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Rund 400 Menschen feiern gemeinsam Heiligabend

"Keiner soll einsam sein" Rund 400 Menschen feiern gemeinsam Heiligabend

An Heiligabend mit der Familie friedlich zusammenzusitzen, ist nicht für jeden eine Selbstverständlichkeit. Menschen, die auf der Straße leben, keine Verwandten in der Nähe haben oder aus anderen Gründen allein sind, haben diese Möglichkeit nicht. Für sie veranstaltet die Tageblatt-Hilfsaktion „Keiner soll einsam sein“ in jedem Jahr den offenen Heiligabend in der Göttinger Stadthalle. Auch in diesem Jahr haben wieder mehr als 400 Menschen zusammen gefeiert.

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Funkelnde Sterne am Firnament: Die Stadthalle ist beim offenen Heiligabend noch voller als in den vergangenen Jahren.

Quelle: Heller

Göttingen. Walter König kommt seit 18 Jahren zum offenen Heiligabend. Er zieht sein kariertes Jacket an, fährt mit dem elektrischen Rollstuhl aus seinem Zimmer in der „Pro Seniore Residenz“ am Posthof zur nahe gelegenen Bushaltestelle, lässt sich die Metallbrücke vom hoffentlich gut gelaunten Busfahrer ausfahren, damit er in den Bus gelangt und strömt dann mit den hunderten Wartenden durch die um halb vier geöffneten Türen in den festlich geschmückten Saal der Stadthalle.
Walter König ist 95 Jahre alt. Seine Frau starb vor 16 Jahren. Seitdem hat er keinen Menschen mehr auf der Welt. Keine Familie, keine Freunde. Der offene Heiligabend ist eine Möglichkeit für ihn, um seiner Einsamkeit, „die schwerer wiegt als alles Blei“, für einige Stunden zu entkommen. Um ein freundliches Wort zu hören, ein interessiertes Gespräch zu führen, um ein wenig zu berichten, von manchem, das er in seinem langen Leben gesehen hat: den Nordpol, den Balkan und den ganzen Rest von Europa, von der Begegnung mit dem „sympathischen“ Russen Nikolai Alexandrowitsch Bulganin und dem Fußballspiel einer Militärmannschaft gegen das Team der Universität, genau an der Stelle, wo heute der Blaue Turm steht.
„Ein Stück Bethlehem“
Er ist nur einer von mehr als 400 Menschen, die an diesem Abend zusammenkommen, zu einem kleinen „Stück Bethlehem“, wie Bürgermeister Wilhelm Gerhardy (CDU) es in seiner Ansprache nennt.
Eine wahrhaft bunte Mischung: Obdachlose, arme Familien, einsame Junge und einsame Alte, Türken, Libanesen, Deutsche. Menschen, die die Gemeinschaft dieser Veranstaltung lieb gewonnen haben. Unter ihnen auch rund 40 Iraker aus dem Grenzdurchgangslager Friedland, die auf besondere Weise die Vielfalt und Eintracht des Publikums widerspiegeln. Muslime, chaldäische und armenische Christen, Yeziden, Mandäer. „Heute sind sie hier und feiern gemeinsam mit den Deutschen“, erklärt der betreuende Diakon Hacub Sahinian und betont: „Wir freuen und bedanken uns, dass wir teilnehmen dürfen.“
Als „Überraschungsgast“ taucht der frühere Helfer Rainer Brosselt auf. Der 65-Jährige gelangte mit seinem Dreirad mit einiger Mühe in den ersten Stock. Der Göttinger, der aufgrund einer Krankheit inzwischen nicht mehr laufen kann, will mit dem Gefährt Kaffee und Kuchen zu den Tischen bringen. Zufrieden nimmt er an einem der vielen Tisch Platz – als Gast. Wie nah Helfer und Geholfene nebeneinander stehen, zeigt auch das Beispiel der vierköpfigen Familie Arm, die das erste Mal hier ist – mit ihrer ehrenamtlichen Betreuerin Rosemarie Letsch, die „sonst auch alleine gewesen wäre“. Sie bereuen es nicht. „Sehr schön, das Miteinander“, findet Mutter Birgit Arm.
Viel Programm
Die Besucher singen gemeinsam, sie summen, brummen oder bewegen stumm die Lippen zu bekannten Weihnachtsliedern wie „O du fröhliche“. Sie lauschen der Musik von Klaus Faber, der Andacht von Superintendent Friedrich Selter, bedenken ihn spontan mit Applaus und lassen ihn überrascht zurück: „Das ist mir noch nie passiert.“ Besonders die Kinder beobachten teils fasziniert, teils amüsiert die Zaubererfamilie Clapp bei ihren kuriosen Darbietungen. Und sie stürmen die Bühne zur Bescherung. Den Stoffteddy, den die Kleinen erhalten, pressen die meisten fest an sich.
Alle lassen sich Kaffee und Kuchen schmecken, Kartoffelsalat und Würstchen und stehen in langen Schlangen vor dem Fladenbrot-Stand der Firma Oliveto an. Doch das Wichtigste: Sie reden miteinander oder starren doch zumindest nicht allein auf den Boden ihrer Kaffeetasse, während die vielen Kinder durch die Gänge zwischen den Tischreihen toben. Superintendent Selter: „Manchmal muss man Weihnachten nur wiederfinden.“
„Keiner soll einsam sein“, und mit ihr der offene Heiligabend, finanziert sich aus Spenden und Benefizaktionen. Auf diese Konten können Sie zugunsten der Hilfsaktion spenden: Sparkasse Göttingen (Bankleitzahl 260 500 01), Kontonummer 422; Volksbank Göttingen (BLZ 260 900 50), Kontonummer 253 377 400; Commerzbank (BLZ 260 400 30), Kontonummer 613 900 000.

Von Erik Westermann

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