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Stehen oder sterben, kämpfen oder resignieren

„Keiner soll einsam sein“ Stehen oder sterben, kämpfen oder resignieren

Immer wieder geraten Menschen in Not, werden heimgesucht von persönlichen Katastrophen und Tiefschlägen. Diesen Menschen bieten soziale Einrichtungen in der Region Hilfe. Zugunsten dieser Anlaufstellen in Krisenzeiten sammelt „Keiner soll einsam sein“, die Tageblatt-Benefizaktion.

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An den Rollstuhl gefesselt und auf fremde Hilfe angewiesen: Manfred unterstützt Marion im Haushalt.

Quelle: Heller

Göttingen. „Ich habe von Mittwoch auf Donnerstag mein ganzes Leben verloren. Alles weg. Auf einen Schlag. Und ich kann nichts daran ändern. Keine Chance.“ Marion M. sitzt im Rollstuhl und schaut aus dem Fenster ihrer kleinen Mietwohnung in Grone. Alleine kann sie die Wohnung nicht verlassen. Diagnose: Multiple Sklerose (MS). Marion spricht nur von „Seuche“ oder „Krankheit“.

Die 49-Jährige blickt aus dem Fenster auf die Gegend, in der sie aufgewachsen ist. „Das ist die Höchststrafe und tut doppelt weh.“ Marion lacht traurig, wenn sie Geschichten aus ihrer Jugend erzählt. Dennoch strahlt ihre Lebensfreude durch, ihr Kampfgeist. Doch diese weichen schnell wieder. Sie scheint zwischen Kampfgeist und Resignation hin- und hergerissen zu sein.

Vor rund zweieinhalb Jahren, im Mai 2010, erlitt sie einen schweren Krankheits-Schub und war zunächst halsabwärts gelähmt. „Der Arzt kam zu mir ins Zimmer und sagte, dass er nichts mehr für mich tun könne. Das war der schlimmste Moment in meinem Leben. Ich werde ihn nie vergessen.“ Doch Marion gibt nicht auf. „In der Reha in Seesen lag ich im Bett und konnte nicht viel mehr machen, als Kaffee durch einen Strohhalm trinken.“

In der Reha traf sie Manfred, der sich von einem Schlaganfall erholte. „Er hat mich dann im Rollstuhl herumgeschoben. So kam ich wenigstens zum Essen zu anderen Menschen und an die frische Luft.“ Die Pflegekräfte seien überfordert gewesen. „Dort ist alles nur Routine gewesen. Keine Menschlichkeit mehr. Die Pfleger können aber nichts dafür, ihnen wird einfach zuviel zugemutet. Zu viele Patienten pro Angestelltem.“

„Ich war der glücklichste Mensch der Welt"

Marion arbeitete bis zu ihrem ersten MS-Schub 2006 in Brandenburg bei den Elster-Werkstätten mit behinderten Kindern. Sie ist ausgebildete Erzieherin und Logopädin. „Von diesem Beruf träumte ich immer. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Jeden Tag wenn ich in meine helle, gelbe Wohnung gekommen bin, dachte ich nur: Das ist mein Zuhause.“

2006 dann der Schock. Durch einen Schub war ihre linke Seite gelähmt. „Das kam aus dem Nichts.“ Doch sie quälte sich durch die Reha und arbeitete sogar wieder für die Elster-Werkstätten. Zunächst nur einige Stunden, später wieder Vollzeit. Bis  zum Schub 2010. „Da hat nicht nur der Arzt, sondern auch mein Umfeld aufgegeben.“ Ihre Wohnung wurde aufgelöst, ihr Besitz in Kartons gesteckt.

Und sie ins Bett gelegt. „Ich starrte den halben Tag an die Decke. Und irgendwann, ich konnte zumindest meine Arme wieder etwas bewegen, dachte ich mir: stehen oder sterben. Ohne Beine kann man nichts bewegen.“ Also zog sie sich aus dem Bett und versuchte am Kopfende zu stehen. Und sie rutschte die Treppe im Hausflur hinunter und zog sich wieder hoch.  „Ich war früher eine sehr agile Frau und habe immer viel gemacht. Und jetzt muss ich mich mit dem Rollstuhl zur Badezimmertür rollen und muss mich dann weiterhangeln.“

Ihre Wohnung ist nicht barrierefrei, der kleine Flur ist zu eng und vor dem Badezimmer befindet sich eine Bodenkante. Alleine nach draußen kann sie nicht, dafür ist der Weg vor dem Wohnblock zu steil. „Manfred kommt mich regelmäßig besuchen und schiebt mich dann Spazieren oder kauft mit mir im Supermarkt ein. Mein Bruder und meine Mutter schaffen das nicht.“

Einfach aufgelegt

Was sie ohne Manfred tun würde? „Ich weiß es einfach nicht. Wahrscheinlich vor mich hinvegetieren.“ Zu den täglichen Schwierigkeiten komme noch der Abnutzungskampf mit den Ämtern. „Es dauerte ewig, bis mir ein Sportrollstuhl zugestanden wurde. Der ist sehr beweglich und ich kann in meiner Wohnung zumindest in die Küche und mich selbst ein wenig schieben.

Den sollte ich nicht bekommen, da ein Sportrollstuhl aufgrund der Schwere meiner Krankheit doch unnütz sei.“ Am Telefon könne man das kaum regeln. „Wissen Sie, was sie uns schon gekostet haben?“, habe eine Krankenkassen-Angestellte ihr mal am Telefon mitgeteilt. Und habe dann einfach aufgelegt.

Durch solche Momente bekomme sie aber wieder Antrieb. „Wut ist dann mein Motor. Und ich weiß, wie zickig und krötig ich werden kann. Daher ist es auch so wunderbar, dass mir Manfred hilft.“ Viele soziale Kontakte hat sie sonst nicht mehr. „Letztes Jahr ist meine beste Freundin auf dem Weg von mir zu ihr nach Hause tödlich mit dem Motorrad verunglückt. Sie war ein toller Mensch und hat mir oft geholfen.“ Marion hat Tränen in den Augen.

Einsam und ohne Chance

Sie ist einsam. „Ich habe es geliebt, wenn viele Menschen um mich herum waren, aber ich kann ja aus der Wohnung nicht raus, um irgendwo hinzukommen. Und meine Freunde wohnen nicht in Göttingen.“

Die Selbstständigkeit fehlt ihr. „Ich suche nach einem Behinderten-Fahrrad mit drei Rädern, damit ich nicht umfalle. Dann könnte ich mich zumindest nach draußen ziehen, da rein setzen und etwas rumfahren.“ Doch woher soll sie es bekommen? Das Pflegegeld reiche kaum zum Leben. „Das Schlimmste ist, dass man selber nichts geradebiegen kann. Man hat einfach keine Chance.“ Die Zeit heilt alle Wunden und der Mensch gewöhnt sich an alles. „Das ist völliger Blödsinn“, sagt Marion.

Von Michael Kerzel

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