der Südwestecke des Kellers entsteht.
  • 1405 Der Keller wird weitgehend fertiggestellt. Erwähnung eines „nygen winkellers“.
  • 1415 Architekt Heinrich Herte stellt die Pfeiler im nördlichen Ratskellerteil auf.
  • 1421 Wedekind Greven ergänzt die südliche Kellerhälfte mit Säulen.
  • 1468 Der Rat legt die Sperrstunde auf 22 Uhr fest.
  • 1711 Ältester, erhaltener Pachtvertrag. Ernst Dines wird Ratskellerwirt.
  • 1718 Einzug der Scharwache in die Ratsweinstube.
  • 1734 Die Göttinger Universität nimmt Lehrbetrieb auf. Auf Wunsch der Regierung in Hannover sollen die Göttinger Gasthäuser verbessert werden. Der Ratskeller wird repariert und geweißt.
  • 1800 Rekordpächter Anton Arnold Boss übernimmt den Ratskeller. Unter seiner Leitung wird der Weinkeller zu einem Bierkeller.
  • 1827 Der Ratskeller wird vorrübergehend geschlossen
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