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„Da wird etwas verheimlicht“

Stefan Aust zum Baader-Meinhof-Komplex „Da wird etwas verheimlicht“

Noch immer gibt es offene Fragen zur RAF – auch 40 Jahre nach dem „Deutschen Herbst“. Darüber hat der Journalist Stefan Aust im ausverkauften Alten Rathaus gesprochen.

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Stefan Aust zu Gast im Alten Rathaus

Quelle: Peter Heller

Göttingen. „Es gibt viele Parallelen zwischen dem Terror der RAF und dem des IS”, sagt Stefan Aust. Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur war am Donnerstagabend auf Einladung des Literarischen Zentrums im Alten Rathaus zu Gast.

Anlass für die Lesung, die keine Lesung sondern mehr eine Vortrags- und Gesprächsrunde wurde, war die Vorstellung der Neuauflage des Aust-Klassikers „Der Baader-Meinhof-Komplex”. 40 Jahre nach dem sogenannten „Deutschen Herbst” gibt es noch immer offene Fragen: „Hat es 1977 eine Aufzeichnung der Gespräche in Stammheim gegeben, gab es eine Kommunikation?”, fragte Moderator Stephan Lohr. Aust ist davon überzeugt. Der 71-jährige Journalist und der 67-jährige Moderator haben die Zeit der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) von Beginn an als Zeitzeugen begleitet, ebenso viele Gäste im Publikum. Aust kennt viele der Menschen dieser Zeit persönlich. Über Ulrike Meinhof hat er seinen ersten Film überhaupt gemacht - Aust: „Ich kannte sie, sie war depressiv - Hans Martin Schleyer begleitete er eine Woche lang, er traf die Terroristen wie Jan-Carl Raspe und wichtige Männer vom BKA, Geheimdienst, Stasi. Aust spricht ohne jedes Manuskript, ohne in sein Buch zu schauen. Er hat alles im Kopf, das was im Buch steht und vieles darüber hinaus. Details, Zusammenhänge, Persönliches.

Die Frage nach der Abhörung der in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen lässt ihn nicht los. „Ich zweifle nicht daran, dass es Aufzeichnungen gab”, sagt er. „Ich habe mir einen Anwalt genommen, ich will wissen, gab es das und ich will es haben”, sagte er. Das Thema hat noch immer Brisanz. Dass die Top-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in der JVA Stuttgart miteinander kommunizierten davon ist Aust überzeugt. „Merkwürdigkeiten” fand der 71-Jährige in Akten wie einem Protokoll einer Innenausschuss-Sitzung. „Da wird etwas verheimlicht, die Frage ist, was”, sagt er. Wenn jemand mitgehört habe, als sich die Inhaftierten zum Suizid verabredeten, sei das „eine Bombe”. Vor dem Selbstmord wurden die Geiseln der Lufthansa-Maschine Landshut befreit, Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer war bereits von der RAF entführt. Für Aust ist klar: „Wenn die Terroristen tot sind, ist Schleyer auch tot”. Und so kam es noch am selben Tag.

Die RAF, der NSU und der Agent Werner Mauss, Themen, die Aust beschäftigen. „Meistens sind es Zufälle”, beantwortete er die Frage Lohrs nach seinen Vorlieben. Es selbst sieht sich als „teilnehmender Beobachter”, so Aust. „Man kommt als Journalist durch alle Grenzen der Gesellschaft durch, das ist doch wahnsinnig interessant”, sagt er.

Das Phänomen RAF sei in einer Zeit entstanden, als die erste Generation nach dem Krieg Fragen an die Eltern stellte. Es habe eine große antiautoritäre Bewegung geben, gegen den Vietnamkrieg, gegen den „Muff unter den Talaren”. „Erst flogen Eier, dann Flaschen, dann Molotowcocktails”, sagte Aust. Die Frage der Gewalt habe schnell in der Luft gelegen. „Es gibt keine terroristischen Vorgänge ohne ein großes Umfeld. Aber nicht alle aus dem Umfeld werden Terroristen”, sagt er. Man müsse vermutlich eine gewisse Disposition haben. Zudem attestierte Aust auch den RAF-Top-Leuten wie Meinhof „religiösen Eifer”. Oft gehe es um eine „ganz heilige Selbstverwirklichung”, so Aust. Und das sei heute noch so. Er wisse von Familien, deren Angehörige früher für die palästinensische Freiheitsorganisation PFLP gekämpft hatten - und heute für den IS. Es gehe meistens um den Dienst für eine höhere Sache, mit dem Suizid als letzten Akt der Rebellion.

Von Britta Bielefeld

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