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„So must ych mych vor eyn unffersthorben wytthe halltten“

Buch über Sidonia „So must ych mych vor eyn unffersthorben wytthe halltten“

„Unverstorbene Witwe“ hat sich Sidonia, Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg, genannt. Die Ehe mit dem Landesherrn des Fürstentums Calenberg-Göttingen brachte ihr kein Glück. Sogar mit Hexereivorwürfen versuchte ihr Ehemann, sich der Gattin zu entledigen. Über die selbstbewusste Frau hat die Göttingerin Helga-Maria Kühn ein Buch geschrieben.

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Sidonia, Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg.

Verwöhnt und anspruchsvoll ist Sidonia (1518 - 1575), dritte Tochter der sächsischen Herrscher Heinrich und Katharina in Freiberg. Und mit 26 Jahren in ihrer Zeit ein sogenanntes spätes Mädchen. Ein von Lucas Cranach (dem Älteren) gemaltes Bild zeigt sie mit ihren Schwestern Sibylla und Emilia, beide schon längst unter der Haube. Als ihr Bruder Moritz Agnes heiratet, die Tochter des Landgrafen von Hessen, bleibt deren „Versprochener“ unversorgt zurück: der 14-Jährige Erich, Sohn des Fürsten von Calenberg Göttingen, Erich I. zu Braunschweig-Lüneburg, und seiner Ehefrau Elisabeth von Brandenburg. 

Nach einer Begegnung in Kassel halten Erich II. und seine ehrgeizige Mutter um die Sächsin an. Im Mai 1545 zieht Sidonia, von ihrem Bruder mit einer großzügigen Mitgift ausgestattet, über Göttingen nach Hann. Münden, um zu heiraten. Dort erfährt sie die erste Zurückweisung ihres Zusammenlebens mit dem viel jüngeren Erich: „Er empfängt sie auf dem Feld und lässt sie dann einfach stehen“, so beschreibt Helga-Maria Kühn, ehemalige Leiterin des Göttinger Stadtarchivs, den Beginn einer unglücklichen Ehe.

Mutig und egozentrisch

Denn als solche entpuppt sich die Verbindung nach einigen Jahren. Aus rund 780 ausgewerteten Briefen und amtlichen Schreiben festigte sich bei Kühn ein Bild von der herzöglichen Beziehung und vom Wesen der eigenwilligen Sidonia. „Sie wurde von ihrem Mann isoliert, trug dazu aber auch durch ihren Charakter bei.“ Eine mutige, zugleich egozentrische Frau sei sie gewesen, die wenig Einfühlungsvermögen in andere Menschen bewies und wegen ihrer Sturheit in eigenen Belangen oft aneckte. Unter anderem bei ihrer Schwiegermutter, mit der sie ständige Machtkämpfe ausfocht.

Die eigene, unverbrüchliche Liebe zum Ehemann beteuert Sidonia in vielen Briefen. Zunächst vertraut ihr der Herzog noch Regierungsgeschäfte an, wenn er auf deutschen und europäischen Kriegsschauplätzen kämpft. Die Ehe bleibt kinderlos. Erichs Interesse an seiner Frau schlägt schnell in Gleichgültigkeit um. Sie fühlt sich missachtet, schreibt den verzweifelten Satz, aus dem Kühn in ihrem Buchtitel zitiert: „Seyn herz ganz und gar von myr ab gewentt und mych nychtt meyr vor Seiner Liebden eygemall erkentt, so must ych mych vor eyn unffersthorben wytthe (unverstorbene Witwe) hallten.“ 

Ihr Ehemann wendet sich anderen Frauen zu, schließlich der Niederländerin Catharina von Weldam. Nach der Geburt gemeinsamer Kinder  in dieser Liaison betreibt er die Trennung von Sidonia. Als der Papst einen Dispens für die Scheidung verweigert, bezichtigt Erich seine Frau der Hexerei und erpresst durch Folter Aussagen von ihren Freundinnen, die er eingekerkert hat. 

Sidonia, die sich inzwischen als „unverstorbene Witwe“   das Schloss Calenberg im heutigen Schulenburg als Witwensitz erobert hat und dort von 1562 bis 1572 lebt, flüchtet erneut – zu ihrem Bruder August, der als Kurfürst das Erbe des gemeinsamen Bruders Moritz angetreten hat. Im Kloster Weißenfels begründet sie einen neuen Hofstaat. Von dort aus beginnt sie laut Kühn „mit großem Beharrungsvermögen“, gegen ihren Ehemann und für die eigenen Rechte zu kämpfen. Sogar beim Kaiser in Wien spricht sie vor. Der bestimmt den Wolfenbütteler Herzog Julius zum Schiedsmann. 

Kampf fortgesetzt

Nach einer mehrtägigen Konferenz in Halberstadt, bei  der auch die Folteropfer angehört werden, fällt eine Entscheidung zu ihren Gunsten. Vom Vorwurf, ihrem Mann nach dem Leben zu trachten, wird sie freigesprochen. Dennoch weigert sie sich plötzlich, den ausgearbeiteten Vertrag zu unterschreiben: „Sie will Rache, Genugtuung und eine Entschuldigung“, beschreibt Kühn, warum Sidonia den Feldzug gegen Erich fortsetzt. Beendet wird er erst 1575 – durch ihren Tod am 4. Januar. Ihr Gatte bleibt der Trauerfeier fern, so Kühn. „Dafür lässt er die Glocken in seinem Land lange läuten.“

Das Buch „Eine unverstorbene Witwe“ (Verlag Hahnsche Buchhandlung, ISBN 978-3-7752-6047-3) ist als Band 247 in der Reihe der Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen erschienen. Es kostet 39 Euro. Einen Vortrag über das Leben Sidonias hält die Autorin Helga-Maria Kühn am Sonntag, 10. Mai, um 15 Uhr im Städtischen Museum Göttingen am Ritterplan.

                                                                                                                   Von Katharina Klocke

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