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Tägliche Zwiesprache am Grab der Tochter

Tägliche Zwiesprache am Grab der Tochter

Jeden Abend geht Detlef Lehmann noch einmal vor die Tür. Sein Ziel ist immer das gleiche: der Friedhof. Dort geht er zu einem Grab, das mit Engeln, Blumen und Gestecken geschmückt ist, und zündet einige Kerzen an. „Denise hatte immer Angst im Dunkeln“, sagt er. Auch Anette Lehmann steht täglich am Grab. Häufig sieht sie, dass auch andere hier gewesen sind und Zeichen des stillen Gedenkens abgelegt haben.

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Letzte Ruhestätte von Denise: Anette und Detlef Lehmann gehen täglich zum Grab ihrer Tochter.

Quelle: Rink

Die beiden haben eine Bank neben dem Grab aufgestellt. Auf der sitzen sie oft und halten Zwiesprache mit Denise. „Doch sie antwortet nicht“, sagt Detlef Lehmann. Anette Lehmann hat vor allem eine Frage: „Warum?“ Es gibt nur einen Menschen, der diese Frage beantworten könnte. Doch auch der antwortet nicht.

Ständig läutet das Telefon

Seit dem 20. April 2008 treibt die beiden diese Frage um, Tag für Tag, Nacht für Nacht. An diesem Sonntagmorgen wundern sie sich darüber, dass ihre Tochter Denise nicht nach Hause gekommen ist. Das ist ungewöhnlich, sie ist sonst immer zuverlässig. Am Abend war sie mit Freunden zu einer Geburtstagsfeier gefahren. Wahrscheinlich hat sie dort übernachtet, vermuten die Eltern.

Ständig läutet das Telefon, Freundinnen fragen nach Denise. Am Nachmittag kommen zwei Männer, einer ist ein Verwandter, der bei der Kripo arbeitet. Detlef Lehmann begreift sofort. „Sag alles, aber nicht das“, schreit er. Abends bringt ein Polizist einen Ring. Der steckte an der Hand eines Mädchens, das am Morgen nach der Disco im Nachbardorf Asche erschlagen in einem Kellereingang lag. Der Ring bringt die furchtbare Gewissheit: Es ist Denise.

Seitdem durchzuckt es Anette Lehmann jedes Mal, wenn das Telefon klingelt. Detlef Lehmann geht nie vor Mitternacht ins Bett. Er kann erst einschlafen, wenn ihm die Augen zufallen. Dabei muss er als Postzusteller früh raus. Er hat den Bezirk gewechselt. Dort, wo er früher Briefe ausgetragen hat, wohnt ein Angehöriger des jungen Mannes, der seine Tochter umgebracht hat.

Detlef Lehmann hat ihn keinen Moment aus den Augen gelassen, ihn unablässig während des Prozesses vor dem Landgericht Göttingen fixiert. Dieses verwöhnte Muttersöhnchen, wie ihn der Richter in seiner Urteilsbegründung nennt, das erst alles leugnet und dann unter der erdrückenden Beweislast sagt, dass er es gewesen sein könnte, sich aber an nichts erinnern könne.

„Was hat dir Denise getan?“, hat Anette Lehmann ihn angeschrien. Sie erhält keine Antwort. Fragen des Gerichts, was sich abgespielt hat in jener Nacht, lässt er an sich abprallen. Nur einmal zuckt er zusammen, als der Vertreter der Nebenklage in seinem Plädoyer sagt: „Ich halte Sie für einen Mörder.“

Neuneinhalb Jahre Jugendstrafe wegen Totschlags hat das Gericht ausgeurteilt. Die Eltern verstehen vor allem eines nicht: Warum wird ein 18-Jähriger, der wählen und Auto fahren darf, vor Gericht als Jugendlicher behandelt? Es sei höchste Zeit, das Jugendstrafrecht anzupassen und zu verschärfen, meint Detlef Lehmann.

Der Bundesgerichtshof hat die Strafe für zu hoch befunden. Das macht die Eltern fassungslos. Im Januar wird das Gericht erneut über das Strafmaß befinden. Sie werden da sein. Sie haben so viele Fragen.

Von Heidi Niemann

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